„Wenn das Wort Worpswede fällt, dann sagt jeder sofort: Paula Modersohn-Becker.“ Für Gästeführerin Mira Awad ist die Malerin das Aushängeschild der Künstlerkolonie nordöstlich von Bremen. „Alle nennen sie nur Paula, als wäre sie eine Freundin von uns.“
Die Künstlerin, deren Werke auch schon in New York und Chicago zu sehen waren, hat hierzulande eine große Fangemeinde. Vielen Besuchern ist sie vertraut, vor allem dank ihrer Briefe und Tagebuchnotizen. Vor 150 Jahren wurde Paula Modersohn-Becker in Dresden geboren. Spuren hat sie vor allem in Worpswede hinterlassen.Mira Awad startet die Spurensuche mit ein paar biografischen Rahmendaten. Von Dresden, wo Paula Becker am 8. Februar 1876 als drittes von sieben Kindern geboren wurde, siedelte die Familie 1888 nach Bremen über. Beim Besuch einer Tante in England entdeckte die damals 16-Jährige ihre Liebe zur Malerei.
Mit 22 ging sie nach Worpswede und nahm privat Malunterricht bei Fritz Mackensen, dem Gründer der Künstlerkolonie. Kunstakademien waren zu dieser Zeit für Frauen noch verschlossen.
Mackensen hatte sein Atelier in der Alten Schule neben der Zionskirche. Das Haus steht noch, es ist eine der neun Stationen beim Rundgang von Awad. Nur kann die 54-Jährige ihre Führung nicht chronologisch anlegen, denn dann müsste sie mit ihren Gästen kreuz und quer über den Weyerberg flitzen, der mit gut 54 Metern einzigen Erhebung weit und breit.
Zu den Schülerinnen von Mackensen, die abschätzig „Malweiber“ genannt wurden, gehörte auch Clara Westhoff, die sich später als Bildhauerin einen Namen machte. „Paula und Clara wurden ganz schnell beste Freundinnen“, sagt Awad.
An einem Sonntag im August 1900 stromerten die beiden durch Worpswede. Die Tür zum Turm der Zionskirche stand offen. Erst genossen sie den Ausblick über das Teufelsmoor, dann wandten sie sich den beiden Seilen in der Turmmitte zu.
„Kann man ja mal probieren, was passiert, wenn man daran zieht“, so Awad lachend. Als die beiden den Kirchturm verließen, sahen sie sich einer größeren Menschenmenge gegenüber, zusammengerufen durch das Geläut - in Erwartung eines Feuers. Der Kirchenvorstand ahndete den „öffentlichen Unfug“, so der Eintrag im Protokollbuch, mit einer Geldstrafe.
Doch die beiden konnten nicht zahlen. „Also wurden sie dazu verdonnert, die Kirche zu verschönern.“ Clara Westhoff stiftete acht Engelsköpfe für die Pfeiler der Empore, Paula Modersohn-Becker steuerte Blumenmotive bei. „Harmlose Blumen“, sagt Awad, doch selbst die wurden in der NS-Zeit, in der die Malerei von Modersohn-Becker als entartet galt, übertüncht und erst 1988 wieder freigelegt. Kleine Kunstwerke, die heute gratis genossen werden können.
„Den Frauen, die damals gemalt haben, wurde zugebilligt, dass sie Stillleben malen. Paula aber wollte Menschen malen“, sagt Awad. Für ihre Portraits suchte sie Modelle und fand sie mitten im Ort - im Armenhaus, heute eine kommunale Galerie. Mit ihren Modellen ging sie in die Natur oder in ihr Atelier. Das hatte sie bei Bauer Brünjes an der Ostendorfer Straße, heute eine Ferienwohnung.
Vom Brünjeshof sind es nur ein paar Schritte bis zum Barkenhoff. Das ehemalige Wohn- und Atelierhaus des Jugendstilkünstlers Heinrich Vogeler lässt kaum ein Worpswede-Besucher aus, ein Museum informiert über sein Leben und Werk. „Um 1900 war der Barkenhoff das kulturelle Zentrum Worpswedes“, sagt Awad. Er war erster Mittelpunkt der Künstlerkolonie Worpswede.
Der Dichter Rainer Maria Rilke war häufiger zu Gast. Sonntagsnachmittags traf man sich, musizierte zusammen, rezitierte Gedichte, plauderte über Kunst. Für die junge Paula Becker war der Freundeskreis wie eine Familie - und zu der gehörte auch Otto Modersohn. 1901 heirateten die beiden.
