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Veröffentlicht am 22.04.2026 00:08

Was passiert, wenn nichts passiert? Tagebuch einer Auszeit

Allein unter stracken Koniferen: Da bleibt Zeit für nichts und alles. (Foto: Ole Helmhausen/dpa-tmn)
Allein unter stracken Koniferen: Da bleibt Zeit für nichts und alles. (Foto: Ole Helmhausen/dpa-tmn)
Allein unter stracken Koniferen: Da bleibt Zeit für nichts und alles. (Foto: Ole Helmhausen/dpa-tmn)

Fort Nelson (dpa/tmn)- Zeit fernab jeder Verbindlichkeit, irgendwo zwischen Wald, Wasser und dem Gefühl, plötzlich mutterseelenallein zu sein: Genau das hatte ich gewollt. Jetzt liegt dieser Plan vor mir wie eine leere Seite – verheißungsvoll. Und zugleich beunruhigend. Diese Geschichte beginnt dort, wo die Vertrautheit langsam ausfranst und die Stille mehr Raum bekommt, als mir lieb ist. Zunächst jedenfalls ...

Tag 1: Ankunft und ein Schuss in der Stille

Die blaugelbe Twin Otter der Northern Rockies Lodge brummt dicht über die Ausläufer der Rocky Mountains – eine düstere, latent gewaltbereit wirkende Welt aus kahlen Gipfeln und messerscharfen Graten. Das alles hat nichts mit den fotogenen Publikumslieblingen am Icefields Parkway gemein.

Buschpilot Urs Schildknecht kippt das kompakte Wasserflugzeug in eine enge Kurve. „Da unten ist sie“, ruft er – meine Hütte am Netson Lake. Ein roter Punkt zwischen tiefgrünem Wald und tiefblauem Seeufer an einem langen See zwischen steilen Bergen, mitten in der riesigen Muskwa Kechika Management Area. Es ist das größte Schutzgebiet in den kanadischen Rocky Mountains. Eine straßenlose Wildnis.

Noch ehe ich mich sortiert habe, hebt Urs wieder ab. Die Motoren dröhnen leiser, dann verschlucken die Berge auch das letzte vertraute Geräusch. In die Euphorie des Abenteurers mischt sich die Unsicherheit des Stubenhockers. Eine ganze Woche? Hier? Ganz allein?

Meine Welt ist auf Briefmarkengröße geschrumpft: eine Blockhütte mit Sonnensegel auf dem Dach, ein Schuppen, ein Generator, ein Plumpsklo, eine Feuerstelle. Dahinter: eine Mauer aus hohen Nadelbäumen und dichtem Unterholz. Die beiden Pfade sind kurz und enden nach wenigen Minuten an der Mündung eines Baches in den See und an Urs’ Anlegestelle. Für Tapetenwechsel gibt es nur ein Kanu. Internet? Haha. Jetzt bloß keine Panik.

Die Hütte: hinten vier Holzpritschen mit Schaumgummimatratzen, vorn ein Ess-Wohn-Bereich mit Tisch, Sitzbank und Gaskocher, Regal mit Plastikgeschirr und Ofen. Eimer zum Wasserholen gleich neben der Tür, und eine Axt zum Holzhacken. Urs hat mir gezeigt, was wichtig ist: Gasflaschen wechseln, Generator starten, Batterieregler verstehen.

Eigentlich sollte mich das beruhigen. Stattdessen stolpere ich bis Sonnenuntergang durch mein neues Reich, unsicher, ob es der unebene Boden ist oder ich selbst wanke. Immer dabei: Bärenspray. Ich spähe in die grüne Wand hinter der Hütte, horche, halte den Atem an.

Schaue über die Schulter, klatsche in die Hände. Es sei ein gutes Jahr für die Grizzlys der Gegend, hat man mir erzählt. Nun spukt diese eigentlich ja schöne Info durch meinen Hypothalamus wie Chucky, die Mörderpuppe. Mein Großstadtkopf lässt bei jedem Rascheln Horrorszenarien aufkommen.

