Drachen und U-Boote: Merz beim „Wunschpartner“ Indien | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 12.01.2026 00:59, aktualisiert am 12.01.2026 13:17

Drachen und U-Boote: Merz beim „Wunschpartner“ Indien

Merz und Modi ziehen beim Drachenfestival an einem Strang. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)
Merz und Modi ziehen beim Drachenfestival an einem Strang. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)
Merz und Modi ziehen beim Drachenfestival an einem Strang. (Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Deutschland und Indien reagieren auf den Umbruch der Weltordnung mit einem Ausbau ihrer strategischen Partnerschaft und wollen in den Bereichen Rüstung und Wirtschaft enger kooperieren. Beim Antrittsbesuch von Bundeskanzler Friedrich Merz beim indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi wurden insgesamt 27 Vereinbarungen unterzeichnet, um die Zusammenarbeit zu stärken. 

Merz zeigte sich zuversichtlich, dass die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen Indien und der EU bald einen Schub bekommen. Im Rüstungsbereich soll ein Milliardengeschäft zum Bau von U-Booten im indischen Mumbai zum Prestigeprojekt werden. 

„So wichtig Europa und die transatlantischen Beziehungen für uns Deutsche bleiben. Wir müssen heute ein weiteres, ein größeres Netz an Partnerschaften knüpfen, und zwar schnell und mit langem Atem zugleich“, sagte der Kanzler nach dem Treffen mit Modi. „Indien ist dabei ein Wunschpartner für Deutschland.“ 

Modi lobt „Aufmerksamkeit und Entschlossenheit“ des Kanzlers

Modi sagte, der Besuch des Kanzlers verleihe den Beziehungen „neuen Schwung und Vertrauen“. Er dankte Merz für seine „Aufmerksamkeit und Entschlossenheit“.

Dem Kanzler wurde in Indien ein Empfang bereitet, wie er ihn noch bei keiner seiner Reisen erlebt hat. Modi lud ihn in die Millionenmetropole Ahmedabad in seiner Heimatregion ein - eine besondere Geste der Wertschätzung, die bisher nur wenigen Gästen zuteil wurde. Seit seinem Amtsantritt 2014 waren US-Präsident Donald Trump, der chinesische Präsident Xi Jinping, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und der frühere japanische Regierungschef Shinzo Abe dort.

„Welt hat Gandhis Lehre heute wohl nötiger denn je“

Schon vor der Ankunft des Kanzlers waren die Straßen der Stadt mit ihren acht Millionen Einwohnern gesäumt von großformatigen Plakatwänden mit den Bildern von Merz und Modi. Der indische Ministerpräsident begrüßte ihn an einer frühen Wirkungsstätte des Nationalhelden Mahatma Gandhi, der zwischen 1918 und 1930 in einem Ashram - einer Meditationsstätte - in Ahmedabad lebte und wirkte. Von hier machte er sich auf, Indien durch gewaltlosen Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft zur Unabhängigkeit zu führen. „Dieses Menschheitserbe verbindet Inder und Deutsche als Freunde in einer Welt, die Gandhis Lehre heute wohl nötiger hat denn je“, schrieb er ins Gästebuch. 

Modi und Merz fuhren anschließend im selben Wagen zum traditionellen Drachenfestival, das den Übergang vom Winter- zum Sommerhalbjahr markiert und bei dem Tausende Papierdrachen in die Luft steigen. Die beiden versuchten aus einem offenen Wagen gemeinsam mehrere Drachen zu lenken. Die Bilder, wie beide an einem Strang ziehen, dürften zum Symbol dieses Besuchs werden.

Die Vorgänger bevorzugten China und Japan

Dass Merz in Ahmedabad so herzlich empfangen wurde, dürfte damit zusammenhängen, dass er anders als seine Vorgänger bei seiner ersten Reise in den östlichen Teil Asiens nicht erst nach China als wichtigstem Wirtschaftspartner und Japan als einzigem asiatischen Verbündeten in der G7 wirtschaftsstarker Demokratien reiste. In einer neuen Weltordnung, in der Großmächte wie die USA, China und Russland vor allem an die eigene Machtfülle und nicht an ein einvernehmliches Miteinander denken, ist Merz auf der Suche nach neuen und breiteren Allianzen.

