Immer wieder versetzten sie Paris-Touristen in Schrecken und Einwohner sehen sie regelmäßig irgendwo huschen: Ratten plagen Frankreichs Hauptstadt seit Ewigkeiten und nun werden die Heerscharen von Nagern sogar zum Thema im Kommunalwahlkampf. Mehr Sauberkeit in der Stadt versprechen die Kandidatinnen und Kandidaten für das Bürgermeisteramt und sagen den Ratten den Kampf an.
„Ich werde einen großangelegten Plan zur Bekämpfung der Rattenplage auf den Weg bringen“, verspricht die konservative Bewerberin Rachida Dati. „Paris kann keine Stadt bleiben, in der man um den Müll herumläuft und über Ratten hinwegsteigt, als wäre dies unvermeidlich.“ Für ein Wahlkampf-Video fuhr Dati mit der Müllabfuhr mit und fragte einen Müllwerker: „Gibt es nicht immer mehr Ratten, glauben Sie?“ Das sei ein wirkliches Problem, er finde sie in den Müllsäcken, antwortete dieser. „Das ist eine echte Plage.“
Der Sozialist Emmanuel Grégoire verspricht mehr Sauberkeit und den Einsatz spezieller Brigaden der Stadtpolizei. „Schließlich ist die Anwesenheit von Ratten ein echtes Ärgernis“, sagte er im Interview dem Magazin „Le Nouvel Obs“. Das Problem müsse gelöst werden, „denn Ratten haben in den öffentlichen Bereichen von Paris nichts zu suchen“.
Von einer „Rattenkrise in Paris“, verursacht von der bisherigen sozialistisch-grünen Rathausmehrheit, spricht gar die Kandidatin der Linkspartei, Sophia Chikirou. „In Paris leben mittlerweile zwischen vier und sechs Millionen Ratten, das sind zwei bis drei Ratten pro Einwohner: eine Zahl, die seit 2015 um 50 Prozent gestiegen ist. Damit ist Paris die Stadt mit der vierthöchsten Rattenpopulation pro Einwohner weltweit.“ Einen Beleg für diese Daten gibt es allerdings nicht.
Paris müsse mehr Geld in die „Dératisation“ stecken, wie die Rattenbekämpfung auf Französisch heißt, forderte die Linkspolitikerin. London oder New York investierten viel mehr Geld gegen die Ratten. Ein Überfluss an Essensabfällen auf den Straßen, begünstigt durch Massentourismus und Fastfood zum Mitnehmen, trage zur Verbreitung der Nager bei, die sich in unterirdischen Kanälen, Metroschächten und Kellern vermehrten.
„Mein Ziel ist es, dass keine Ratten mehr an der Oberfläche zu sehen sind“, sagte Pierre-Yves Bournazel, der Kandidat von Präsident Emmanuel Macrons Mitte-Lager, dem Sender France Info. „Aus Gründen der öffentlichen Gesundheit und Hygiene müssen die Ratten an der Oberfläche beseitigt werden.“ Dazu will Bournazel die Stadtreinigung reformieren, damit Paris künftig jeden Tag so sauber ist, wie während der Olympischen Spiele 2024.
Dabei mobilisiert Paris seit langem gegen die Ratten. 2017 startete der letzte Aktionsplan, der neben dem Abtöten der Nager darauf abzielt, dass weniger Abfall und damit auch Nahrung in der Stadt herumliegt. Spezielle Gitter sollen die Ratten auf ihrem Weg aus Abwasserkanälen und Schächten an die Oberfläche stoppen.
Über eine spezielle App „Dans Ma Rue“ (auf Deutsch „In meiner Straße“) können Menschen neben anderen Problemen auch Ratten melden - wenn sie wollen gleich mit Beweisfoto. Und im fünften Arrondissement unterstützt gar eine „Bürgerbrigade“ aus Freiwilligen den Anti-Ratten-Kampf, die etwa Fallen überwachen, Köder auslegen und neue Rattenlöcher melden.
Rund 7.000 Mal jährlich rückten Fachkräfte nach Meldungen zur Bekämpfung von Ratten aus, teilte die Stadt mit - und räumt zugleich auf mit der kursierenden Zahl von drei bis sechs Millionen Ratten in Paris. „Diese Zahlen sind unrealistisch, da keine tatsächliche Zählung durchgeführt wurde. Und das aus gutem Grund: Eine solche Zählung ist in Städten sehr komplex.“ Die Population schwanke je nach Jahreszeit. „Im Winter etwa sind sie weniger zahlreich als im Sommer.“
Ein Sieg im Kampf gegen die Ratten ist fraglich, denn 1901 bereits organisierte Paris einen Wettbewerb auf der Suche nach dem besten Rattenfänger - erfolglos, wie die Zeitung „Le Figaro“ damals berichtete. „Die Ratten in Paris lernen sehr schnell, wie die Fallen funktionieren, und schaffen es sehr schnell, den Köder geschickt zu entfernen, ohne gefangen zu werden“, hieß es in dem Artikel vom 31.12.1901. „Die Pariser Ratte ist nämlich ein ganz besonderes Tier, keineswegs dumm, das nichts mit der groben Landratte oder der naiven Provinzratte gemein hat.“
Sollten die Pariserinnen und Pariser sich also besser auf ein Leben mit den Ratten einrichten? Dafür wirbt der Kommunalpolitiker und städtische Beigeordnete Grégroy Moreau, der für die Tierpartei zur Wahl antritt. Im Dezember noch stand er auf dem Markt und warb mit der zahmen Ratte „Plume“ auf der Schulter um mehr Verständnis für die Ratten. Statt diese abzutöten, müssten die Menge an Essensresten in der Stadt reduziert werden und die Nager in problematischen Bereichen eingefangen und woanders wieder ausgesetzt werden.
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