Strandurlaub und Straßenbahn: Mit Belgiens Küstentram | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 17.05.2026 00:07

Strandurlaub und Straßenbahn: Mit Belgiens Küstentram

Schienen am Strand: Auf 67 Kilometern fährt die Kusttram fast die ganze belgische Küste entlang. (Foto: Visit Flanders/dpa-tmn)
Schienen am Strand: Auf 67 Kilometern fährt die Kusttram fast die ganze belgische Küste entlang. (Foto: Visit Flanders/dpa-tmn)
Schienen am Strand: Auf 67 Kilometern fährt die Kusttram fast die ganze belgische Küste entlang. (Foto: Visit Flanders/dpa-tmn)

Als entferntes Wummern ist sie zu hören, als feine Vibration im Sand zu spüren. So liegt man am weiten Nordseestrand, nimmt auf dem Handtuch ein Sonnenbad und: die Straßenbahn wahr. Die Küstentram, auch „Kusttram“ oder kurz „KT“ genannt, sie ist allgegenwärtig am Meer in Flandern.

Die Linie führt fast die ganze Küste Belgiens entlang, 67 Stationen auf 67 Kilometern, vom Seebad Knokke-Heist an der Grenze zu den Niederlanden bis nach De Panne unweit von Frankreich. Damit ist sie die längste Straßenbahnlinie der Welt, so lautet zumindest ein Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde von 2014.

Einheimische nutzen die moderne Niederflurbahn zum Pendeln und Shoppen, für Touristen ist sie ideales „Hop-on-Hop-off“-Gefährt für einen abwechslungsreichen Strandurlaub mit der ganzen Familie. Mit der Tram das Meer entlang - das klang bei der Urlaubsplanung für die Eltern und die Kinder nach einem guten Konzept.

Villen und Luxusautos

Wir starten in Knokke-Heist, wo andere Verkehrsmittel der „KT“ zunächst die Show stehlen. Die Dichte an Edelkarossen in Belgiens mondänstem Seebad ist hoch. Während normalsterbliche Touristen wie wir im Sightseeing-Modus mit einem Golfcart durch die Straßen des Villenviertels Het Zoute surren, zeigen andere, was sie haben: Ein altes Jaguar-Cabrio cruist in den Kreisverkehr, wir sichten Lamborghinis. Der Nachwuchs zählt von der offenen Cart-Rückbank aus mit wachsender Begeisterung die Ferraris, die Porsches. 

Zählen könnte man auch die Edelboutiquen, die Feinkostläden. Vier Sterne-Restaurants kommen in Knokke-Heist auf gut 30.000 Einwohner.

Hochhäuser wie übergroße Setzkästen

Und wie praktisch alle größeren Orte an der Küste Belgiens werfen Hochhausreihen den Schatten der Morgensonne auf den Strand, abends sitzen die Menschen dort auf den Balkonen ihrer Meerblick-Wohnungen im Sonnenschein wie in einem riesigen beleuchteten Setzkasten.

„Die Küste ist verschandelt mit diesen Bauten“, sagt Mieke van den Sande, eine drahtige braungebrannte Frau, die auf die 80 zugeht. Sie ist Naturführerin im Naturpark Het Zwin am Rand von Knokke-Heist, den wir mit dem Golfcart ansteuern. „Hier sind wir in einer anderen Welt“, sagt sie und macht eine öffnende Armbewegung über Dünen und Salzwiesen, Polder und Schlickflächen: „So muss es sein.“ Von Bebauung ist hier am Zwin nichts zu sehen, auch die Tram dringt nicht bis hierher vor.

Zwin bezeichnet den Meeresarm, der im Mittelalter Brügge zu einer der wichtigsten Handelsstädte Europas gemacht habe, erklärt Mieke. Heute ist er versandet. Nur noch die Gezeiten überschwemmen Teile dieser Slufter genannten flachen Küstenregion. Das Naturreservat, das sich bis in die Niederlande erstreckt, ist ein bedeutendes Rast- und Brutgebiet für viele Vogelarten. Beste Beobachtungszeiten seien März und April sowie September und Oktober, sagt Mieke.

Trasse entlang der Dünen

An der Endhaltestelle in Knokke steigen wir endlich in die Tram. Vorbei geht die Fahrt am Überseehafen Seebrügge, der vor über hundert Jahren Brügge wieder einen Zugang zur Nordsee verschaffte. Eine Phalanx parkender Neuwagen auf einer endlosen Stellfläche zieht vor dem Tramfenster vorbei. 

