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Veröffentlicht am 15.02.2026 00:07

Wales' wilder Wanderweg: Mehr Küste geht nicht

Die Insel Skomer ist ein Wanderparadies mit Meerblick.  (Foto: Crown Copyright (2025) Welsh Government/dpa-tmn)
Die Insel Skomer ist ein Wanderparadies mit Meerblick. (Foto: Crown Copyright (2025) Welsh Government/dpa-tmn)
Die Insel Skomer ist ein Wanderparadies mit Meerblick. (Foto: Crown Copyright (2025) Welsh Government/dpa-tmn)

Wer an Bord der „Dale Princess“ geht, macht dies, um die „Clowns der Meere“ zu sehen. Rund um die Inseln Skomer und Skokholm in der Grafschaft Pembrokeshire leben sie zu Tausenden. Und tatsächlich: Nach rund 20 Minuten, die das Boot seine Passagiere vom Anleger an der zerklüfteten Südküste von Wales Richtung der Inseln schippert, sieht man sie.

Sie haben orange-gemusterte Schnäbel, eine kuriose Gesichtszeichnung, schwarz-weißes Gefieder und einen hektischen Flügelschlag. Die Papageientaucher sind eine große Attraktion. Sie bilden hier große Kolonien. Mitte April kommen sie her zum Brüten. Ende Juli ziehen sie weiter, um in den Tiefen des Atlantiks nach Nahrung zu tauchen.

Auch für Wanderer, die auf dem Pembrokeshire-Küstenpfad unterwegs sind, sind die Papageientaucher ein Highlight, zusätzlich zum atemberaubenden Wanderlebnis auf dem Coast Path.

Der ist so lehr- wie erlebnisreich und daher eine Empfehlung: „Die Puffins sind eine Erfolgsgeschichte, wir haben jetzt 43.000 Exemplare, das ist fast dreimal so viel wie noch vor zwanzig Jahren“, sagt Skipper Charlie Baldwin. Und in etwa doppelt so viel, wie Menschen an der Küste leben. Der Skipper zeigt auf eine Gruppe von etwa zwei Dutzend Vögeln, die sich von den Wellen treiben lassen.

60 Fische auf einen Streich

Der Papageientaucherbestand erholt sich auch dank des Verbots der kommerziellen Sandaal-Fischerei in englischen und schottischen Gewässern, was zum Schutz der Seevögel beiträgt. Diese Minifische, erklärt Baldwin, seien die Hauptnahrung der Puffins. „Die kleinen Kerle schaffen es, mehr als 60 Sandaale in ihren Schnabel zu stopfen, um ihre Jungen zu füttern.“

Auch große Basstölpel, Austernfischer und Atlantiksturmtaucher nisten hier im 1952 ins Leben gerufenen Pembrokeshire-Coast-Nationalpark, zu dem auch Skomer und Skokholm zählen. Mit einer Fläche von 620 Quadratkilometern ist er der einzige Nationalpark Großbritanniens, der sich entlang dessen Küste erstreckt. Ihr folgt Bucht für Bucht auch der 300 Kilometer lange Coast Path, ein Vorhaben von mindestens zwölf Tagen, wer die ganze Strecke geht.

Im Schutzgebiet ist die Küste besonders zerklüftet. Die versteckten und zum Teil schwer zugänglichen Strände sind ein Segen für die Kegelrobben, die hier ab Ende August ihre milchweißen Babys zur Welt bringen. „Pembrokeshire ist ein Naturparadies“, so Baldwin. Das befand auch das „National Geographic“-Magazin, das den fast vollständig zum Park zählenden Fernwanderweg als einen der schönsten der Welt bezeichnete. 

Das ist vermutlich nicht übertrieben. Mit Gras, Heidekraut und Wildblumen bewachsene Wiesen wechseln sich ab mit schroffen Felsformationen, kleinen Buchten, weitläufigen Sandstränden und malerischen Orten wie die auf Klippen erbaute Hafenstadt Tenby mit ihren pastellfarbenen Häusern. 58 Strände und 14 Hafen verbindet der Pfad. Und immer wieder kommt man an Burgen und Schlössern vorbei, aber auch schlichten keltischen Kapellen, manche davon nur noch Ruinen.

Kleine Stadt mit riesiger Kathedrale

„Das Wandern durch unsere Landschaften ist auch ein mystisches Erlebnis“, erläutert Ewan Rees, „denn unsere Sagen und Legenden sind hier allgegenwärtig.“ Der gebürtige Waliser ist 45 Jahre alt, Wanderführer und stolz auf Geschichte und Kultur seiner Landsleute und ihre an Konsonanten reiche Sprache namens Cymraeg, zu der übrigens auch ein rollendes „R“ gehört. Im 19. Jahrhundert war das Walisische von den Engländern in den Schulen noch verboten, heute spricht sie wieder ein Drittel der drei Millionen Waliser im Alltag. Fremde werden erst einmal mit einem herzlichen „Croeso“ begrüßt, was so viel bedeutet wie „Willkommen“. Zum Beispiel in Tyddewi hört man den Gruß, ebenfalls am Küstenpfad gelegen. Tyddewi heißt auf Englisch auch St Davids und ist offiziell die kleinste Stadt im Vereinigten Königreich. Sie beherbergt eine der ältesten und eindrucksvollsten Kathedralen im Land sowie 200 denkmalgeschützte Bauwerke.

