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Veröffentlicht am 13.06.2023 12:23

Projektschmiede in Rothenburg als Sprungbrett in den Arbeitsmarkt

Eigentlich wohnt und arbeitet Carolina Kern in Nürnberg. Jeden Montag fährt sie jedoch nach Rothenburg, um vor Ort für die Mitarbeitenden da zu sein. (Foto: Pauline Held)
Eigentlich wohnt und arbeitet Carolina Kern in Nürnberg. Jeden Montag fährt sie jedoch nach Rothenburg, um vor Ort für die Mitarbeitenden da zu sein. (Foto: Pauline Held)
Eigentlich wohnt und arbeitet Carolina Kern in Nürnberg. Jeden Montag fährt sie jedoch nach Rothenburg, um vor Ort für die Mitarbeitenden da zu sein. (Foto: Pauline Held)

Seit März ist Carolina Kern in der Rothenburger Projektschmiede als sozialpädagogische Fachkraft im Einsatz. Die Projektschmiede ist ein soziales Kaufhaus und sieht sich als Sprungbrett für den ersten Arbeitsmarkt. Menschen können in der Projektschmiede ihre gebrauchten Waren abgeben, die dann zu kleinem Preis weiterverkauft werden.

Kern hilft den Mitarbeitenden beim Ausfüllen von Anträgen und hat ein offenes Ohr für ihre seelischen Belastungen. Gleichzeitig versucht sie, mehr Kundinnen und Kunden in die Einrichtung zu locken.

„Ich bin rund um die Uhr erreichbar“, betont Carolina Kern. Seit knapp fünf Jahren arbeitet sie als Sozialpädagogin für den neuen Träger der Projektschmiede, das Wertstoffzentrum Veitsbronn. In dieser Zeit betreute sie verschiedene Gebrauchtwarenhöfe in der Region, darunter in Nürnberg, Heilsbronn und Ansbach. „Jetzt bin ich in vollem Umfang für unsere Mitarbeitenden in Rothenburg da.“

Lange hatte der Träger nach einer Fachkraft für die Projektschmiede gesucht. Kerns Vorgängerin, die Sozialpädagogin Franziska Koch, betreute mehrere Standorte gleichzeitig und konnte nur unregelmäßig vor Ort sein. Mit Carolina Kern ändert sich das. Sie ist jeden Montag als Ansprechpartnerin im Haus und ansonsten telefonisch erreichbar.

Für die Mitarbeitenden sei die individuelle Betreuung „enorm wichtig“, sagt Kern. Die Projektschmiede diene diesen Menschen als Sprungbrett. Hier sollen sie eine Perspektive erhalten und bestenfalls wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückfinden.

Anträge, Bewerbungen und Formulare

Carolina Kern will sie dabei unterstützen: „Ich helfe ihnen beim Ausfüllen von Anträgen und Formularen, erstelle mit ihnen Bewerbungsunterlagen und weise neue Mitarbeiter am Arbeitsplatz ein. Sie können aber auch immer mit ihren Sorgen und Problemen zu mir kommen.“

Diese müssen nicht unbedingt etwas mit der Arbeit zu tun haben. Gibt es Ärger zu Hause, Streit mit dem Partner, geht es um Ängste oder Suchtprobleme: „Bei mir können sie Luft rauslassen“, sagt die Sozialpädagogin.

Aktuell beschäftigt die diakonische Einrichtung neun Menschen mit einer Arbeitsgelegenheit. Sie können maximal 30 Stunden pro Woche in der Projektschmiede arbeiten und erhalten zusätzlich zum Bürgergeld pro Stunde Arbeit einen Euro und 25 Cent: „Bei uns haben sie eine feste Struktur und finden den Weg zurück in die Arbeitswelt“, erklärt Carolina Kern die Maßnahme.

„Die meisten Menschen arbeiten gerne hier, viele würden bestimmt bis zur Rente bleiben wollen“, sagt sie und lacht. Denn das ist nicht möglich: Höchstens zwei Jahre können die Maßnahmeteilnehmenden hier arbeiten, gibt das Jobcenter vor. Der Grund: Die Arbeitsbedingungen seien hier leichter.

Zudem unterstützen fünf Festangestellte das Team. „Langzeitarbeitslose mit multiplen Vermittlungshemmnissen“: So lautet die Bezeichnung des Jobcenters für die Menschen, die in Einrichtungen wie der Projektschmiede eine zweite Chance bekommen. Die meisten von ihnen haben gesundheitliche Probleme und können sich deswegen nur schwer in den Arbeitsmarkt integrieren, erklärt Kern.

Andere waren lange süchtig, nach Alkohol oder Drogen. Manche haben keine Arbeitserfahrung, keinen Schulabschluss oder ihnen fehlen die Schlüsselqualifikationen. Viele kämpfen mit hohen Schulden. Gerade während der Corona-Pandemie hätten sich zudem psychische Erkrankungen wie Depressionen, Phobien und Ängste stark gehäuft.

Carolina Kern nimmt die Sorgen der Menschen oft mit nach Hause. „An manchen Tagen passiert so viel auf einmal, das ist hart“, sagt sie. Gerade, wenn es um Themen wie häusliche Gewalt geht. „Ich stehe den Menschen dann beratend zur Seite, verweise auf Beratungsstellen und fahre mit zur Polizei, wenn sie Anzeige erstatten wollen.“

In den vergangenen zehn Jahren sei es für die Maßnahmeteilnehmenden immer schwieriger geworden, wieder in den ersten Arbeitsmarkt zurückzufinden. Die Arbeitslosenquote liegt aktuell bei 5,7 Prozent – das ist nicht hoch, sagt Carolina Kern. Die Menschen, die jetzt noch keine Arbeit haben, seien meist schwer vermittelbar, häufig wegen gesundheitlichen Problemen. „Sie unterzubringen, ist sehr schwer“, bedauert Kern.

Zehn bis 15 Prozent finden einen Job

In der Regel finden zwischen zehn und 15 Prozent nach ihrer Arbeit in der Projektschmiede einen Job. „Das klingt vielleicht nach wenig, aber für jeden Einzelnen ist es ein voller Erfolg.“

Nebenbei versucht Carolina Kern, mehr Kundschaft für die Projektschmiede zu gewinnen. „Im Schnitt haben wir 100 Käufer am Tag“, sagt sie. Als das Wertstoffzentrum Veitsbronn die Einrichtung vor eineinhalb Jahren übernahm, waren es laut Kern gerade einmal sieben. „Wir sind von null auf 100 gestartet.“

Obwohl die Projektschmiede eine gemeinnützige Einrichtung ist, muss sie auch wirtschaftlich arbeiten und einen gewissen Umsatz machen. Im Moment befinde sie sich leicht im Minus. „Wir sind immer noch im Aufbau und arbeiten daran, den Umsatz und die Kundschaft zu steigern.“


Von Pauline Held
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