Gelassen schreiten Leander und Leopold über die lange Allee im Kurpark. Aus einer Lautsprecherbox schallen Marc Fosters Chöre, Kinder schreien und rennen. Die beiden stattlichen Wallache stört das nicht. Mit ihren Reiterinnen Jasmin Kuttner und Susanne Klopf von der Reiterstaffel der Polizei Mittelfranken sind sie auf Streife.
Die Tiere ziehen die Aufmerksamkeit der Kinder und Passanten auf sich. Schüler der Hermann-Delp-Schule, die im Kurpark den Spendenlauf „Kinder helfen Kindern“ absolvieren, versammeln sich und staunen über das in Bad Windsheim eher seltene Bild: Polizistinnen auf Pferden. Kuttner und Klopf ziehen die Zügel straff, die Pferde halten an. Leander schnaubt, Leopold niest erst einmal und pupst. Kichern. Die Barriere ist gebrochen.
Natürlich dürfen die Kinder die Pferde streicheln. „Das wollen wir ja, dass wir mit den Leuten ins Gespräch kommen“, sagt Rainer Mühlbauer, der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion Bad Windsheim, der an diesem Tag Ansprechpartner für seine beiden ortsfremden Kolleginnen ist. Reiten will eines der Kinder auch gleich. „Das geht nicht“, sagt Kuttner. Die Polizeibeamtinnen dürfen im Dienst nicht mal absteigen.
Und wie sieht es da mit den Hinterlassenschaften der Pferde aus, wer räumt die weg? Vorher werden Absprachen getroffen. In Bad Windsheim mit der Stadtgärtnerei. Gerade, als ein paar Pferdeäpfel auf den Gehweg purzeln, fährt Tobias Schmidt, der Leiter der Stadtgärtnerei, heran. Er will eigentlich gerade noch ein paar Stiefmütterchen nachpflanzen, da hatte er die Staffel gesehen. Er kurbelt das Fenster seines Kastenwagens herunter und grüßt. „Wir fahren morgen alles ab“, sagt er. Die Pferdeäpfel werden verwertet, sie kommen ins Gehölz: „Guter Dünger.“
Ein Streitthema sei es aber, keine Frage, sagt Mühlbauer. Passanten oder Anwohner beschweren sich regelmäßig bei Verunreinigung. Man sei aber dahinter her, dass im Nachgang alle Pferdeäpfel abgesammelt werden.
In Bad Windsheim sind Hauptkommissarin Susanne Klopf und Polizeimeisterin Jasmin Kuttner zum ersten Mal im Einsatz. Sie gehören der Reiterstaffel Mittelfranken an und sind mit 15 Kolleginnen und Kollegen sowie 20 Pferden für ganz Nordbayern zuständig.
In Bayern gibt es nur noch die Reiterstaffel München und eine Reitergruppe in Rosenheim. Das Gebiet der Staffel ist demnach groß, deshalb können die Streifgänge zu Pferd auch nicht regelmäßig an bestimmten Orten stattfinden.
Jede Dienststelle hat Anspruch auf Unterstützung durch die Reiterstaffel und kann diese beim Polizeipräsidium beantragen. Dort wird entschieden, erklärt Mühlbauer. Generell sind die Einsätze geplant, spontan müssen die Reiter beispielsweise bei Vermisstensuchen los. Auch hier hatte die Polizeiinspektion bereits zwei Mal in jüngster Zeit tierische Unterstützung – in Ipsheim und Markt Nordheim.
Geplant sind Einsätze bei Veranstaltungen, oder eben Streifen, wie die im Kurpark. Als „sehr idyllisch“ bezeichnet Klopf das, was sie vom Kurpark bereits gesehen hat, ihre Kollegin stimmt ihr zu. Für die Landesgartenschau 2027 geradezu prädestiniert, finden die beiden. Und da stehen die Chancen gut, dass auch sie hoch zu Ross wieder dabei sind. Mühlbauer kann sich die Unterstützung durch die Reiterstaffel bei der Landesgartenschau sehr gut vorstellen. Eine Großveranstaltung im Naherholungsgebiet, für solche Ereignisse ist die Staffel sehr gut geeignet.
Fürs Altstadtfest oder die Kanapee-Street werde die Polizei Bad Windsheim keine Unterstützung durch die Reiter anfordern, erklärt Mühlbauer. Das Kopfsteinpflaster in der Altstadt sei zwar für die Tiere „machbar“, aber nicht gut. Zudem geht es dort eng zu und es wird Alkohol getrunken. Da verlieren Gäste schon mal die Hemmungen, sagt Mühlbauer. „So ein 500-Kilo-Tier lässt sich dann auch nicht alles gefallen.“
Sportveranstaltungen, wie höherklassige Fußballspiele, Volksfeste, aber auch Versammlungen und Demonstrationen sind schwerpunktmäßige Einsatzorte, neben der Streifentätigkeiten in Naturschutz- und Naherholungsgebieten. Aus erhöhter Position behalten die Beamten einen besseren Überblick über Situationen mit vielen Menschen.
