Die Euphorie im vergangenen Jahr war groß: Anfang 2023 hatte der Stadtrat mit 19 gegen fünf Stimmen entschieden, dem TSV Neustadt einen Zuschuss von 250.000 Euro für den Bau eines Kunstrasenplatzes zu gewähren. Die größte Hürde schien damit genommen. Rund ein Jahr später steht nun offenbar fest: Das Projekt ist tot.
„Das ist die beste Nachricht für den Neustädter Fußball seit langem“, hatte der beim TSV seinerzeit für die Kicker zuständige Abteilungsleiter Jan Winkler damals gejubelt. Heute ist Jan Winkler nicht mehr Abteilungsleiter - und desillusioniert. Einige Tage nach seinem Rücktritt erklärte er gegenüber der Redaktion: „Auf einer Frustrationsskala von eins bis zehn liege ich bei 13.“ Und weiter: „Teile des TSV-Vorstandes sind nie hinter dem Vorhaben gestanden und haben alles getan, um es hintenrum zu sabotieren.“
Vorsitzende im TSV Neustadt ist seit Jahren Sigrid Becke. Sie sagt, dass „ein großer Kunstrasenplatz auf keinen Fall“ kommen werde. „Das funktioniert einfach nicht, das Geld habe ich nicht.“ Und dann verbessert sie sich: „Wir, also der Verein, haben das Geld nicht.“
Es fehlt also am Geld? Tatsache ist, dass zu Beginn des Jahres 2023 von rund 600.000 Euro die Rede war, die ein solcher Platz kosten könnte. 250.000 Euro hätte die Stadt dazugegeben, weitere 33 Prozent wären vom Bayerischen Landessportverband (BLSV) geflossen, also rund 200.000 Euro. Der Eigenanteil des Vereins hätte bei rund 150.000 Euro gelegen.
Peter Dippold ist beim TSV für die Finanzen zuständig. Im Februar 2023 hatte er gegenüber der Redaktion von einem „absolut belastbaren Finanzierungskonzept gesprochen, sofern sich die Stadt für unseren Zuschuss entscheidet“. Nun, die Stadt hat sich entschieden, doch heute klingt Dippold anders. Mittlerweile seien die Kosten „auf so rund 700.000 bis 800.000 Euro“ geklettert, Sigrid Becker spricht gar von 850.000.
Es sei ja noch so viel dazu gekommen, sagt Dippold, erwähnt eine Rundum-Bande und einen neuen Weg am bisherigen B-Platz vorbei. „Wir haben eine enorme Finanzierungslücke.“ Im Klartext: Selbst mit dem städtischen Zuschuss und der BLSV-Förderung hätte der TSV jetzt rund 300.000 Euro zu schultern.
„Wir haben Gespräche geführt“, sagt Peter Dippold auf die Frage, was denn eigentlich seit Februar 2023 unternommen wurde. „Aber einen Investor wie Gutenstetten haben wir halt nicht.“ Mit wem er gesprochen hat und was dabei herausgekommen ist, das sagt er nicht.
Vor einem Jahr hatte Dippold davon gesprochen, dass ein „Teil von Gönnern und Sponsoren kommen werde“, und dass der Verein sich einen Kredit gut vorstellen könne. In der Hauptversammlung war die Rede davon gewesen, wie solide man aufgestellt sei, wie gut man finanziell dastehe und wie erfreulich die Mitgliederentwicklung verlaufe.
Tatsächlich hat der TSV in den vergangenen Jahren einen großen Sprung gemacht. Der Grund: Die Fusion mit dem reinen Fußballclub FSC Franken Neustadt. Rund 280 Nachwuchsfußballer hatte man seinerzeit auf einen Schlag dazu bekommen. Einerseits erfreulich, andererseits wohl auch zu viel, denn „die Trainings- und Spielkapazitäten haben doch hinten und vorne nicht ausgereicht“, sagt Jan Winkler.
Tatsächlich gärt es laut Winkler in der Fußballabteilung. Trainer beschweren sich über mangelnde Trainingszeiten, wegen Trockenheit oder Nässe oft gesperrte Plätze, über fehlendes Flutlicht auf dem A-Platz, über den im Winter knüppelharten B-Platz, dessen Oberfläche aus einem Sandgemisch besteht, und über den löcherübersäten C-Platz. „Ein Acker“, sagt Winkler: „Trotz der angeblichen Sanierung, die gar keine war. Den Platz hätte man von Grund auf neu aufbauen müssen.“
Zwei Herren- und elf Jugendmannschaften hat der TSV im Fußballbetrieb, vor allem die jüngeren Jahrgänge sind gut vertreten. Abendspiele jedoch müssen beim Kooperationspartner in Diespeck ausgetragen werden, denn auf dem einzig bespielbaren Neustädter Rasenplatz (A-Platz) gibt es kein Flutlicht.
