Uffenheimer Hallenbad statt Kurfürstendamm: Bürgermeister gehen auf Klassenfahrt | FLZ.de | Stage

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Uffenheimer Hallenbad statt Kurfürstendamm: Bürgermeister gehen auf Klassenfahrt

Die Verwiegung der Bürgermeister: Die Teilnehmer der Fahrt mussten bei der Firma Reiling in Burgbernheim auf die Lastwagen-Waage. Das Ergebnis: 4,8 Tonnen. (Foto: Johannes Zimmermann)
Die Verwiegung der Bürgermeister: Die Teilnehmer der Fahrt mussten bei der Firma Reiling in Burgbernheim auf die Lastwagen-Waage. Das Ergebnis: 4,8 Tonnen. (Foto: Johannes Zimmermann)
Die Verwiegung der Bürgermeister: Die Teilnehmer der Fahrt mussten bei der Firma Reiling in Burgbernheim auf die Lastwagen-Waage. Das Ergebnis: 4,8 Tonnen. (Foto: Johannes Zimmermann)

Dienstag, 7 Uhr, Neustadt: Bei Dunkelheit und leichtem Nebel in der Ferne wird jeder zum Schatten. Auch Bürgermeister. Am Festplatz in Neustadt fährt der Bus ein. Abfahrt? Nein. Warten! Denn einer fehlt noch: Landrat Dr. Christian von Dobschütz höchstselbst.

Im Bürgermeisterkreise wird spaßig diskutiert, ob es sich überhaupt lohnt, auf ihn zu warten. Nach kurzem Austausch ist klar: Ja. Schließlich könnte es sein, dass der Landrat bei seiner Ausflugspremiere in seiner neuen Funktion das Abendessen privat springen lässt.

Hop-on, hop-off durch den Landkreis-Westen

Der Bus ist vermeintlich leer. Aber nein, ganz hinten, da sitzen sie: die Nordlinge, die Bürgermeister aus dem Raum Scheinfeld. „Die Schwätzer sitzen immer hinten“, kommentiert der Landrat trocken. Künstliche Intelligenz in Verwaltungen, Gesundheitsförderung bei Bier und Schäufele und die Malle-Ausflüge des Party-Kollegen David Schneider aus Hagenbüchach sind die Topthemen. Der Feierkönig ist aber an diesem Tag nicht dabei. Leider.

Der Stimmung aber tut dies keinen Abbruch. Die Veranstaltung erinnert ein bisschen an die bekannten Hop-On- und Hop-Off-Fahrten in den Metropolen. Nur eben in der Heimat. Bad Windsheimer Klinik statt Brandenburger Tor.

Uffenheimer Hallenbad statt Kurfürstendamm. Tourismus in der Heimat. Am Dienstag sind Bad Windsheim, Burgbernheim, Ergersheim, Uffenheim und Auernhofen die Ziele.

Traditionell ergreifen die Bürgermeister das Wort, sobald der Bus ihr Territorium erreicht hat, um ihre Kommunen vorzustellen. Für so manchen reicht da aber die Zeit nicht, er ergreift bereits auf Feindes-, Pardon, auf Freundesgebiet das Wort.

Von der Streuobsthauptstadt Burgbernheim ist die Rede. Von der Hochzeitsgemeinde Simmershofen. Jährlich finden dort 90 Hochzeiten statt. Da applaudieren die Kollegen.

Konkurrenz um die Wurst

Vor der Bad Windsheimer Klinik warten die Bürgermeister aus Neustadt und Umgebung und dem hohen Norden dann auf die West-Vertreter, die in kleinen Shuttlebussen zugefahren werden. Als die Weißwürste zum Frühstück angekündigt werden, werden manche unruhig. Der Burghaslacher Armin Luther diskutiert mit seinem Markt Bibarter Amtskollegen Klaus Nölp, ob es nicht sinnvoll sei, gleich die Cafeteria zu entern.

Schließlich sind die aus dem Westen doch eine arge Konkurrenz um die Wurst. Während die Gehirne qualmen, fahren sie vor, die Freunde aus der Region Uffenheim. Mist. Zu spät. Aber eines sei gesagt: Das Würstle-Buffet reicht für alle.

Früh aufstehen für die große Tour

Es ist quasi die erste Entschädigung, denn die Augen sind müde. Weit vor 6 Uhr mussten sich die meisten aus dem Bette quälen. Beim Leiter des Kommunalwesens, Matthias Hirsch, gleichzeitig Organisator und Wanderführer mit Rucksack, dessen Uhr penibel die Abfahrten vorgibt, klingelte der Wecker schon um 4.15 Uhr. Aber der Kaffee richtet es.

In Burgbernheim steht ein riesiger Recyclingbetrieb, die Firma Reiling, auf dem Programm, von dessen Existenz längst nicht jeder etwas wusste. Hauptgeschäftsfeld im Landkreis: PET-Flaschen. Über riesige Förderbänder wird das Material sortiert.

