Schüsse in Moskauer Konzerthalle: Lebenslang für Terroristen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 12.03.2026 13:06

Schüsse in Moskauer Konzerthalle: Lebenslang für Terroristen

Fast 150 Menschen wurden bei dem Überfall auf die Moskauer Konzerthalle Crocus City Hall getötet. (Archivbild) (Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa)
Fast 150 Menschen wurden bei dem Überfall auf die Moskauer Konzerthalle Crocus City Hall getötet. (Archivbild) (Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa)
Fast 150 Menschen wurden bei dem Überfall auf die Moskauer Konzerthalle Crocus City Hall getötet. (Archivbild) (Foto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa)

Es war ein Schock für die russische Hauptstadt Moskau: Vor zwei Jahren schossen islamistische Terroristen bei einem Rockkonzert um sich und töteten fast 150 Menschen. Ein russisches Militärgericht verurteilte die vier Haupttäter nun zu lebenslanger Haft, wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass aus dem Gerichtssaal meldete. 

Weitere elf Angeklagte, von den russischen Sicherheitsbehörden als Helfershelfer eingestuft, erhielten ebenfalls lebenslang. Gegen vier Männer wurden Haftstrafen zwischen 19 und 22 Jahren verhängt. Ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus Afghanistan hatte damals den Anschlag für sich in Anspruch genommen. Trotzdem suchen die russischen Behörden bis heute nach einer angeblichen ukrainischen Spur und sehen Kiewer Geheimdienste als Drahtzieher.

Begonnen hatte der große Prozess Anfang August vergangenen Jahres, die Militärgerichtskammer zog dafür in das große Gebäude des Moskauer Stadtgerichts um. Trotz des Entsetzens über den wohl größten Terroranschlag in Russland seit Jahren und großem Interesse der Öffentlichkeit wurde hinter verschlossenen Türen verhandelt.

Überfall auf Rockkonzert mit 6.000 Besuchern

Die Urteile ergingen fast zwei Jahre, nachdem am 22. März 2024 bewaffnete Männer in die Crocus City Hall in Krasnogorsk am Stadtrand von Moskau eingedrungen waren. Dort wollten mehr als 6.000 Menschen ein Konzert der Rockgruppe Piknik hören. Die Terroristen schossen auf die Besucher und legten Feuer. Ein Teil des großen Gebäudes stürzte ein. 149 Menschen kamen bei dem Anschlag ums Leben, einer galt als vermisst, 609 Personen wurden verletzt, wie das russische Ermittlungskomitee mitteilte. Den Schaden bezifferte die Behörde mit rund sechs Milliarden Rubel (mehr als 65 Millionen Euro). 

Die nun verurteilten Haupttäter wurden damals bei der Flucht nahe der russischen Stadt Brjansk an der Grenze zur Ukraine und zu Belarus gefasst. Anschließend wurden sie der Öffentlichkeit vorgeführt und wiesen Spuren von Misshandlungen auf.

In einem Bericht über systematische Folter in Russland sagte die UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte in Russland mit Blick auf diesen Fall, dass nicht mehr nur heimlich und versteckt in Hinterzimmern gefoltert werde. Die Verdächtigen seien vor Gericht mit eindeutigen Folterspuren vorgeführt worden, ohne dass der zuständige Richter nach dem Gesundheitszustand der mutmaßlichen Täter gefragt habe, hieß es.

Terroristen aus Tadschikistan in Zentralasien

Die vier Hauptangeklagten stammen aus der islamisch geprägten früheren Sowjetrepublik Tadschikistan, sie waren als Gastarbeiter in Russland. Einer von ihnen soll nach Angaben russischer Sicherheitskreise zur Terrorgruppe Islamischer Staat Provinz Khorasan (ISPK) gehört haben, wie der IS-Ableger in Afghanistan heißt. Nach dem Anschlag veröffentlichte die Organisation ein Bekennerschreiben, das von Sicherheitsexperten als glaubhaft eingestuft wurde.

Auch die als Komplizen verurteilten Männer kommen aus Zentralasien oder den muslimischen Teilrepubliken im Süden Russlands. Ihnen wurde zur Last gelegt, die Terroristen mit Waffen oder Unterschlupf versorgt zu haben und Geld überwiesen zu haben.

Immer wieder Anschläge in Russland

Islamistische Terroristen haben in Russland immer wieder Anschläge verübt. Auslöser dafür war Anfang der 2000er Jahre vor allem die brutale Unterwerfung der muslimischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus durch russische Truppen. 2002 nahmen tschetschenische Terroristen Geiseln im Moskauer Musical-Theater Nordost, 2004 in einer Schule der Stadt Beslan in Nordossetien im Nordkaukasus. Vor 2024 gab es aber fast keine Anschläge mehr. 

Schlappe für russische Sicherheitsdienste

Trotzdem bedeutete der Überfall auf die Crocus City Hall eine Schlappe für die russischen Sicherheitsbehörden von Kremlchef Wladimir Putin. Die Botschaften der USA und Großbritanniens in Moskau hatten ihre Bürger im März 2024 vor möglichen Anschlägen gewarnt. Die Täter konnten ungehindert zuschlagen, weil die russischen Geheimdienste im dritten Jahr des Angriffskrieges gegen die Ukraine vor allem mit der Jagd auf Kriegsgegner und Oppositionelle beschäftigt waren.

Nach dem Terrorakt verschärfte sich in Russland der Ton gegen Migranten, wie das Portal Mediazona schrieb. Die Regeln für den Zugang zu Veranstaltungen wurden knapp ein Jahr nach dem Anschlag verschärft, offiziell aus Sicherheitsgründen. Tickets etwa für das Theater gibt es nur noch unter Vorlage eines Ausweises bei der Buchung und vor Ort.

Moskau hält an ukrainischer Spur fest

Obwohl die ISPK den Anschlag für sich reklamiert, versuchten russische Stellen immer wieder eine Spur zur Ukraine aufzutun. Auch in einem Kommentar zu dem Urteil beharrt das Ermittlungskomitee auf einer Verwicklung Kiews. Es sei zweifelsfrei festgestellt, dass dieses unmenschliche Verbrechen im Interesse der ukrainischen Führung geplant und ausgeführt worden sei, hieß es. Ziel sei gewesen, die politische Lage in Russland zu destabilisieren. 

Beweise wurden nicht vorgelegt. Die Ukraine hat jedwede Beteiligung bereits im März 2024 zurückgewiesen. Die russische Justiz fahndet immer noch nach zwei Drahtziehern und vier mutmaßlichen Komplizen, die sich außerhalb Russlands aufhalten sollen.

© dpa-infocom, dpa:260312-930-806714/1


Von dpa
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