Dass Belgiens Küste mehr als nur Hochhäuser und Hafen bedeutet, zeigt sich unterwegs auf Schienen spätestens ab Blankenberge. Pappeln, Dünengras, Sanddornbüsche gleiten vorbei – die Trasse verläuft direkt an den Dünen. Im Ort schiebt ein Mann mit Karre mehrere Säcke Pommes Frites in einen Imbiss namens „Magic Friet“. Eine andere belgische Spezialität wartet in De Haan.

Anne Vincke, Besitzerin des Cafés „René“, erklärt den Unterschied zwischen Waffeln aus Brüssel und Waffeln aus Lüttich: „Die einen werden mit mehr Hefe und ohne Zucker gebacken und dann mit Puderzucker bestreut, die anderen sind mit weniger Hefe und viel Zucker.“ Einstimmiges Familienfazit: beide lecker.

Belle Époque und Einstein

De Haan ist der Vorzeigeort an der belgischen Küste, was auch Bauauflagen von König Leopold II. vom Ende des 19. Jahrhunderts zu verdanken ist. Die Familie bestaunt eine Belle-Époque-Villa nach der anderen, alle in der Epoche des aufkeimenden mondänen Küstentourismus entstanden.

In der Villa Savoyarde wohnte vor seiner Emigration in die USA 1933 Albert Einstein, nachdem er Nazi-Deutschland verlassen hatte. Aus einem der Fenster grinst ein Einstein-Pappaufsteller, als wir mit einem Billenkart, ein typisch belgisches Pedal-Gokart, vorbeistrampeln.

Die Tram-Fahrt geht weiter. Tipp: sich ganz nach hinten setzen. Hinter dem riesigen Heckfenster laufen die Gleise in der Entfernung spitz zu, die historische Straßenbahnstation von De Haan, ebenfalls ein hölzern-ornamentiertes Belle-Époque-Gebäude, schrumpft.

Räder und Gleise reiben sich quietschend aneinander, als die Tram zwischen Kiesbergen, Fähren und Förderbändern durch den Hafen von Ostende kurvt und schließlich am Hauptbahnhof so viele Fahrgäste aufnimmt, wie sonst nirgends auf der Strecke. „Mama, jetzt sind wir hier auch so richtig am Bahnhof“, sagt der Jüngste.

Weitblick aufs Meer

Hinter knallgelben Stangen zum Festhalten und Ticketscannern schieben sich das modernistische Casino Ostende und die 400 Meter lange Königliche Galerie von 1906 vorbei, deren neoklassizistischer Säulengang begüterte Bürger auf ihren Spaziergängen vor Regen und Sonne schützen sollte. Und dann ist er da, der Strand hinterm Tramfenster. Der Blick nach rechts weitet sich wie bislang noch nicht: Es ist Ebbe, das Meer hunderte Meter entfernt.

 

An der Station Mariakerke-Duinenkerkje wuchten wir unsere Koffer auf den Bahnsteig und zerren sie Richtung Refugium „Les Cabanes“ - vorbei an einer Kirche in den Dünen bis zu einer Maschendraht-Zauntür an der Ausfallstraße, hinter der sich ein mit Wildgräsern übersäter und Schotterwegen durchzogener Garten mit modern und komfortabel eingerichteten Hütten verbirgt. Hinter jeder ein Hot Tub, den man mit Holz befeuert, davor Fahrräder, darunter ein E-Lastenrad, das wir am nächsten Tag für den Strand nutzen. Auf einer Insel im angelegten Schwimmteich können Gäste ein Saunafass nutzen. Ein unerwartetes Kleinod in Belgiens größter Küstenstadt.

Krabbenfischen mit Pferden

19 Stationen weiter, am Halt Oostduinkerke-Bad, wartet ein Unesco-geadelter Schatz: Seit 2013 ist das Krabbenfischen mit Pferden ein eingetragenes immaterielles Weltkulturerbe. Zwischen Frühjahr und Spätsommer demonstrieren in Ölzeug gehüllte Fischer mehrmals in der Woche diese Tradition, die an diesem Tag hunderte Touristen anzieht. Mit dem Handy in der einen und den Schuhen in der anderen Hand folgen sie den Fischern, die mit ihren zotteligen Brabanter-Pferden Richtung Brandung ziehen, eine Völkerwanderung in hochgekrempelten Hosen. 

