Zweifach-Brandstiftung bei Electrolux Rothenburg: Wie der Angeklagte Reue zeigte | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 11.06.2025 09:15

Zweifach-Brandstiftung bei Electrolux Rothenburg: Wie der Angeklagte Reue zeigte

Die Rauchsäule war am 20. Oktober 2024 weit zu sehen. Die beiden Werkschützer, die an diesem Sonntag Dienst hatten und sich im Gebäude aufhielten, bemerkten von dem Brand lange nichts. (Archivbild: Simone Hedler)
Die Rauchsäule war am 20. Oktober 2024 weit zu sehen. Die beiden Werkschützer, die an diesem Sonntag Dienst hatten und sich im Gebäude aufhielten, bemerkten von dem Brand lange nichts. (Archivbild: Simone Hedler)
Die Rauchsäule war am 20. Oktober 2024 weit zu sehen. Die beiden Werkschützer, die an diesem Sonntag Dienst hatten und sich im Gebäude aufhielten, bemerkten von dem Brand lange nichts. (Archivbild: Simone Hedler)

Ein Feuerteufel bei Electrolux? Als es bei dem Küchengerätehersteller im Oktober 2024 zweimal brannte und dabei Brandbeschleuniger gefunden wurden, war die Verunsicherung in der Belegschaft groß. Doch ein Einweghandschuh brachte die Ermittler auf die richtige Spur. Sie führte zu einem Mitarbeiter der Werksfeuerwehr. Jetzt wurde er verurteilt.

Wieder einmal eine Störungsmeldung ... Der Zeuge muss kurz ausholen im Gerichtssaal, um zu erklären, warum er und sein Kollege nicht gleich reagierten an jenem 20. Oktober 2024. Es war Sonntag, also produktionsfrei; außer den zwei Werkschutz-Mitarbeitern war niemand im Dienst bei Electrolux. Beide hielten sich gerade in der Pforte auf, als die Meldung kam, erinnert sich der 60-Jährige. „Unser Brandmeldesystem hängte sich ab und zu auf“, erklärt er vor dem Ansbacher Landgericht.

Hinausgeschaut und nichts gesehen

Selbst als er mitbekam, dass die Integrierte Leitstelle in Ansbach die Feuerwehr Rothenburg alarmierte und zu einem Einsatz schickte, bezog er das noch nicht so richtig auf sich. „Wir haben hinausgeschaut und nichts gesehen“, sagt er. Und: „Ich mache das jetzt schon seit 35 Jahren, da ist noch nie was geschehen.“

Doch dann rief ihn ein Kollege an, der eigentlich frei hatte. Es brennt, sagte der demnach. Und als der Diensthabende auf die seltsame Störungsmeldung verwies, sagte der Kollege am Telefon: „Ich sehe Rauch aufsteigen.“ Erst da wurde dem Wachschutz der Ernst der Lage so richtig bewusst, und es fielen ihm die Schaulustigen auf, die sich bereits versammelt hatten. Er alarmierte die Werksfeuerwehr – nach eigener Schätzung etwa eine Viertelstunde nach der ersten Störungsmeldung.

Das Fatale: Ausgerechnet in dieser Halle gab es keine Sprinkler-, nur eine Rauchmeldeanlage. Die wiederum war schon länger defekt. Es entwickelte sich ein gewaltiges Feuer, das die Halle vernichtete. Nur eine Brandschutzwand und 300 Einsatzkräfte verhinderten, dass die Flammen auf das angrenzende Gefahrgutlager übergriff. Es entstand Schaden von etwa 1,2 Millionen Euro.

Jetzt, sieben Monate später, muss sich ein Mitarbeiter der Werksfeuerwehr als Verantwortlicher für diesen Brand vor Gericht verantworten. Jener Mitarbeiter, der damals angerufen hatte, um auf die Rauchsäule aufmerksam zu machen. Der dann sofort zum Werk gefahren war, um beim Löschen zu helfen. Ein Feuerwehrmann mit großem Engagement, so wurde er gegenüber der Polizei von seinen Kollegen beschrieben.

Esbitwürfel aus dem Bestand der Werkfeuerwehr

Der 23-Jährige hatte nicht nur den Brand am Sonntag gelegt, sondern auch einen weiteren zwei Tage zuvor. Dabei war der Schaden geringer gewesen, denn die Sprinkleranlage ging an. Ein Rothenburger Polizist, der zufällig an beiden Tagen Dienst gehabt hatte, schildert im Gerichtssaal, dass schnell der Verdacht aufkam, es müsse sich bei dem Brandstifter um einen Mitarbeiter des Küchengeräte-Herstellers handeln. Denn die Esbitwürfel, mit denen gezündelt wurde, stammten aus dem Bestand der Werksfeuerwehr.

Ein schwarzer Einweghandschuh, der unweit der zerstörten Halle gefunden wurde, trug die DNA des 23-Jährigen. Im Januar fand eine Hausdurchsuchung bei ihm statt. Dabei gestand er beide Taten. „Es ist ihm damals eine Last von den Schultern gefallen“ schildert der Ermittlungsleiter der Kriminalpolizei im Prozess seinen Eindruck. „Für mich war es bis auf wenige Nuancen ein aufrichtiges Geständnis. Es war absolut glaubhaft.“

Stress, Überforderung und private Probleme gab der 23-Jährige damals als Motiv an. Das wiederholt er im Gerichtssaal. Die erste Brandstiftung war demnach eine Kurzschlusshandlung gewesen, die zweite, bei der er den Handschuh trug, sollte den Verdacht von ihm ablenken.

Dabei war es sein Ziel, eine Holzpalette anzukokeln. „Ich wollte nicht, dass das so passiert“, sagt er über den Großbrand und betont: „Ich fühle mich immer noch sehr schlecht deswegen“.

Auch viele Angehörige sind im Saal

Das Landgericht unter Vorsitz von Elke Beyer verurteilt ihn zu dreieinhalb Jahren Gefängnis. Beyer erklärt, dass das Gericht dem Angeklagten seine Reue abnimmt. Unter den etwa 30 Zuhörerinnen und Zuhörern im Gerichtssaal, die den gesamten Prozesstag mitverfolgen, sitzen zahlreiche seiner Angehörigen. „Sie haben mir in der U-Haft beigestanden und werden mich auch weiterhin unterstützen“, sagt er, als ihn sein Verteidiger Dr. Jannik Rienhoff nach ihrem Verhältnis zu ihm fragt. „Sie stehen hinter mir.“

Der Verteidiger beantragt eine Bewährungsstrafe, Oberstaatsanwalt Jonas Heinzlmeier dagegen fünf Jahre und drei Monate Haft. Beide haben jetzt eine Woche Zeit zu überlegen, ob sie Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen.

Wenn die abgebrannte Halle wieder aufgebaut wird, dann bestimmt mit einem Brandschutzsystem. Ein entsprechender Kostenvoranschlag ist jedenfalls in der Schadensaufstellung vermerkt, die dem Gericht vorgelegt wurde.


Gudrun Bayer
Gudrun Bayer
... ist seit Oktober 2020 bei der FLZ und hat hier als Chefredakteurin ihren Traumjob gefunden. Als Autorin tritt die frühere Sportredakteurin, Gerichtsreporterin und Magazinredakteurin nur noch selten in Erscheinung. Nach mehr als 40 Jahren im Journalismus werkelt sie im Hintergrund dafür, dass ihre Kolleginnen und Kollegen gute Rahmenbedingungen für die Berichterstattung haben. Und sie hat ein Herz für die Ausbildung.
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