Wer angesichts der neuesten Kirchenaustrittszahlen glaubt, es gebe nur noch wenig Interesse am Christentum, der dürfte sich am Donnerstagabend gewundert haben. Im Ansbacher Pfarrzentrum St. Ludwig wurden die Plätze knapp, als der Münchner Autor Tobias Haberl sein jüngstes Werk „Unter Heiden – Warum ich trotzdem Christ bleibe“ vorstellte.
Es ist eine Art Glaubensbeichte, ein Bekenntnis zu Gott und der katholischen Kirche. Tobias Haberl ist kein Theologe. Er hat Germanistik, Anglistik und Latein studiert und arbeitet als Redakteur für das Magazin der Süddeutschen Zeitung. Er selbst bezeichnet sich als Laie, und entsprechend persönlich ist seine Auseinandersetzung mit dem Thema Glauben in heutigen Zeiten. Das kommt offensichtlich an. Sein Buch steht weit oben in den Bestsellerlisten.
Er selbst sei sehr überrascht gewesen, als kurz nach Erscheinen seinen Buches der E-Mail-Strom nicht abreißen wollte. Der gefürchtete Shitstorm blieb jedoch aus. Im Gegenteil – viele der Nachrichten seien positiv, manche kritisch und nur vereinzelte eher negativ gewesen.
Dabei hat Tobias Haberl, wie er in seinem Werk beschreibt, zunehmend das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dass er ein gläubiger Christ und noch dazu ein Katholik ist. Er bewege sich in München vornehmlich in einem Milieu, das von einer liberal antireligiösen, gebildeten und wissenschaftsaffinen Haltung geprägt sei. Das gelte für seine Freunde ebenso wie für seine Kollegen und das Medium, für das er arbeite.
Woher kommt das Gefühl, sich in einer Gesellschaft, die sich den Pluralismus und die Toleranz auf die Fahnen geschrieben hat, zunehmend als Außenseiter zu begreifen, nur weil er an Gott glaubt? Diese Frage versucht Haberl in seinem hochinteressanten Buch auf möglichst objektive Weise zu beantworten. Er bedauert dabei gleichzeitig, dass es meist nur die negativen Nachrichten seien, die vielen zum Thema Kirche einfielen – allem voran der Missbrauch. Das dürfe man nicht verschweigen, nein, eine Aufarbeitung sei wichtig, sagt Haberl. „Das Problem ist, dass über nichts anderes mehr berichtet wird.“
Das Gute, das Kirche auch leistet, sei kaum einer Nachricht mehr wert. Aber wo wäre die Gesellschaft ohne all die sozialen Einrichtungen, das Seelsorgerische, die Rituale? Wichtige Faktoren in einer Zeit, in der der Einzelne immer mehr verloren zu gehen droht. In der er sich verirrt in all den Moden, dem Internet, den vielen Angeboten zur Zerstreuung – und dabei allmählich gleichgeschaltet werde.
Und am Ende? Da bleibe oft nur die große Leere nach dem Rausch. Religion könne darauf eine Antwort geben, auch heute noch, davon ist Haberl überzeugt. Sich zu besinnen, zu versenken, sich selbst im Glauben zu finden, bedeute für ihn Freiheit. Freiheit von einem Alltag, der immer fordernder, hektischer, desorientierter werde.
Tobias Haberls Buch ist mutig, offen und aufrichtig. Es analysiert, ohne anzuklagen, wirft grundsätzliche Fragen zum Heute auf und ist gleichzeitig ein Bekenntnis zu einem Glauben, der ein wenig gestrig scheint. Vielleicht ist Haberls Ansatz aber gar nicht so aus der Zeit gefallen, wie der Autor offenbar selbst glaubt. Die rege Anteilnahme des Publikums während der Lesepausen deutete darauf hin.