Studium in Neuendettelsau: Quereinsteiger wollen ins Pfarramt | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 04.12.2024 09:00

Studium in Neuendettelsau: Quereinsteiger wollen ins Pfarramt

Zupackend auf der Hausbaustelle und im Job: Rolf Hollering. (Foto: Fittilouis)
Zupackend auf der Hausbaustelle und im Job: Rolf Hollering. (Foto: Fittilouis)
Zupackend auf der Hausbaustelle und im Job: Rolf Hollering. (Foto: Fittilouis)

In Zeiten von Kirchenaustritten und Religionskritik müssen sich gläubige Menschen nicht selten dafür rechtfertigen, wie man noch in der Kirche sein kann. Umso mehr gilt das für jene, die mitten im Berufsleben einen neuen Weg einschlagen, um Pfarrerin beziehungsweise Pfarrer zu werden.

Sie kommen aus der Medizin, dem Schuldienst oder der Wirtschaft. 15 Frauen und Männer aus ganz Bayern haben einen neuen Studiengang an der theologischen Augustana-Hochschule der evangelisch-lutherischen Kirche in Neuendettelsau begonnen, der ihnen den Quereinstieg ins Pfarramt ermöglicht.

In der Politik spielt das Christliche kaum noch eine Rolle

Rolf Hollering (45) ist studierter Politikwissenschaftler und Philosoph, in einem großen Technologie- und Dienstleistungsunternehmen tätig und acht Jahre für die Grünen in der Kommunalpolitik aktiv gewesen: in Frankfurt am Main und in Coburg.

„In der Politik spielt das Christliche mit seinen schönen, aber auch fordernden Gedanken kaum eine Rolle mehr“, bedauert er. Was tut der Schöpfung gut, wie funktioniert Nächstenliebe am besten?

Diese christlichen Leitprinzipien könnten helfen, so Hollering, „einen Straßenneubau eine Nummer kleiner zu denken oder eine Innenstadt ein wenig grüner“. Mehrheiten finden diese bodenständigen, christlichen Gedanken nach seiner Erfahrung nicht mehr.

Vielfalt als Bereicherung

Rolf Hollering möchte aktiv mitarbeiten, wie er sagt, „damit Kirche wieder viel mehr als ein Raum gesehen wird, der Freiheiten gibt, die sonst im Leben kaum Platz haben“. In der Kirche sei Zeit, sich Gedanken über große Lebensfragen und eine stimmige Lebensführung zu machen. Arbeit und Medienkonsum zum Beispiel nähmen im Alltag viel Zeit ein und böten diesen wichtigen Raum üblicherweise nicht. Dabei gehe auch kulturell etwas in Deutschland verloren.

„Das Leben ist lebenswerter, wenn die christlichen Gedanken darin eine Rolle spielen und wir freundlich-zugewandt miteinander umgehen.“ Durch die Ausbildung bei der Landeskirche und das Mitmachen möchte er mithelfen, „dass das Gespräch darüber lebendig bleibt“.

Die Reaktionen in der Firma, im Freundeskreis und in der Familie über seine Entscheidung „waren voller Faszination“, sagt er. Alle hätten irgendeinen Bezug zu Kirche oder religiös geprägtem Aufwachsen, nur werde normalerweise nicht darüber geredet. Fast, als wäre es ein Tabu. „Dabei ist alles um uns herum davon geprägt. Sogar die neueste Lidl-Werbung nutzt ein biblisches Motiv.“

Miriam Falkenberg arbeitet seit 25 Jahren als Sozial- und Theaterpädagogin in München sowie freiberuflich als Lyrikerin und leitet als ehrenamtliche Prädikantin Gottesdienste in ihrer Kirchengemeinde St. Lukas. Die gebürtige Rheinländerin stammt aus einem katholischen Elternhaus und wurde religiös erzogen.

