Zu Hause in Wallersdorf hat Robin Nicholson sechs Gitarren. Doch der 14-Jährige ist kein Profi-Musiker, sondern einfach ein Jugendlicher, der Musik liebt und ein bisschen anders ist. Vor Jahren wurde bei ihm frühkindlicher Autismus diagnostiziert. Beim Musizieren kommt er zur Ruhe.
Mit dem Gitarrespielen hat Robin vor vier Jahren angefangen. Fast eine Stunde übt er täglich, dazu kommt manchmal Straßenmusik. Wie lange, sei deshalb „schwer abzuschätzen“, sagt er. Das Leben eines Musikers verlaufe nie „in geraden Bahnen“. Für Außenstehende klingt diese Weisheit aus dem Mund eines 14-Jährigen etwas komisch, Mutter Sonja Nicholson lacht nur. „Da kommt der Autismus durch.“ Die Alleinerziehende ist solche Sprüche gewohnt.
Als er noch ein Kleinkind war, hat man bei Robin frühkindlichen Autismus diagnostiziert. „Der Kinderarzt hat gesagt, er hat einen sehr starken männlichen Willen – mit zwei Jahren“, erzählt sie. „Er war ganz anders als mein Großer – meistens in seiner eigenen Welt. Er hat stundenlang Sachen angeschaut, die ihn interessiert haben.“ Im Gegenzug lehnte er es ab, sich mit Dingen zu beschäftigen, die er langweilig fand.
Bei einem Test im Ansbacher Bezirkskrankenhaus sollte er Klötzchen in Löcher stecken und weigerte sich. Seine motorischen Fähigkeiten demonstrierte er aber wenig später, als er einen Stecker aus einer Steckdose zog und problemlos wieder hinein bugsierte. „Weil er gewusst hat, da kann er was verändern.“
Als er drei war, erhielt Sonja Nicholson die Verdachtsdiagnose. Jedoch sagte man ihr in Ansbach, dass eine gesicherte Diagnose frühestens mit sechs Jahren möglich ist. „Das war mir zu spät, weil man mit sechs eingeschult wird.“ In der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Augsburger Josefinum testete man ihn bereits mit vier Jahren. Das Ergebnis war eindeutig: Autismus. Was sie damals gedacht habe? „Oh je, das gibt Arbeit.“ Robin stellt fest: „Sie hatte recht.“
Für Sonja Nicholson bedeutete das Wissen aber auch Erleichterung. „Man war vorher immer die Mutter, die ihr Kind nicht richtig erzogen hat.“ Jetzt hatte sie eine Erklärung, wenn sich Robin wieder anders verhielt als die anderen Kinder. „Und ich konnte mich informieren und besser Zugang zu ihm finden. Wenn man weiß, wie man ihn nehmen muss, ist er ein supertolles Kind.“
Noch heute ist sie froh über die Unterstützung der Ärzte. Neun Jahre war Robin in Therapie. Heute sei er stabil, bemerkt sie. Etwas schade findet Sonja Nicholson aber, dass es in Ansbach keine Selbsthilfegruppe für Eltern von autistischen Kindern gibt. „Ich glaube, der Bedarf wäre da.“
Mit seiner Diagnose geht Robin sehr offen um. „Kein Autist ist gleich“, teilt er mit. „Ich will zum Beispiel alles auseinandernehmen, weil mich alles interessiert.“ Seine Mutter kommentiert trocken: Wenn auf einem Riesen-Schild steht: „Nicht auf den roten Knopf drücken“, „muss er genau auf diesen Knopf drücken“.
Robin hat auch ein außergewöhnlich gutes Gehör. Das ist ein Vorteil beim Musikmachen. Oft ist es aber auch lästig – wenn die Umgebung laut ist oder viele Leute durcheinander sprechen. Selbst der Piepton des Müllautos beim Rückwärtsfahren bringt ihn aus der Fassung. Er wünscht sich, dass die Leute zu Autisten nicht mehr sagen: „Stell dich nicht so an.“ Gerade weil man ihm sein Problem nicht ansieht, stößt er oft auf Unverständnis.
Weil Robin im normalen Unterricht mit der ständigen Reizüberflutung nicht zurecht kam, wechselte er im Oktober 2022 zu einer Fernschule. Er bekommt Lernpost, schickt die bearbeiteten Aufgaben zurück und erhält im Gegenzug die Korrekturen. Die Prüfungen für die Mittlere Reife muss er später persönlich in einer Realschule ablegen.
Der 14-Jährige lernt gern. Besonders interessieren ihn Atomphysik, Chemie und alles, was mit Computern zu tun hat. „Er kriegt jede PIN raus“, stellt die Mutter fest, die nicht immer begeistert ist, wenn sie wieder mal ihr Handy-Passwort ändern muss. Robin knackt es anhand der Fingerabdrücke auf dem Display oder er achtet beim Eintippen auf die Spiegelung in den Brillengläsern.
Dass er keine Klassenkameraden mehr hat, stört ihn nicht. „Das war mir viel zu laut und zu wild. Und ich mag es, in meiner gewohnten Umgebung zu arbeiten.“ Gleichaltrige trifft er nun eben in der Freizeit: im Karate-Unterricht, im Chor oder in der Jugendgruppe.
Am liebsten aber übt er Gitarre und singt. „Musik beruhigt mich“, erzählt Robin. Das bestätigt seine Mutter: „Wenn ich ihn sehe, ist er total versunken. Er ist dann in seiner Welt.“ Besonders gern spielt Robin melancholische Lieder, langsame Rock-Musik. Linkin Park mag er.
Einen seiner ersten Auftritte hatte er beim Bardentreffen in Ansbach, dann beim Nürnberger Bardentreffen. Mittlerweile hat er fünf eigene Lieder geschrieben. Mit „Fight for it“ nimmt er am Wettbewerb „Dein Song für eine Welt“ teil. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat junge Künstler aufgefordert, Songs zu globalen Themen einzureichen.
In Robins Song geht es darum, dass jeder für eine bessere Zukunft kämpfen sollte, statt die Verantwortung weiterzuschieben. „Ich will sagen, dass jeder ein bisschen was bewirken kann“, erklärt er. Nach dem Gespräch mit der FLZ will Robin noch ein bisschen Straßenmusik in Ansbach machen. Vielleicht überzeugt er dabei noch ein paar Leute.
Bis zum Mittwoch, 23. August, kann man unter www.eineweltsong.de/voting/song/fight-for-it für den Song von Robin Nicholson abstimmen. Wenn er es unter die besten 20 schafft, kommt er in die nächste Runde.