Mit 19 Absichtserklärungen und acht konkreten Ankündigungen sollen die Beziehungen zu Indien nun gefestigt werden - von der Zusammenarbeit beim Abbau seltener Erde bis zur Förderung des Hockey-Nachwuchses in beiden Ländern. Die wichtigsten Ergebnisse des Besuchs betreffen aber die Bereiche Handel, Fachkräfte und Rüstung. 

Wirtschaft: Freihandelsabkommen bis Ende Januar?

Merz hofft darauf, dass das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien bei einem Gipfeltreffen am 27. Januar in Neu-Delhi unterzeichnet werden kann. Dieses Abkommen sei dringend nötig, um das volle Potenzial der Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien ausschöpfen zu können, sagte er. „Diese Chance dürfen wir und wollen wir nicht ungenutzt lassen.“ 

Fachkräfte: Schon 170.000 indische Arbeitskräfte angeworben

Die Anwerbung von Fachkräften aus Indien gilt jetzt schon als Erfolgsgeschichte und soll vor allem im Gesundheits- und Pflegebereich vorangetrieben werden. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Inder in Deutschland ist zwischen 2015 und 2025 nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit von knapp 25.000 auf knapp 170.000 gestiegen. Und mit knapp 60.000 kommt die größte Gruppe ausländischer Studentinnen und Studenten schon jetzt aus Indien.

Rüstung: U-Boot-Geschäft kurz vor dem Abschluss

Die wichtigste Absichtserklärung ist aber wohl die über die Kooperation der Rüstungsindustrien. Verträge über konkrete Projekte wurden zunächst nicht abgeschlossen. Indien will aber zusammen mit dem deutschen Unternehmen Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) in Mumbai sechs U-Boote im Wert von acht Milliarden Euro bauen. Die Unterzeichnung einer Vereinbarung darüber wird in Kürze erwartet und könnte ein Türöffner für weitere Kooperationen sein. 

Indien gilt nach der jüngsten Statistik des Friedensforschungsinstituts Sipri als größter Rüstungsimporteur der Welt. Zwischen 2019 und 2023 bezog das Land aber immer noch 36 Prozent seiner Rüstungsgüter aus Russland - auch wenn die Tendenz rückläufig ist. Deutsche Rüstungsexporte nach Indien könnten also auch die Abhängigkeit von Russland verringern. Darauf setzt Merz.

Kein erhobener Zeigefinger wegen Russland

Im Verhältnis zu Russland finden sich derzeit die wohl größten Differenzen zwischen beiden Ländern. Modi pflegt zu Moskau mindestens genauso gute Beziehungen wie zu westlichen Ländern wie Deutschland. Erst im Dezember war der russische Präsident Wladimir Putin in Neu-Delhi und wurde dort von Modi schon am Flughafen mit einer innigen Umarmung begrüßt. Solche Bilder gab es mit Merz nicht.

Das Land bezieht einen Großteil seines Öls und Gases aus Russland, das wiederum die Einnahmen in den Angriffskrieg gegen die Ukraine steckt. Merz zeigte angesichts des hohen Energiebedarfs in Indien ein gewisses Verständnis dafür. „Mein Eindruck ist, wenn Sie diese Abhängigkeit reduzieren können, dann werden sie es tun.“ Druck will er jedenfalls nicht ausüben. „Wenn Sie Druck ausüben, ist das nicht das richtige Instrument, eine Partnerschaft auf eine neue Basis zu heben“, sagte er. „Ich bin der Letzte, der hier mit erhobenem Zeigefinger Besuche in anderen Ländern macht.“

© dpa-infocom, dpa:260111-930-530460/4


Von dpa
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