Seine Aussage im Gerichtssaal 250 beginnt Marius Borg Høiby unter Tränen. „Es fällt mir wahnsinnig schwer, vor so vielen Menschen zu sprechen“, sagt der Sohn von Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit. „Ich werde von der Presse verfolgt, seit ich drei Jahre alt bin.“ In seinem Rücken sitzen mehrere Dutzend Journalisten, die den Vergewaltigungs-Prozess gegen den 29-Jährigen begleiten. Außer ihrem Tippen ist kurz nichts zu hören im Saal, als Høiby seine Brille abnimmt und sich mit einem Taschentuch die Augen trocknet.
Danach ist er deutlich gefasster. Mit verschränkten Armen, vor sich einen Notizblock und einen Stift in der Hand, berichtet der Norweger von der Nacht im Dezember 2018, um die es am zweiten Prozesstag geht. In der Residenz des Kronprinzenpaares soll Høiby eine Frau sexuell berührt haben, während sie schlief. Videoaufnahmen, die der Angeklagte selbst gemacht haben soll, sollen die mutmaßliche Tat zeigen.
„Ich erinnere mich nicht, dass ich sie gemacht habe“, sagt Høiby am Mittwoch vor Gericht aus. Er erinnere sich daran, einvernehmlichen Sex mit der Frau gehabt zu haben - und an einige Trinkspiele mit Freunden. An den geschilderten Vorfall aber nicht.
Ein völliger Blackout - so beschreibt das mutmaßliche Opfer ihr Erlebnis in der fraglichen Nacht im Gerichtssaal laut der norwegischen Zeitung „Verdens Gang“: So etwas habe sie noch nie erlebt. „Vielleicht habe ich etwas eingeflößt bekommen, das ich nicht selbst zu mir genommen habe“, zitiert die Zeitung die Frau. Laut ihrer Aussage hatten Høiby und sie in der Nacht sehr kurz Sex auf der Toilette - an das, was auf den Videoaufnahmen zu sehen sein soll, hat sie der Zeitung zufolge überhaupt keine Erinnerung: „Ich habe es erst gar nicht geglaubt.“
Den Raum, in dem sie auf den Videos liegt? Erkennt sie nicht wieder. Wie sie dorthin gekommen ist? Weiß sie nicht. „Hat er mich dort hingetragen?“ All das fragt sich laut „Verdens Gang“ die „Frau vom Fest“, wie die norwegischen Medien sie nennen, um sie nicht zu identifizieren. Nur wenige norwegische Medien dürfen die Aussage der Frau im Gericht mitverfolgen.
Das Gericht spielt am Mittwoch Teile der ersten Polizei-Befragung der Frau zu dem Fall ab. Darauf ist norwegischen Medien zufolge zu hören, wie sie völlig ungläubig auf Videoaufnahmen reagiert, die die Tat zeigen sollen. „Ich habe nicht verstanden, dass das eine ernsthafte Vernehmung war“, sagt sie laut „Verdens Gang“ über die Befragung. „Ich dachte, es wäre versteckte Kamera.“
Als „Verrat und Schock“ empfand sie die mutmaßliche Tat laut der Zeitung: „Ich konnte nicht verstehen, dass Marius mir so etwas antun konnte.“ Davor hatte sie ihn demnach als netten, charmanten Kerl erlebt.
Der Angeklagte Høiby macht sich während der Aussage der Zeugin Notizen in seinem Block, eine halbe Seite voll. Später schaut er bei seiner eigenen Aussage immer wieder darauf.
„Ich habe ein Leben gelebt, in das sich wohl die wenigsten hineinversetzen können“, sagt der Norweger. „Mit vielen Partys, Alkohol, Drogen.“ Sex und Rausch seien Teil dieses Lebens gewesen. „Ich war immer nur bekannt als Mamas Sohn - nichts anderes.“ Deshalb habe er ein großes Bedürfnis nach Bestätigung gehabt. Am frühen Nachmittag bittet der Angeklagte um eine kurze Pause. Ein Polizist begleitet ihn aus dem Gerichtssaal.
Es ist nur der erste Fall von vielen, zu denen der Sohn von Kronprinzessin Mette-Marit sich einlassen soll. Høiby ist in 38 Punkten angeklagt - darunter sind vier Fälle von Vergewaltigung nach norwegischem Recht. Noch bis Mitte März sollen der Angeklagte, mutmaßliche Opfer sowie zahlreiche Zeugen in dem Prozess aussagen.
Høibys Mutter - Kronprinzessin Mette-Marit - wollte der Aufregung um ihren Sohn eigentlich entfliehen: Sie hatte eine private Reise geplant. Die ist aber nun abgesagt. Denn auch sie steht gerade massiv unter Druck. Über Jahre soll sich die Kronprinzessin in privaten Mails mit dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein ausgetauscht haben. Viele Norweger nehmen ihr das enorm übel. Manche zweifeln schon an der Zukunft der Monarchie.
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