In Sommersdorf sind gegensätzliche Interessen aufeinandergeprallt: Eine Biberfamilie freute sich über die vielen Pappeln in Ufernähe und fällte munter drauflos – sehr zum Kummer von Grundbesitzern und Teichwirten. Inzwischen wurden vier Biber auf Anordnung des Landratsamtes geschossen. Doch nicht jeder befürwortet solche Maßnahmen. Die FLZ stellt verschiedene Positionen gegenüber.
„Die Pappeln, die mein Vater gepflanzt hat, mag der Biber sehr gern“, stellt Dr. Manfred Freiherr von Crailsheim fest. Die einst dichte Allee ist ausgedünnt, denn die Nager lieben das weiche Holz. „Was übrig geblieben ist, sieht so trostlos aus.“
Nahe des Sommersdorfer Schlosses, das seit Jahrhunderten im Besitz der Familie von Crailsheim ist, fließt der Irrebach, ein Zufluss der Altmühl. Den hatte eine Biberfamilie – in der Regel besteht diese aus drei bis fünf Tieren – zu ihrem Revier auserkoren. Scheu kennen die dämmerungs- und nachtaktiven Tiere nicht. „Die kommen bis ans Haus hin“, erzählt von Crailsheim. Ein anderer Teil der Bäume im Umfeld des Irrebachs gehört der Gemeinde Burgoberbach. Mittlerweile ragen an vielen Stellen Stümpfe in den Himmel, von Crailsheim nennt sie „Marterpfähle“. „Es reicht, wenn der Biber die Rinde anknabbert, damit der Baum kaputt geht“, sagt er. Zwar schützen zum Teil Gitter die Rinde, aber bei vielen ist es zu spät.
Von Crailsheim ist kein Biberfeind. Er ist sogar beeindruckt davon, „wie so ein kleines Tier einen riesigen Baum fällen kann“, ohne ihn auf den Kopf zu bekommen. Trotzdem steht dem Biberschutz seiner Meinung nach der Baumschutz gegenüber. „Bäume produzieren Sauerstoff und nehmen CO2 auf.“ Für den Baumbestand sehe es in der Welt insgesamt nicht gut aus. „Mir tut es leid, wenn der Biber abgeschossen werden muss“, bekundet er. Aber „irgendwo muss wieder ein Gleichgewicht hergestellt werden. Die Anzahl der Biber muss reduziert werden“. In Sommersdorf ist das nun geschehen.
Im Landkreis Ansbach sind 14 Biberberater tätig, informiert Pressesprecher Fabian Hähnlein im Namen der Unteren Naturschutzbehörde. Beim Bibermanagement geht es „einerseits um den Erhalt der gesetzlich geschützten Art, andererseits um den Schutz der öffentlichen Sicherheit und des Eigentums“. Der Lebensraum bei Sommersdorf sei für die Nager sehr attraktiv, berge aber ein hohes Konfliktpotenzial. Denn das Graben und Bauen habe zum Beispiel negative Auswirkungen auf das Kanalsystem und die Bewirtschaftung der Fischteiche.
Das Töten von Bibern sei der letztmögliche Weg. Zuvor werde abgeklärt, ob andere Maßnahmen die Tiere am Graben hindern oder Überflutungen entgegenwirken, so Hähnlein. Zwischen 1. September und 15. März haben Biberberater die Erlaubnis, die Nager in Lebendfallen zu fangen. In Ausnahmefällen kann die Untere Naturschutzbehörde die Frist bis 31. März verlängern, so geschehen auch dieses Jahr. Gefangene Biber werden in eine Schussbox überführt und mit einem aufgesetzten Schuss getötet.
Auch in Sommersdorf stellte man eine Falle auf, ein Fang gelang jedoch nicht. „Daher wurde der Abschuss angeordnet“, teilt die Behörde mit. Der Biberberater hat die Befugnis dazu, „wenn die Situation vor Ort geeignet und wenn gewährleistet ist, dass der Biber durch den Schuss sicher getötet werden kann“. Bis zum 31. März wurden in Sommersdorf vier Biber erschossen. „Nachdem präventive Maßnahmen keinen Erfolg zeigten, blieb aus Sicht der Unteren Naturschutzbehörde kein anderes Mittel übrig.“
Der Biberexperte: „Deshalb müssen wir lernen, mit ihnen zu leben.“
„Biber regulieren ihren Bestand selbst, es gibt nie mehr als die jeweilige Landschaft ernährt“, entgegnet der Flachslandener Diplom-Biologe Uli Meßlinger. Finden junge Biber kein Revier, wenn sie im Alter von zwei Jahren von den Eltern vertrieben werden, sterben sie oft bei Revierkämpfen. Das Abfangen habe langfristig nicht den von Gegnern erhofften Effekt, denn freie Reviere werden von jungen Bibern wieder besetzt. „Deshalb müssen wir lernen, mit ihnen zu leben.“
In Parks und Alleen, wo man die Bäume erhalten möchte, oder dort, wo es um die Verkehrssicherungspflicht geht, empfiehlt er, die Stämme einzeln mit Estrichgitter zu umwickeln. „Das ist so stabil, dass es die Biber nicht herunterdrücken können.“ Wenn man das Stück für Stück mache, sei der Aufwand vertretbar.
Meßlinger macht auf die vielen positiven Effekte des Bibers aufmerksam. Durch seine Baumaßnahmen schafft er Feuchtbiotope, in denen viele Tiere und Pflanzen einen Lebensraum finden. Auch haben die von ihm gestalteten Flüsse einen „gewissen Effekt auf den Hochwasserschutz“. In Tälern mit vielen Biberdämmen wird die Hochwasserwelle flacher, erklärt der Biologe.
Vor allem aber tragen Biber enorm zur Wasserrückhaltung bei, betont er. Andernorts werden sie gezielt wiederangesiedelt, so in Frankreich, Großbritannien und Portugal, demnächst wohl auch in Griechenland. Wegen des Feuerschutzes seien sie in trockenen Gebieten höchst willkommen. In Zeiten des Klimawandels, ist Meßlinger überzeugt, werden Biber noch nützlich sein. Und obwohl der Biber Bäume abholzt, sei sein CO2-Effekt in Mitteleuropa insgesamt sogar „stark positiv“, weil er zur Wiedervernässung der Moore – also einem Anstieg des Wasserstands – beiträgt. „Und dort wird ganz massiv CO2 gespeichert.“
Ein ausgewachsener Biber kann ein Gewicht von mehr als 30 Kilogramm sowie eine Körperlänge von bis zu 1,35 Meter erreichen. Er wird bis zu 20 Jahre alt. Zu seinen Nahrungsquellen zählen laut dem Biologen Uli Meßlinger Knospen, Gräser, Kräuter, Feldfrüchte und Rinde. Deutschlands größtes Nagetier lebt in langsam fließenden und stehenden Gewässern mit Gehölzen in Ufernähe.
Der Biber fällt Bäume, um an Zweige und Knospen zu gelangen. Dabei bevorzugt er Weichhölzer wie Weiden und Pappeln. Einem ausgewachsenen Biber könnten allenfalls Wölfe oder Bären gefährlich werden, sagt Meßlinger. Nur ganz junge Biber müssen sich vor Beutegreifern wie Füchsen in Acht nehmen. Aber sie verlassen die Biberburg nur selten. Deren Eingang liegt zum Schutz vor Feinden unter Wasser. Reicht der Wasserstand nicht aus, baut der Biber Dämme und staut Bäche auf, um den Pegel zu erhöhen.