Der lächelnde Luis Díaz hob den Daumen beim Selfie auf dem Rasen und stand als Matchwinner im Mittelpunkt der Münchner Chaostheorie. Mit einer Vorlage und dem erlösenden Treffer in der Nachspielzeit verhinderte der Kolumbianer nach der ersten Saison-Niederlage den nächsten Bayern-Frust. „Er hat diese Chaoskreativität. Im Chaos kann bei ihm immer was passieren“, sagte Vincent Kompany nach dem Last-Minute-Arbeitssieg gegen den FC St. Pauli.
Drei Tage nach dem kräftigen Champions-League-Dämpfer beim 1:3 gegen den FC Arsenal konnte der Trainer des deutschen Fußball-Rekordmeisters dank seines Flügelstars diesmal eine Stärke seines Ensembles hervorheben. Diese könnte sich vielleicht als Trumpf erweisen, wie ihn zuletzt besonders die Xabi-Alonso-Leverkusener im Doubeljahr mit späten Siegen en masse ausspielten.
„So ein Sieg gehört zu einer Saison. Es gibt uns natürlich Vertrauen für die Zukunft, dass wir das können, wenn es nochmal gebraucht wird“, sagte Kompany nach der 3:1-Einstimmung auf das eminent wichtige Pokal-Achtelfinale am Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF und Sky) beim 1. FC Union Berlin.
Díaz verdrückte sich mit einem Plastiktütchen in der Hand ohne erfüllte Interview-Wünsche rasch in einen Seitengang der Allianz Arena. Als Sinnbild dieses Bayern-Sieges stand der im Sommer vom FC Liverpool verpflichtete Mann mit dem Spitznamen Lucho auch ohne große Worte im Fokus.
„In jeder Saison, in allen großen Spielen, kleinen und großen Momenten, brauchst du Spieler, die vorangehen - und Lucho war für uns heute da“, sagte Harry Kane, der einen von gleich drei Münchner Pfostenschüssen verbuchte.
Nach dem frühen Rückstand durch Andreas Hountondji (6. Minute) ins kurze Eck des Tores von Manuel Neuer bereitete Díaz den Ausgleich durch Raphaël Guerreiro im Fallen mit großer Willensstärke und artistischem Geschick vor (44.). Mit der Schulter traf der 28-Jährige in der Nachspielzeit zum erlösenden 2:1 (90.+3). „Ich hätte das als Verteidiger selbst auch eklig gefunden, gegen so einen Spieler zu spielen, weil du nie weißt, ob du den Ball unter Kontrolle hast oder nicht“, sagte der frühere Weltklasse-Verteidiger Kompany.
Nicolas Jackson jubelte spät noch über das finale 3:1 (90.+6) und ließ die Club-Granden Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge erleichtert Beifall klatschen. „Ein super-Sieg in der Nachspielzeit, der gibt uns ganz viel Energie“, frohlockte Sportdirektor Christoph Freund nach dem Rekord von 44 Spieltagen nacheinander an der Bundesliga-Spitze. Der Vorsprung auf den Tabellenzweiten Leipzig wuchs auf acht Punkte an.
„Luis Díaz ist ein absoluter Winner-Typ“, sagte Freund. Elf Treffer und sechs Assists lautete die Scorer-Ausbeute von Díaz in dieser Spielzeit. Das sind schon jetzt mehr Tore als der am Samstag verabschiedete Kingsley Coman, Serge Gnabry oder Thomas Müller jeweils in der gesamten vergangenen Saison erzielten.
Der für rund 70 Millionen Euro von der Anfield Road an die Säbener Straße gewechselte Offensivspieler demonstriert zudem in schwierigen Momenten zumindest bislang eine Widerstandskraft, wie man sie gerne öfter von dem zu Galatasaray Istanbul gewechselte Leroy Sané gesehen hätte.
„Er lässt sich nicht rausbringen, auch wenn es mal ein bisschen schwieriger läuft“, sagte Freund. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass er ein richtiger Toptransfer ist.“ In den Anfangswochen der Saison hatte sich Präsident Herbert Hainer zur vollmundigen These verleiten lassen, dass der FC Bayern nicht zu schlagen sei, wenn Díaz auch noch Tore schieße. „Ich will ja nicht sagen, dass ich Visionär bin, aber es ist halt so“, stellte Hainer zufrieden nach diesem Auftritt des „exzellenten Fußballers und unheimlichen Arbeiters“ fest.
Schmerzlich war Díaz beim 1:3 in London nach seiner Roten Karte aus dem Spiel gegen Paris Saint-Germain vermisst worden. Die Bayern-Bosse hoffen weiter, die Drei-Spiele-Sperre reduzieren zu können. Im Pokal ist der Linksaußen dagegen gegen Union, gegen das er beim 2:2 Anfang November in der Bundesliga traf, dabei.
Nach reihenweise Pokal-Enttäuschungen wollen die Münchner im Cup-Wettbewerb endlich wieder überwintern. „Das weiß jeder, wie wichtig uns das ist“, sagte Freund. „Es ist ein Finale.“ Ziel ist das Pokalendspiel am 23. Mai - ebenfalls in Berlin, allerdings im Olympiastadion.
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