Mit einem Pferd kommt man zudem dorthin, wo man mit dem Streifenwagen normalerweise nicht entlangfährt, erregt die Aufmerksamkeit der Passanten bei Streifgängen, kommt ins Gespräch und erhält auch manchmal hilfreiche Informationen. Präsenz zu zeigen ist eine wichtige Aufgabe der Polizei, die die Sicherheit im öffentlichen Raum gewährleisten will. „Das Pferd ist einfach ein Sympathieträger“, sagt Mühlbauer. Es falle auf und baue Barrieren ab.
Die 54-jährige Susanne Klopf ist diesmal auf Leopold unterwegs. Seine Rasse kann sie nicht genau sagen, da würde sie raten. Alle Staffelpferde sind Warmblüter. Der Charakter muss passen, dann dürfen sie zur Polizei und werden dort auf dem Gelände der Reiterstaffel in Nürnberg ausgebildet und ständig trainiert. Drei Trainerinnen, die auch Polizistinnen sind, organisieren die Einheiten. Gelassen und neugierig müssen die Pferde sein, dürfen wenig Angst haben und müssen Trubel gut verkraften.
In der Staffel sind „Poolpferde“, wie Mühlbauer es bezeichnet. Nicht, wie beim Polizeihund, wo jeder sein festes Herrchen hat. Den Beamtinnen und Beamten ist zwar jeweils ein Pferd zugeordnet, sie müssen aber mit allen in den Einsatz gehen können. „Bei meinem Remus könnte ich Ihnen jetzt alles aufsagen“, sagt Klopf, lacht, und tätschelt Leopold den Hals. „Meiner darf heute entspannen.“ Ihr Hannoveraner verbringt den Tag auf der Koppel.
Ruhige Einsätze mag die Hauptkommissarin genauso, wie die mit „Action“. „Die Abwechslung macht’s interessant.“ Ihre Kollegin dagegen liebt es turbulent, bei Fußballspielen ist sie gerne dabei. Das sei wohl ihrem jüngeren Alter geschuldet, vermutet Klopf und zwinkert der 30-Jährigen zu.
Kuttner reitet seit sie klein ist, hat quasi ihr Hobby zum Beruf gemacht. Sie hat ein eigenes Pferd zu Hause. Bevor sie zur Reiterstaffel wechselte, war sie in Nürnberg im Streifendienst tätig. Eine zweijährige Zusatzausbildung war erforderlich für die Aufnahme. Dabei ist sie seit fünf Jahren.
Seit drei Jahren ist Klopf mit Pferden auf Patrouille. Ihr Hobby ist reiten nicht, sagt sie, Pferde hat sie aber schon immer geliebt. Nachdem der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder in seiner Regierungserklärung 2018 mitteilte, Reiterstaffeln in alle bayerischen Großstädte einrichten zu wollen, hat Klopf sich gefreut. „In Würzburg hat sich aber nichts getan. Dann bin ich nach Nürnberg gegangen.“
Rund eine Stunde sind die beiden vom Stall aus nach Bad Windsheim gefahren, geparkt haben sie ihr Hängergespann in der Erkenbrechtallee. Dort werden die Pferde mit Futter und Wasser versorgt. So etwa drei Stunden ruhige Streifenzeit halten die Tiere ohne Pause aus, sagt Mühlbauer.
Bei Fußballspielen und Demonstrationen, wo es richtig zur Sache geht, nicht so lange. Das stresse die Pferde viel mehr. Generell müssen die Beamten immer darauf achten, wie es ihrem Tier gerade mit der Situation geht. „Sie können ja nicht sagen: Mir drückt heute der Schuh“, sagt Mühlbauer, der die Reiterstaffel gerne öfter nutzen würde.
Mit den jüngsten Vorfällen rund um den Kurpark – der Schusswechsel im Kurpark Mitte April und eine Woche später die Knallgeräusche, die vermutlich aus Schreckschusswaffen stammten – haben die zwei Einsätze der Reiter innerhalb von einer Woche, laut Mühlbauer nichts zu tun. Darauf spricht ihn Jessica Damnik an, die ebenfalls auf die Reiterstaffel aufmerksam geworden ist.
Mühlbauer kommt mit ihr ins Gespräch und erläutert ihr den Einsatz. „Ich find’ das richtig gut“, sagt Damnik. Sie habe am heutigen Tag lange überlegt, überhaupt mit ihrem Kind in den Kurpark zu gehen. Ein zu „gefährliches Pflaster“ sei dieser geworden, findet sie und es sei Freitag, die beiden jüngsten Vorfälle, haben sich freitags ereignet, sagt sie zu Mühlbauer.
Der Beamte beruhigt, Freitag sei reiner Zufall. Er wisse, dass solche Vorfälle, die sich zudem mit wenig zeitlichem Abstand dazwischen ereignet haben, „das Sicherheitsgefühl erschüttern“. Die erst kürzlich vorgestellte Kriminalitätsstatistik zeige aber, dass „wir in einem sehr sicheren Landkreis leben“.
Solche Gespräche zeigen ihm, dass es wichtig ist, dass Bürger und Polizei in Kontakt kommen.