Bald allein im Dunkeln zu sitzen, beschäftigt mich jedoch mehr. Ich werfe den Ofen an. Immerhin Knistern und Wärme geben mir ein heimeliges Gefühl. Ich schäle Kartoffeln und Karotten, lege ein Stück Fleisch in die Pfanne, schaue aus dem Fenster auf den See. Später lese ich. Der Minutenzeiger meiner Uhr schleppt sich durch die Stunden.

 

Um neun ist die Welt draußen pechschwarz. Ich gehe schlafen. Gegen drei bin ich hellwach. Zu Hause gibt es Netflix, hier nur meine Gedanken. Ich lege Holz nach, setze mich vor die offene Ofenluke und lausche in die Nacht. Kein vertrautes Grundrauschen. Nichts. Der Netson Lake glimmt im Mondlicht wie ein atmendes Wesen.

Plötzlich zerreißt ein Schuss die Stille – ganz nah. Es muss eine harmlose Erklärung geben. Muss. Trotzdem schiebe ich den Türriegel vor – und da erwischt sie mich kalt: die Ruhe. Kompromisslose, nicht verhandelbare Ruhe. Radikale Stille, die alles ausblendet, woran ich mich sonst orientiere. In dieser ersten Nacht ist das nicht gerade ein Wellnessmoment.

Tag 2: Routine und ein galoppierender Elch

Um sechs wird es hell. Gaskocher an, Instantkaffee. Morgendunst hängt über dem See, das Kanu ist taunass. Der Bug braucht Ballast, um kein Problem mit dem Wind zu bekommen. Zwei Eistaucher schwimmen rufend aufeinander zu.

Ich werde ruhiger. Hacke Holz, entsorge Abwasser in der Grube hinter dem Plumpsklo, hole Wasser vom Bach, wuchte zwei dicke Steine ins Kanu und mache eine Paddeltour am Seeufer entlang. 

Als ich das Kanu wieder an Land ziehe, kracht es gewaltig. An Urs' Anlegestelle stürzt ein kapitaler Elch im Galopp aus dem Wald in den See. Ein paar köstliche Minuten lang schwimmt er zum anderen Ufer, seine gewaltigen Schaufeln glitzern nass im Sonnenlicht.

Der Tag folgt einfachen Abläufen. Zur Haushaltsführung gesellen sich fluchend verlegtes Bärenspray suchen, Fliegen in der Hütte jagen, fegen, abwaschen und Abwasser entsorgen. Alltagsarbeit hat die Anspannung ersetzt. 

Nachmittags sitze ich neben meiner Tür in der Sonne und lese. Die Bärenangst ist noch da, findet aber allmählich ihren Platz. Abends Schnitzel mit Kartoffel-Möhren-Mus. Danach springe ich in den See und tauche unter - zum ersten Mal Genuss pur. Um 21 Uhr macht die große Batterie schlapp. Ich stolpere mit Taschenlampe und Bärenspray hinaus und lasse den Generator über Nacht laufen.

Tag 3 und die folgenden: Zwecklose Zeit und Zen-Momente

Die Tage greifen ineinander, verschmelzen fast. Irgendwann vergesse ich sogar das verdammte Bärenspray. Die Highlights: die beiden herrlichen Trompeter-Schwäne, die eines Morgens dicht über dem Wasser vorbeifliegen. Mein Elch, der wieder vorbeischwimmt. Das auf mich zu wackelnde Stachelschwein, das erst umkehrt, als ich mich leise räuspere. Die Kanutouren frühmorgens und vor Sonnenuntergang, wenn der Netson Lake spiegelglatt vor mir liegt – Zen pur. Und das „Schuss“-Rätsel wird gelöst: Es sind Kiefernzapfen, die – peng, peng – bei Wind auf das Blechdach des Schuppens krachen.

Es passiert nichts – gemessen am Maßstab daheim. Ich arbeite langsam, mit vielen Pausen. Oft sitze ich einfach nur da, höre Wind und Wellen zu – und denke an nichts. Manchmal minutenlang.

Anfangs kommt noch dieses leise Ziehen im Kopf: „Müsstest du nicht etwas Nützliches tun?“ Die Stimme der ständigen Produktivität. Vielleicht zur Mündung gehen, da stehen Fische, im Schuppen hängt eine Angel. Oder was aufräumen. Oder den schmutzigen Kanuboden mit einem Lappen ... 