Am Wasser befestigen die Fischer trichterförmige Netze über lange Seile am Halsring der Pferde. Dann ziehen sie von Möwen umschwirrt in die Wellen. Krebse, kleine Plattfische und in dem ganzen Gewimmel kaum sichtbar nur ein paar Krabben: Mager ist die Ausbeute, die sie später in Körben präsentieren. Die Krabbensaison geht erst im Herbst los.

„Im Hochsommer machen sie es nur für die Touristen“, sagt José Vanhoutte über die Pferdefischer. José ist ein Hobbyfischer von über 70, mit dem wir anderntags unterwegs sind. Was er mit seinen Freunden Eddy Barbier und Johny Popieul, beide ebenfalls im Rentenalter, in Koksijde eine Tramstation weiter anbietet, ist der Ursprung der Garnelenfischerei an der belgischen Küste: Schleppnetzfischen zu Fuß.

Auf Fang zu Fuß

Früher, als die Männer über Monate auf See waren, seien die mit den Kindern daheimgebliebenen Frauen zur Selbstversorgung erfinderisch geworden: „Sie sind raus, bei Ebbe, mit Netzen ins Meer und haben Krabben gefischt. Das war vor den Pferdefischern“, sagt José. Wenig später ziehen wir in Gummikleidung gehüllt selbst trichterförmige Netze hinter uns her, hinter der Brandung durch brusthohes Wasser parallel zum Strand entlang der Sandbänke. Dort stehen die Chancen auf einen Fang am besten.

Aber die Familienausbeute ist ebenfalls mager, dafür deren Analyse mit der Pinzette umso interessanter: 100 Gramm Krabben sind es am Ende vielleicht nur. Im Netz gelandet sind auch Petermännchen mit Giftstachel. Deren Stich kann für heftige Schmerzen sorgen. Kleine Plattfische, die ebenfalls gefangen wurden, entpuppen sich als Baby-Steinbutte, wie José erläutert. Er greift eine Krabbe, trennt deren Kopf ab und steckt sich den Rest in den Mund. Für alle anderen empfiehlt er das Kochen, am besten so lange der Fang noch frisch ist: „Sonst löst sich die Schale nicht gut.“

Der letzte Stopp ist ein Höhepunkt des Straßenbahnstrandurlaubs, gemessen an der Vorfreude der Kinder zumindest. Wir steigen an der Station Plopsaland aus, benannt nach dem Vergnügungspark in De Panne, wo man in Fahrzeuge wechseln kann, die das Adrenalin mehr fördern als die Tram.

Aber Achtung: Wer direkt vom Strand kommt, sollte auf festes Schuhwerk achten, denn in Sandalen oder Flipflops darf man manche Fahrgeschäfte nicht nutzen. Der Gegensatz zur fast unberührten Natur in Zwin im Norden, er könnte kaum größer sein.

Links, Tipps, Praktisches:

Anreise: Startpunkt einer Straßenbahntour über die volle Distanz können Knokke-Heist oder De Panne sein. Beide Orte sind etwa ab Berlin oder München in je rund zehn Stunden mit dem Auto zu erreichen. Mit der Bahn geht es über Brüssel, von wo es je nach Verbindung noch anderthalb bis zwei Stunden zu den Tram-Endstationen sind.

Unterwegs mit der Straßenbahn: Einzel-, Tages- und Mehrfahrten-Tickets kann man unter delijn.be/de kaufen oder spontan an Automaten. Für einen Urlaub empfiehlt es sich, an drei oder vier Orten Quartier zu beziehen und entlang der Strecke auch hin- und herzufahren. Die Attraktionen und Anlaufpunkte sind oft nur wenige Stationen voneinander entfernt.

Unterkunft: An der belgischen Küste ist das Angebot, auch an Familienunterkünften, vielfältig und reicht vom Grandhotel aus der Belle Époque (wie das „Belle Vue“ in De Haan mit Familienlofts) über einfachere Hotels (etwa das „Rewind Hotel“ in Oostduinkerke mit gekoppelten Zimmern) und Appartements (wie die „Holiday Suites“ in Seebrügge) bis zum Refugium der „Les Cabanes“ in Ostende. Der Vergnügungspark Plopsaland verfügt über ein eigenes Themenhotel („Plopsaland Theater Hotel“). 

Weiterführende Informationen: visitflanders.de; belgischekueste.be; visitoostende.be

© dpa-infocom, dpa:260516-930-89045/1


Von dpa
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