„Otto Modersohn war der beste Ehemann, den Paula sich hätte wünschen können, weil er sie wirklich unterstützt hat und ihr alle Freiheiten ließ“, sagt Awad. Doch Paula Modersohn-Becker wurde es auf dem Dorf zu eng. „Sie war eine selbstbestimmte Frau, die sich in der Männerwelt durchgesetzt hat und unbeirrt ihren Weg gegangen ist.“
Viermal kehrte sie Worpswede den Rücken, suchte Inspiration in Paris, tauchte ein in das pulsierende Leben der Großstadt. Viermal kehrte sie zurück in das gemeinsame Haus in der Ortsmitte, heute das Museum am Modersohn-Haus.
Durch den Eingang gelangt man in einen modernen Anbau. Es ist ein privat geführtes Museum, in dessen Besitz sich 18 Originale von Paula Modersohn-Becker befinden. Sie sind im Haus zu sehen, neben Werken von Malern der ersten Worpsweder Generation wie Fritz Mackensen, Hans am Ende, Fritz Overbeck oder Otto Modersohn.
Über kurz oder lang steuert man einen kleinen Raum im alten Gebäudeteil an. An der Wand ein schmaler Schreibtisch, an dem das Ehepaar seine Briefe schrieb, darüber eine Totenmaske von Beethoven, an der Decke ein Leuchter mit einem Engel.
In diesem Raum starb Paula Modersohn-Becker am 20. November 1907, knapp drei Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde. Eine Lungenembolie, sie hatte sich gerade erst aus dem Wochenbett erhoben. „Wie schade“ sollen ihre letzten Worte gewesen sein. Sie wurde nur 31 Jahre alt.
Das Grab von Paula Modersohn-Becker befindet sich am Rande des Worpsweder Friedhofs. Die lebensgroße Skulptur auf dem Grab, eine liegende Frau mit Kind im Schoß, ist ein Werk des Bildhauers Bernhard Hoetger, der die Künstlerin schon zu Lebzeiten nach Kräften gefördert hatte und ihr ein Denkmal setzen wollte, erzählt Mira Awad.
Heute pilgern Fans aus aller Welt zu diesem Grab, legen Blumen nieder. Die Malerin, die vor ihrem Tod ganze zwei Bilder verkaufen konnte, ist als Wegbereiterin der Moderne international anerkannt.
Nach zwei Stunden endet der Rundgang mit der Gästeführerin. Genug Zeit noch, um sich dem Werk von Paula Modersohn-Becker in einem der Museen zu nähern. Oder um in der Tourist-Information einen Blick auf die Palette zu werfen, auf der die Malerin die Farben für ihr letztes Bild mischte.
Reiseziel: Worpswede liegt im niedersächsischen Landkreis Osterholz nordöstlich von Bremen.
Anreise: Mit dem Auto wie auch mit Bus und Bahn (bei bester Verbindung) ist man nach Worpswede ab Bremen gut eine halbe Stunde unterwegs. Die Autofahrt nach Bremen selbst dauert etwa ab Berlin rund viereinhalb, ab Hannover zwei und ab München acht Stunden.
Rundgang: Der Ortsrundgang auf den Spuren von Paula Modersohn-Becker kostet 18 Euro pro Person und dauert zwei Stunden (buchbar unter: worpswede-touristik.de/erleben/fuehrungen).
Ausstellungen: Anlässlich des 150. Geburtstages der Malerin präsentieren vier Worpsweder Museen in der Gemeinschaftsausstellung „Impuls Paula“ noch bis 1. November ihren Einfluss auf die Kunst bis in die Gegenwart (worpswede-touristik.de/paula150). Die Entwicklung der Künstlerin selbst zeichnet in Bremen noch bis 13. September das Paula-Modersohn-Becker-Museum in der Ausstellung „Becoming Paula“ nach; für den Herbst ist zudem eine Gegenüberstellung von Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch geplant, ein anderer Maler der Moderne (museen-boettcherstrasse.de). In Dresden beleuchtet bis 31. Mai das Albertinum die „großen Fragen des Lebens“ im Werk von Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch (albertinum.skd.museum/ausstellungen/paula-modersohn-becker-und-edvard-munch).
Weitere Infos: paula150.de; worpswede-touristik.de; worpswede-museen.de
© dpa-infocom, dpa:260509-930-58799/1