Die Geschichte klingt eigentlich zu kitschig: Ein Spieler wird wegen Dopings gesperrt und beteuert seine Unschuld. Der jüngere Bruder wechselt zum selben Club, übernimmt die Rückennummer und ist womöglich ausschlaggebend dafür, dass der Verein nach dem Aufstieg den Klassenverbleib schafft. Und das Happy End: Beide spielen nach Ablauf der Sperre gemeinsam Seite an Seite.
Was dem Skript einer TV-Serie ähneln könnte, nähert sich beim Hamburger SV der Realität. Zumindest sehnen sich viele Anhänger danach. Das kroatische Brüderpaar Mario und Luka Vuskovic hat sich schon jetzt einen Platz in der Geschichte des Traditionsclubs gesichert. Während Mario Vuskovic bis November seine vierjährige Dopingsperre verbüßt, avanciert der erst 18 Jahre alte Leihspieler Luka Vuskovic zu einem der gefragtesten Abwehrtalente Europas.
„Es ist mein Traum, mit Mario hier beim HSV zu spielen“, sagt der jüngere Bruder der Deutschen Presse-Agentur vor der Partie der Hanseaten beim SC Freiburg am Samstag (15.30 Uhr). „Ich liebe diesen Club und die Fans. Ich kann mir persönlich kein besseres Szenario vorstellen“, fügt der zweimalige Nationalspieler seines Landes hinzu.
Er weiß aber auch, dass sein Club Tottenham bei seinen Plänen ein Wörtchen mitzureden hat. „Wir haben einen guten Austausch und werden gemeinsam über den nächsten richtigen Schritt entscheiden“, sagt Luka Vuskovic, dessen Vertrag in London bis 2030 läuft. Zuletzt heizte Vater Danijel die Sehnsüchte von HSV-Fans an, dass das Leihgeschäft vielleicht über den Sommer hinaus ausgedehnt werden könnte. „Meiner Meinung nach wäre es nicht schlecht für ihn, in Deutschland zu bleiben“, sagte der Papa der kroatischen Zeitung „Sportske Novosti“.
Der junge Innenverteidiger begeistert mit beeindruckenden Zweikampfwerten und einer verblüffenden Abgeklärtheit für sein Alter. Zudem stieg er in der Hierarchie des in der Bundesliga neu formierten Clubs schnell zum Abwehrchef auf - absolvierte alle seine Bundesliga-Partien über 90 Minuten.
Er sorgt für Stabilität - und beeindruckt seinen Trainer. Laut Merlin Polzin ist es „ungewöhnlich für Spieler in seinem Alter, mit so einer Konstanz zu spielen“. Luka arbeite jeden Tag sehr hart, sagt der Coach. „Wenn ich morgens sehr, sehr früh im Büro bin, dann ist er entweder kurz nach mir oder schon kurz vor mir da und versucht, im Kraftraum zu arbeiten. Das sind die Dinge, die am Ende der Grund sind, warum er gute Leistungen bringt“, hatte der Coach zuletzt gesagt.
Vuskovic wuchs in der kroatischen Stadt Split auf. Dort ist er Teil einer Fußball-Dynastie mit enger Beziehung zum Club Hajduk Split. Lukas' Urgroßvater, Großvater, Vater, Bruder Mario und er selbst spielten für den Club. „Als Kind war ich nicht so diszipliniert oder ein harter Arbeiter. Dann bin ich auch mal erst fünf Minuten vor Trainingsbeginn angekommen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Sein Bruder Mario sei sein großes Vorbild gewesen - bei ihm habe er sich viel abgeschaut. Lukas Unterarm ziert eine Tätowierung, die dem sechs Jahre älteren Bruder gewidmet ist. Beide telefonieren fast jeden Tag miteinander.
Mit 16 absolvierte Luka sein erstes Ligaspiel. Und das hat es in sich: In der Partie vor knapp drei Jahren verliert Hajduk mit 0:4 beim großen Rivalen Dinamo Zagreb. Nach Leih-Stationen in Polen und Belgien verkaufte Hajduk Vuskovic im vergangenen Sommer an Tottenham.
Wohin führt Vuskovic' Weg also? Sein früherer Mitspieler Jonas Meffert, der sich erst kürzlich Zweitligist Kiel angeschlossen hat, adelte den jungen Profi im Interview des „Hamburger Abendblatt“ und sagte, dass Vuskovic eigentlich in die Champions League gehöre.
Dort dürfte der Weg des Ausnahmespielers auch früher oder später hinführen. „Es bedeutet mir viel, denn es heißt, dass ich eine gute Arbeit mache“, sagt Vuskovic über das überlieferte Interesse einiger Top-Clubs an ihm. Medienberichten zufolge soll der FC Barcelona ihn genauer anschauen.
Beim HSV stieg er schnell zum Publikumsliebling auf. Das liegt auch daran, dass er das erste Bundesliga-Tor nach der siebenjährigen Erstliga-Abstinenz des Clubs beim 2:1 gegen den 1. FC Heidenheim erzielte. Und spätestens sein artistisches Traumtor im Derby gegen Werder Bremen (3:2) ließ die Herzen der HSV-Fans höher schlagen. Luka hofft auf die Teilnahme bei der WM in diesem Jahr. „Für mich würde das viel bedeuten, mit 19 Jahren bei einem WM-Turnier dabei zu sein“, schwärmt er.
Für ihn läuft es blendend, für seinen Bruder weniger. Der Doping-Fall um Mario Vuskovic sorgte für viele Schlagzeilen. Mario bestritt letztmals 2022 ein Spiel für den HSV, ehe er bei einer Kontrolle positiv auf das Mittel Epo getestet wurde. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) sperrte ihn für vier Jahre. Der Abwehrspieler beteuert bis heute seine Unschuld, bekommt nach Ende der Sperre einen neuen HSV-Vertrag.
Nun blicken die HSV-Fans gespannt darauf, ob Luka möglicherweise die großen Clubs auf der europäischen Fußballbühne vertröstet und noch eine weitere Saison beim HSV spielt - zusammen mit Bruder Mario. Die Fans wären begeistert.
Falls es zu der großen Familienzusammenführung auf dem Spielfeld im HSV-Trikot kommen sollte, gibt es auch schon eine klare Aufteilung, wer welche Rückennummer auf dem Trikot erhält. „Mario bekommt die 44, es ist seine Nummer und ich trage sie für ihn in diesem Zeitraum“, sagt Luka.
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