Die Verwiegung der Reisegesellschaft

Bei Chargen aus dem Ausland müssen teils bei Hochgeschwindigkeit Fremdstoffe manuell aussortiert werden. Ein Firmenvertreter beweist sich als guter Personaler: Sollten die Bürgermeister einmal nicht mehr gewählt werden, am Sortierband wäre noch ein Platz frei.

Zum Abschied gibt es noch eine besondere Aktion: die Verwiegung der Bürgermeister, teilweise mit Gattinnen. Da waren die Weißwürste zuvor dann doch irgendwie kontraproduktiv. 4,8 Tonnen lautet das Endergebnis.

Zwischenhalt auf dem Recyclingbetrieb

Und wenn schon einmal Bürgermeister das Pfandflaschenrecycling begutachten, muss das natürlich für einen nahe liegenden Gag genutzt werden: „Falls jemand hierbleiben will, wir können Flaschen immer gut gebrauchen“, sagt ein Verwaltungsvertreter der Firma lachend.

Was auffällt: Während die meisten Bürgermeister brav bei der Sache bleiben, entpuppt sich einer als Telefonier-Weltmeister: Jürgen Heckel, Chief Officer aus Bad Windsheim. „Söder, gib mir mehr Geld“, spottet Landratsstellvertreter Hans Herold. Die Lacher hat er da auf seiner Seite.

Ein buntes Programm mit vielen Stops

Klinik und Pflegecampus Bad Windsheim, die Firma Reiling in Burgbernheim, das Streuobstkompetenzzentrum ebendort, die Ergersheimer Kugelbahn, Hallenbad und Bauhof in Uffenheim und der wunderschöne Ortskern von Auernhofen. Matthias Hirsch hat ein buntes Programm auf die Beine gestellt. Mit vielen Ausstiegen.

Allerdings werden die Bürgermeister quasi immer vor die Haustüre gefahren. So mancher jammert da sogar über den fehlenden Verdauungsspaziergang nach dem Mittagessen. Aber Hirsch kann nicht anders. Bei einem Bürgermeisterausflug ist die Zeit stets knapp.


„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“

Dieter Förster

Das führt bisweilen zu kuriosen Perlen. Ergersheims Vize-Bürgermeister Dieter Förster lotst die Busfahrerin zur Kugelbahn, über schmale Straßen. Die fragt schon, ob das denn überhaupt geht. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, antwortet Förster. Doch dann geht nichts mehr. Die Kurve ist zu schmal für so einen XXL-Reisebus.

Im Rückwärtsgang geht es Kilometer um Kilometer die engen Wege zurück. „Für mich ist das eine Fahrübung“, sagt die Frau hinterm Lenkrad amüsiert. Eines wird klar: die Busse der Bad Windsheimer Firma Thürauf können rückwärts fahren, sehr gut sogar. Applaus. Ein Hoch auf die Busfahrerin.

Vom gestärkten Familienzusammenhalt

Aber leichte Nickligkeiten gibt es zwischen den Gemeinden – trotz der großen Kommunalfamilie, die ihren Namen verdient hat – dann doch. Der neue Landrat spricht gerne über Leuchttürme für den Landkreis. Über Neustadt (TTZ). Über Scheinfeld (Naturparkzentrum). Über Bad Windsheim (Landesgartenschau). Aber nie, nie über Burgbernheim.

Dabei gibt es dort sogar mindestens einen echten Leuchtturm, den Fernsehturm auf dem Berg. Damit er diese Burgbernheimer Relevanz niemals vergessen mag, schenkt Vize-Bürgermeister Stefan Schuster von Dobschütz kurzerhand einen Miniatur-Leuchtturm für den Schlüsselbund. Putzig.

Lob für das Landratsamt

Erstaunlich ist: An diesem Tag regnet es zwar nur kurz Wasser vom Himmel, dafür umso mehr Lob für das Landratsamt. Schuster wird ob seiner Leuchtturm-Werbung sogar gleich ein Posten als PR-Berater in der Kreisbehörde angeboten. Aber nein, er bleibt lieber der Polizei treu.

Der Zusammenhalt der Bürgermeister ist frisch gestärkt, so manches Alltagsproblem ausdiskutiert. Und auch die Eindrücke sind überwältigend. „Das ist ja Wahnsinn“, kommentiert Gerhard Eichner (Gutenstetten) die imposanten Hallen des Uffenheimer Bauhof-Neubaus.

Das Schönste liegt meistens vor der Haustür

Im Simmershöfer Ortsteil Auernhofen ist Claus Seifert (Scheinfeld) angesichts vieler aktiver Landwirte bei 130 Einwohnern die Verblüffung ins Gesicht geschrieben.

Sandra Winkelspecht (Emskirchen), Claudia Wust (Neuhof) und Peter Kaltenhäuser (Dachsbach) entdecken an der Bahn den Murmel-Sport für sich. Die Tour beweist: Das Schönste liegt meistens doch vor der eigenen Haustür.

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