Kirche als Glaubens- und Lebensgemeinschaft

Jahre später veranlassten Aussagen des damaligen Papstes Benedikt Miriam Falkenberg und ihre Partnerin zur evangelischen Kirche zu konvertieren. Ihre Tochter ist das Kind eines evangelischen Pfarrers, der mit einem Mann zusammenlebt. Zu fünft leben sie als Regenbogenfamilie.

„Ich habe in der Kirche offene Arme und einen offenen Geist erlebt“, sagt Miriam Falkenberg, „die mich nimmt, so wie ich bin und so wie ich liebe.“

Sie versteht Kirche als eine Glaubens- und Lebensgemeinschaft, die Vielfalt als Bereicherung willkommen heißt, und auch als Korrektiv zu Gesellschaft und Politik und als Teil einer lebendigen Demokratie. „Wir brauchen eine Kirche, die sich für andere Religionen aufmacht, um zusammen die großen Probleme der Menschheit anzugehen.“

Die 50-Jährige möchte dazu beitragen, „die Kirche zu erneuern“. Als hauptamtliche Pfarrerin könne sie das „mit ganzer Kraft tun“. Bis es soweit ist, werde sie in ihrem jetzigen Job Stunden reduzieren müssen und finanzielle Einbußen haben. Aber die drei Jahre bis zum Vikariat seien überschaubar.

Der berufsbegleitende Studiengang an der Augustana-Hochschule mit einer Mischung aus Präsenzseminaren an Wochenenden, Onlinevorlesungen und Selbststudium lasse Beruf und Familie miteinander vereinbaren. „Es ist exakt das Format, das für mich umsetzbar ist“, sagt Miriam Falkenberg.

Traumberuf Pfarrerin

Unter den Studierenden ist auch eine 49-jährige Medizinerin, spezialisiert auf Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Vor 30 Jahren wäre ein Theologie-Studium für die Münchnerin nicht infrage gekommen. Erst mit der Geburt ihrer Kinder beschäftigte sie sich verstärkt mit Religion. Seit zwölf Jahren engagiert sie sich als Lektorin und Prädikantin. Nun geht sie mit dem Studium noch einen Schritt weiter.

Eine Fotografenmeisterin aus dem Landkreis Dachau erfüllt sich mit dem neuen Studiengang ihren ursprünglichen Berufswunsch. Sie wollte schon als junges Mädchen Pfarrerin werden. Um möglichst schnell Geld zu verdienen, machte sie nach dem Abitur aber eine Ausbildung. Mit der Geburt ihres Sohnes vor 14 Jahren schulte sie zur Katechetin um, gibt Religionsunterricht an Grund- und Mittelschulen. Jetzt studiert die 45-Jährige Theologie, um als Pfarrerin arbeiten zu dürfen.

An der Augustana

Studium neben dem Beruf

Der bereits begonnene neue Studiengang ist auf drei Jahre angelegt: für Personen, die berufsbegleitend Theologie studieren wollen.

  • Die meisten Vorlesungen finden digital statt, es sind aber auch Blockseminare vorgesehen. Nach dem erfolgreichen Abschluss folgen zwei Jahre praktische Ausbildung, das Vikariat, ehe die Studierenden als vollwertige Pfarrerinnen und Pfarrer in der bayerischen Landeskirche arbeiten dürfen.
  • Über 50 Personen hatten sich für das aktuelle Wintersemester beworben. Eine der Grundvoraussetzungen: eine gewisse Berufserfahrung, in der Regel acht Jahre. Das Abitur ist kein Muss, ein mittlerer Schulabschluss reicht. Nach einer fachlichen Prüfung folgten die Auswahlgespräche.
  • Der berufsbegleitende Studiengang wurde von der bayerischen Landeskirche geschaffen, um Menschen, die ihre Berufung erst im Laufe des Lebens gefunden haben, einen Quereinstieg zum Pfarramt zu ermöglichen. Sie können ihre Lebens- und Berufserfahrung mit dem Beruf des Pfarrers beziehungsweise der Pfarrerin verbinden.

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