Jan Winkler schreibt nun, wie sehr man deshalb in Neustadt auf die „super funktionierende Zusammenarbeit mit dem DTV Diespeck“ angewiesen sei. Aber: „Teile des Vorstandes sind völlig anderer Meinung und möchten in Zukunft ohne Spielgemeinschaft an den Start gehen.“
Stimmt das? Will der TSV die Spielgemeinschaft wirklich aufkündigen? Sigrid Becke legt sich nicht fest. In den älteren Jugendmannschaften sei das ja vielleicht ganz sinnvoll, sagt sie, aber „bei den jüngeren Jahrgängen haben wir selbst teilweise schon drei Mannschaften. Da brauchen wir das nicht.“ Ob man mit dem DTV Diespeck darüber schon mal gesprochen habe? „Ach, die reden doch auch erst noch, das warten wir jetzt mal ab.“
Für die TSV-Vorsitzende ist die Lage ohnehin nicht dramatisch. „Aus dem B-Platz könnte ein Rasenplatz werden“, sagt sie, und die fehlenden Trainingskapazitäten will sie nicht überbewerten. „Ach, wissen Sie, wenn’s ein bisschen regnet, oder kalt ist, dann lassen heutzutage die Eltern ihre Kinder doch sowieso nicht mehr zum Training.“
Statt des großen Kunstrasenplatzes könne sie sich eine Sanierung des C- und des B-Platzes vorstellen, vielleicht auch ein kleines Kunstrasenfeld, „so 20 auf 40 Meter vielleicht“. Was ein solches für den Trainings- oder Spielbetrieb bringen soll, sagt Sigrid Becke nicht.
Peter Kreß ist überrascht. 30 Jahre lang war er stellvertretender Vorsitzender des FSC, hatte die Fusion mit in die Wege geleitet, um den Nachwuchsfußballern bessere Spiel- und Trainingsmöglichkeiten unter dem Dach des größeren TSV bieten zu können. „Die Aussage, dass der Kunstrasenplatz nicht kommen wird, enttäuscht mich sehr“, denn dieses Projekt habe man nicht grundlos angestoßen: Die Kapazitäten und der Zustand der Plätze beim TSV seien vor allem in der kälteren Jahreszeit nicht ausreichend, die Kooperation mit Diespeck schon deshalb eine „Grundvoraussetzung, um den Jugendfußball zu sichern“.
FSC-Vorsitzender Norbert Hirsch bestätigt dies: „Ich bin geschockt. Irgendwann sind doch die Spieler weg, wenn sie ständig nur auf dem unsäglichen B-Platz trainieren müssen.“ Auch zur Gemeinschaft mit Diespeck hat Hirsch eine klare Meinung: „Wenn man diese SG in Frage stellt, stellt man den ganzen Fußball hier in Frage.“
Bürgermeister Klaus Meier zeigte sich gestern ebenfalls unangenehm überrascht. Dass der Kunstrasenplatz nun definitiv nicht gebaut werden soll, hält er für falsch. „Für den TSV und den Fußball wäre das ein Meilenstein gewesen und ich hoffe, dass doch noch alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um das zu verwirklichen.“ Mit dem zweckgebundenen Zuschuss von 250.000 Euro werde der TSV andernfalls „auf gar keinen Fall rechnen können“ – ob die Stadt noch etwas für anderweitige Platzpflege beisteuern werde, „muss der Stadtrat entscheiden“. Für Meier besonders schmerzhaft: „Mit dem Kunstrasenplatz hätten wir vor allem in der Übergangszeit die Hallen in der Stadt doch sehr entlastet.“
Sigrid Becke bleibt entspannt: Sie habe das Gefühl, „dass der Fußball im Moment sowieso nicht mehr so attraktiv ist“. Vom Bayerischen Fußballverband erreichte die Redaktion dazu gestern eine Pressemitteilung. Die bayernweit knapp 58.000 Neuausstellungen für Spielerpässe seien der zweithöchste jemals gemessene Wert, allein im Jugendbereich stieg die Mitgliederzahl um 4,25 Prozent. BFV-Präsident Christoph Kern schreibt dazu: „Die große Kunst ist ja bekanntlich, Kinder nicht nur für den Sport zu begeistern, sondern sie langfristig im Verein zu halten.“