Wenn es zum Schlimmsten kommt, dann weiß die Grönländerin Tillie Martinussen schon, was sie macht. „Mein Freund und ich haben überlegt, Flugtickets nach Dänemark zu kaufen - nur zur Sicherheit“, sagt sie. „Und ansonsten können wir immer noch raus in den Fjord und die Küste rauf oder runter segeln. Dort können wir auch überleben.“
Als offene Kritikerin des US-Präsidenten Donald Trump fürchtet die 45-Jährige eine mögliche US-Invasion mehr als andere. Gerade deshalb hofft sie, dass sie ihren Fluchtplan nie in die Tat umsetzen muss. Dass sie ihn überhaupt geschmiedet hat, zeigt, wie real sich die Gefahr für Grönländerinnen und Grönländer anfühlt.
Es ist kurz vor 11.00 Uhr, die Sonne geht gerade auf und taucht den Himmel in ein goldenes Licht. Martinussen geht mit ihrer Mischlingshündin Gaia in der Nachbarschaft Gassi. Die Spaziergänge geben ihr Struktur in einer unsicheren Zeit.
„Erst standen wir unter Schock, dann haben wir Angst bekommen, und jetzt bin ich einfach nur noch wütend“, sagt Martinussen über die ständigen Trump-Drohungen, ihr Land zu annektieren. Als dessen Sohn vor rund einem Jahr in Nuuk aufschlug und Maga-Kappen („Make America Great Again“) an Grönländer verteilte, glaubten hier viele noch an einen schlechten Witz. „Dann haben wir gemerkt, dass sie das wirklich so meinen“, erzählt Martinussen.
Von ihrer Wohnung im achten Stock eines Hochhauses in Nuuk kann man über die ganze Stadt gucken. Die ist in den letzten Jahren auf 20.000 Einwohner angewachsen, mehr als ein Drittel der Bevölkerung Grönlands wohnt hier.
Die Stadt strahlt eine große Ruhe aus. In den Straßen mischt sich in diesen Tagen auch ein Gefühl der Machtlosigkeit mit trotzigem Widerstand. „Er soll uns auf jeden Fall nicht Grönland wegnehmen, der Idiot“, sagt die 78-jährige Hansine Broberg Geisler über Trump. „Er soll bleiben, wo er hingehört. Ich will ihn hier nicht haben.“
In der kurzen Einkaufsstraße im Zentrum von Nuuk preist ein Laden Shirts mit der Aufschrift „Grönland steht nicht zum Verkauf“ an. Die junge Mutter Cecilie Groth ist mit ihrem Kinderwagen unterwegs. „Mein Verstand sagt: Natürlich marschiert er hier nicht einfach ein“, erzählt sie. „Aber manchmal gehen die Gefühle mit einem durch und man denkt: Wachen wir morgens auf und sie sind einfach da? Was ist dann mit der Zukunft unserer Kinder? Das macht mir Angst.“
Ansonsten sieht man in der grönländischen Hauptstadt gerade zeitweise mehr internationale Journalisten als Grönländer. Die Hotels der Stadt sind mit Kamerateams gefüllt, mitunter sollen keine Mietautos mehr verfügbar gewesen sein. Weiter als Nuuk kommt man damit ohnehin nicht. Auf der Arktisinsel sind keine zwei Orte mit einer Straße verbunden. Manche Flüge gehen nur einmal die Woche, sie sind teuer und stark von Wind und Wetter abhängig. Deshalb knubbelt sich alles in der Hauptstadt.
Die Aufmerksamkeit ist vielen Inselbewohnern zu viel. Sie sind es nicht gewohnt, dass die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit auf sie gerichtet sind. Andererseits möchten sie möglichst viele Menschen für ihre Sache gewinnen. Tillie Martinussen gibt deshalb gerade jeden Tag Interviews. „Ich finde, es ist meine Pflicht als Grönländerin, jedem zu sagen: Wir wollen das nicht.“
Wir wollen nicht Teil der USA werden - darin sind sich inzwischen die meisten Grönländerinnen und Grönländer einig. Für Streit sorgt unter den Einwohnern der Arktisinsel aber immer wieder, wie eng das Verhältnis zu Dänemark sein soll. „Ich will weder Däne noch Amerikaner sein - ich will, dass wir selbstständige Grönländer sind“, sagt Kim Nielsen Mørck. „Und das können wir auch.“
Anfangs kam das US-Interesse vielen Grönländern nicht ungelegen - auch, um Dänemark dazu zu bringen, sich mehr zu engagieren. Heute sind viele Trump-Fans verstummt. Durch den Druck aus den USA, ist die Abhängigkeit von Dänemark nur größer geworden, nicht kleiner, so empfinden es viele.
Grönland ist zwar seit 1953 keine Kolonie mehr und inzwischen weitgehend autonom, gehört aber immer noch zum dänischen Königreich. Manche haben ohnehin enge Bande zu dem Land, für andere sind die Dänen einfach nur das kleinere Übel im Vergleich zu Trump. „Ich mag es nicht, dass jetzt mehr dänische Soldaten auf unseren Straßen zu sehen sind“, sagt Thoe Noahsen, der einen kleinen Verkaufsstand mit Second-Hand-Ware in der Innenstadt aufgebaut hat.
Dass sich jetzt so viele Länder mit Grönland solidarisieren und Nato-Partner wie Deutschland Verstärkung schicken, macht Tillie Martinussen dagegen stolz. „Diese Unterstützung zu bekommen, das bedeutet uns wahnsinnig viel“, sagt sie. Auch wenn sie sich keine Illusionen macht, dass das Trump stoppen könnte: „Wenn er in Grönland einmarschiert, dann ist alles vorbei.“
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