Namensgeber ist der Heilige David, Schutzpatron von Wales, der hier im sechsten Jahrhundert in einer wohl stürmischen Gewitternacht geboren wurde. Genauer weiß es die Legende, der zufolge seine Mutter St. Non ihn auf einer Klippe zur Welt brachte, woran heute eine verfallene Kappelle an der Küste vor der Stadt erinnert.

Der Heilige trieb die Christianisierung seiner Heimat voran und gründete ein Kloster genau an der Stelle, an der heute besagte St Davids Cathedral steht - ein prachtvolles Bauwerk im normannischen Stil aus dem 12. Jahrhundert. Die Kathedrale liegt vom Meer aus kaum sichtbar in einer Flusssenke - so versteckt, dass man sich vor den Überfällen der Wikinger geschützt glaubte.

So wichtig wie Santiago de Compostela

Die Bewohner von St Davids sind stolz auf ihre wechselvolle Geschichte. „Wir haben im Mittelalter eine genauso wichtige Rolle gespielt wie das spanische Santiago de Compostela“, erläutert stolz Neil Walsh, einer der nur 1.800 Bewohner von St Davids. „Zwei Wallfahrten zu unserer Kathedrale entsprachen einer nach Rom“, so der 50-Jährige.

Seine Familie lebt seit acht Generationen in St Davids. Er hat sich der Ginbrennerei verschrieben, denn nirgendwo sonst, glaubt Neil, findet man so gute Zutaten wie in der Umgebung von Wales' wilder Küste. Bei einem seiner Destillate verwendet er Seegras, das er in den Buchten vor der Stadt erntet: „Das gibt dem Gin eine scharfe Note.“ 

Nur zwei Meilen von St Davids befindet sich auch einer der schönsten Sandstrände der Grafschaft, der Whitesands Beach. Vor der Bucht treffen die Irische See und der Atlantik mit Wucht aufeinander, entsprechend stark und gefährlich ist die Strömung - was die vielen Surfer nicht abschreckt, eher anlockt. Von der Landzunge und dem erhabenen Hügel von Carn Llidi kann man bei gutem Wetter sogar die Küste des rund 150 Kilometer entfernten Irland erkennen. 

Geheimnis um jungsteinzeitliches Grab 

Der Küstenweg Richtung Norden führt weiter zum alten Fischerort Fishguard, einem der Drehorte des Filmklassikers „Moby Dick“ von 1955 mit Gregory Peck als Captain Ahab. Im verträumten Hafen umsäumt von bunten Häusern, schaukeln kleine Schiffe vor sich hin. Ein Denkmal erinnert an die Heringsfischerei, von der das Dorf früher lebte. Von hier aus ist es nicht mehr weit zu den Preseli-Bergen, die eine Verbindung zum südenglischen Stonehenge haben. Denn von dieser bis über 500 Meter hohen Bergkette stammt der berühmte Blaustein, der zum Bau des noch berühmteren Stonehenge in Südwestengland verwendet wurde. „Es gibt viele Theorien, aber es ist nicht bekannt, wie die Steine, die eigentlich grün sind, in die 300 Kilometer entfernten Kultstätte kamen“, sagt Rees.

Doch die Waliser haben ihr eigenes megalithisches Monument, Pentre Ifan, genau gegenüber der Preseli-Berge. Im Gegensatz zu Stonehenge kann man diese Grabstätte besuchen, ohne Eintritt zu bezahlen. Niemand weiß, wie die Menschen es vor weit über 5.000 Jahren schafften, die tonnenschwere Deckplatte auf die drei spitz zulaufenden, etwa drei Meter hohen Megalithen zu wuchten. Dies zu bewundern bedeutet einen weiteren Abstecher von der Küste - diesmal ein paar Kilometer ins Landesinnere.

Es herrscht eine himmlische Ruhe, Schafe grasen friedlich. Rees, der ein Armband aus den blauen Steinen trägt, wirkt nachdenklich. „Wir haben hier ein kleines Paradies, es ist noch nicht überlaufen. Und es gibt fünfmal so viel Schafe wie Menschen, was will man mehr?“

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Der Pembrokeshire-Nationalpark (pembrokeshirecoast.wales) liegt ganz im Westen der Küste von Wales. Er ist durchzogen von rund 1.000 Kilometern öffentlichen Wander- und Reitwegen.

Anreise: Flüge gibt es ab mehreren deutschen Städten via Amsterdam nach Cardiff sowie Direktflüge nach Bristol, etwa ab Berlin. Für die Weiterreise nach St Davids oder Tenby, gute Einstiegspunkte zum Wandern, empfiehlt sich ein Mietwagen.

Der Wanderweg: Der 300 Kilometer lange Wanderweg Pembrokeshire Coast Path (nationaltrail.co.uk/en_GB/trails/pembrokeshire-coast-path) ist für zwölf bis 15 Tagesetappen empfohlen und verbindet St Dogmaels im Norden mit Amroth im Süden. Es gibt auch Tagestouren oder Kurzstrecken von einer Stunde.

Beste Reisezeit: Wales ist ein ganzjähriges Ziel, doch zum Wandern eignen sich die Monate Mai bis September am besten.

Weiterführende Informationen: visitwales.com/de

© dpa-infocom, dpa:260214-930-688346/1


Von dpa
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