Allmählich kapiere ich, dass es okay ist, einfach hier zu sein. Die Hütte, der See, das Licht - sie existieren, auch, ohne dass ich etwas leiste. Und falls mich der Aktionismus doch mal packt, mache ich Holzspäne. Anzünder brauche ich immer.

Verbindung nach draußen

Wie ich für den Notfall aufgestellt bin? Natürlich geht der Veranstalter auf Nummer sicher, das muss er. Deshalb ist ein kleines Ding mit dem Charme eines Autoschlüssels dabei: ein inReach-Kommunikator, ein Satellitengerät, mit dem ich kurze Textnachrichten schicken und im Notfall einen SOS-Button drücken kann. Auch mein Handy hat eine Satellitenfunktion. Keine Anrufe, keine Videos, kein Tiktok-Tinnitus – nur Texten.

Eigentlich wollte ich genau das vermeiden. Aber irgendwann schreibe ich doch nach Hause, einen beruhigenden Gruß. Kaum abgeschickt, rutsche ich in die alte Falle: Warten. Erwartung. Als hinge von der Antwort irgendetwas ab. Ich erwische mich bei einem vertrauten Reflex: Handy raus, swipen wollen, irgendetwas checken. Auch wenn es nichts zu checken gibt. Hauptsache, es knistert im Kopf.

Aber hier knistert nur das Feuer. Ein Ping, dann die Antwort. Ein kurzer Text, zwei Herzen. Und plötzlich wirkt das, worauf ich so gewartet habe, seltsam belanglos. Nicht unwichtig – sondern klein. Klein gegenüber dem Netson Lake, der auch an diesem Abend daliegt wie eine Glasplatte. Klein gegenüber der Mauer aus Nadelbäumen, die im Abendlicht stehen wie uralte Wächter. Klein gegenüber diesem klaren Licht, das niemals langweilt. Danach nutze ich das Handy nur noch für Fotos. Ich beginne, der Stille zu vertrauen.

Rückkehr

Am letzten Tag höre ich Urs' Twin Otter lange, bevor ich sie sehe. Ich bin bereit - und enttäuscht zugleich. Ich habe mich doch eingelebt! Ich versuche ein Resümee: Was passierte, als nichts passierte? Ich höre wieder - den See, den Wind, den Wald, den eigenen Kopf.

Und irgendwann auch das, was sonst unter dem Dauerlärm zu Hause verloren geht. Die Distanz zur Welt draußen schrumpft auf ein einziges Satelliten-Ping, das plötzlich völlig genügt. Während die Hütte unter mir kleiner wird, denke ich: Wie schön, dass solche Orte nicht erklären, sondern einfach wirken. Das ist das Beste, was man mitnehmen kann.

Links, Tipps, Praktisches:

Reiseziel: Das Schutzgebiet Muskwa-Kechika (muskwa-kechika.com) erstreckt sich im Nordosten British Columbias (BC) über 64.000 Quadratkilometer.

Beste Reisezeit: Ende Juni bis Ende September

Anreise: Nonstop-Flug ab Frankfurt/Main oder München nach Vancouver mit Lufthansa, Air Canada oder saisonal auch Condor. Weiter mit dem Mietwagen über den Alaska Highway bis zur Northern Rockies Lodge am Muncho Lake (1.800 Kilometer Fahrt) oder mit lodge-eigener Liard Air nach Fort Nelson, weiter per Shuttle zur Lodge; die letzte Etappe mit Buschflugzeug zur Hütte.

Einreise: Einreise: Reisepass plus elektronische Reisegenehmigung (eTA; 7 Kanadische Dollar)

Unterkunft/Anbieter: Backcountry-Aufenthalte in nur per Buschflugzeug erreichbaren Outpost Cabins organisiert die Northern Rockies Lodge (nrlodge.com). Die Lodge selbst bietet Restaurant, Tankstelle, Kanuverleih sowie Cottages und Chalets. Unter dem Label Backcountry-Abenteuer operieren mehrere Anbieter, darunter auch die Purcell Mountain Lodge, ebenfalls in BC, oder Skookum Backcountry Adventures im benachbarten Yukon.

Weitere Infos: supernaturalbc.com

© dpa-infocom, dpa:260421-930-976214/1


Von dpa
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