Ein Selbstversorgungsgrad von 181 Prozent und 828 Gigawattstunden mit Hilfe von Wind, Sonne und Biomasse erzeugter Strom: Es sind absolute Spitzenwerte, die der Energie-Atlas 2023 für den Landkreis liefert. Das ist ein Grund zur Freude – wenn man auch das eine oder andere Haar in der Suppe findet.
Ja, ja, natürlich: Die 181 Prozent stehen nur auf dem Papier. Sonne und Wind sind unsichere Lieferanten: 2023 – die Daten im Energie-Atlas liegen immer erst mit deutlicher Zeitverzögerung vor – entwickelte sich vor allem dank des Windes zum Rekordjahr. Die Schwankungen sind erheblich. Lagen die drei Energieträger Wind, Sonne, Biomasse in anderen Jahren fast gleichauf, so machte der Wind nun mit 45 Prozent den Löwenanteil aus. Dank des flexibel einzusetzenden Biogases, das mit 21 Prozent zur Stromerzeugung beitrug, wäre der Autarkiegrad des Landkreises trotzdem relativ hoch.
Seit 2013 hat sich die Stromerzeugung im Landkreis fast auf 828 Gigawattstunden verdoppelt. In den vergangenen Jahren blieb man jeweils unter 700. Das ist ein gewaltiger Anstieg. An den wenigen neuen Anlagen kann das nicht alleine liegen: Die größte Freiflächenphotovoltaikanlage in Burghaslach lief ihr erstes Jahr komplett durch, genau wie zwei Windräder in Markt Taschendorf, im April 2023 wurde die erste Agri-PV-Anlage im Landkreis in Siedelbach (Markt Erlbach) eingeweiht. Der reichliche Windstrom half sehr.
Sonne gab es dafür weniger als 2022, das in dieser Hinsicht rekordverdächtig war. Doch der Anstieg der Stromerzeugung erklärt nicht alleine den gewaltigen Anstieg im Selbstversorgungsgrad, also dem erzeugten Strom im Verhältnis zum verbrauchten, auf 181 Prozent. Im Vorjahr lag diese Zahl noch bei 145 Prozent.
Dieser Sprung ist zum anderen darauf zurückzuführen, dass der Stromverbrauch das zweite Jahr in Folge sank. Ob das positiv oder negativ ist, hängt ganz davon ab: Wurden mehr Energiesparmaßnahmen umgesetzt, zum Beispiel Straßenlampen auf LED umgerüstet? Oder war die wirtschaftliche Lage schlechter und wurde weniger produziert als in den Vorjahren?
Für den Landkreis liegen keine Zahlen vor. Bundesweit sank der Stromverbrauch jedenfalls auch, was dort vom Statistischen Bundesamt auf die konjunkturelle Situation vor allem bei energieintensiven Betrieben zurückgeführt wird. Das könnte sich auch im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim ausgewirkt haben, wenn auch der Anteil des produzierenden Gewerbes relativ niedrig ist.
Eine Frage muss erlaubt sein: Wozu braucht man überhaupt einen Selbstversorgungsgrad von 181 Prozent? Die Netze können den Strom kaum abtransportieren, effiziente und bezahlbare Speicher sind noch selten.
Ein Blick in die Nachbarschaft zeigt, dass es durchaus Interesse an dem hier erzeugten Strom gibt: Schon im Landkreis Erlangen-Höchstadt, ländlich strukturiert, aber mit Großbetrieben wie Schaeffler, liegt der Selbstversorgungsgrad nur bei weniger als der Hälfte. Die Stadt Fürth kann selbst zwölf Prozent der verbrauchten Strommenge erzeugen. In Erlangen sind es fünf Prozent, in Nürnberg nur vier.
Neben dem beruhigenden Gefühl, relativ unabhängig von großen Kraftwerken oder Strom aus dem Ausland zu sein, ist der Strom auch eine Einnahmequelle für die Kommunen und ein Exportgut. Der Oberscheinfelder Bürgermeister Peter Sendner hat das mit den Worten zusammengefasst: „Unsere Gewerbegebiete liegen eben im Wald.“
Noch ein Blick auf einzelne Gemeinden im Landkreis: Markt Taschendorf löste inzwischen Hemmersheim als diejenige Gemeinde ab, bei der die Stromproduktion den Verbrauch am deutlichsten überstieg. 24mal so hoch wie der Eigenbedarf war die Produktion in Markt Taschendorf, 22mal so hoch in Hemmersheim. Auch Oberickelsheim (20mal so hoch) und Simmershofen (zwölfmal so hoch) weisen beeindruckende Werte auf. Am niedrigsten ist das Verhältnis von produziertem zu verbrauchten Strom in Burgbernheim und Münchsteinach – aber auch sie produzieren mehr als ein Drittel.
Burgbernheim und Ergersheim sind nach Neustadt und Bad Windsheim die größten Stromverbraucher im Landkreis. Eine Vielzahl an Gewerbebetrieben im Fall Burgbernheim und ein großer Betrieb in Ergersheim dürften dafür die Hauptursachen sein.
Größter Stromproduzent im Landkreis ist und bleibt Uffenheim. Markt Taschendorf hat mit 63 Gigawattstunden einen großen Satz nach vorne gemacht. Auch Emskirchen erzeugt noch mehr als die Kreisstadt Neustadt, der wesentlich kleinere Gemeinden wie Markt Erlbach, Hemmersheim und Markt Bibart dicht auf den Fersen sind.