15 Jahre Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern Dinkelsbühl: Ein Ort des Dürfens | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 24.02.2026 11:03

15 Jahre Selbsthilfegruppe Verwaiste Eltern Dinkelsbühl: Ein Ort des Dürfens

Zum Team der Verantwortlichen der Selbsthilfegruppe für Verwaiste Eltern in Dinkelsbühl gehören (von links) Stefanie Leister, Ursula Fetzer, Sylvia Schübel und Martina Eckhardt. (Foto: Jasmin Kiendl)
Zum Team der Verantwortlichen der Selbsthilfegruppe für Verwaiste Eltern in Dinkelsbühl gehören (von links) Stefanie Leister, Ursula Fetzer, Sylvia Schübel und Martina Eckhardt. (Foto: Jasmin Kiendl)
Zum Team der Verantwortlichen der Selbsthilfegruppe für Verwaiste Eltern in Dinkelsbühl gehören (von links) Stefanie Leister, Ursula Fetzer, Sylvia Schübel und Martina Eckhardt. (Foto: Jasmin Kiendl)

Für trauernde Mütter und Väter gibt es in Dinkelsbühl seit 2011 eine Anlaufstelle: die Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern. Um auf diese 15 Jahre zu blicken und um über ihre Arbeit zu informieren, luden die Verantwortlichen in den großen Schrannensaal ein. Das Interesse war groß – für Ursula Fetzer ein Zeichen der Wertschätzung.

Ursula Fetzer erinnerte an die Anfänge der Selbsthilfegruppe. 2007 verstarb der mittlere der drei Söhne von Ursula Fetzer. Ihr Umfeld habe sie gut unterstützt und getragen. Dennoch suchten ihr Mann und sie den Austausch mit anderen betroffenen Eltern, die ihren Schmerz kannten, die sie verstanden, denen sie sich nicht erklären mussten. 2009 fanden sie bei einer Selbsthilfegruppe in Aalen eine Heimat für ihre Trauer, einen Ort, an dem sie nicht alleine mit ihrem Schicksal waren.

Gemeinsam auf dem Weg der Trauer

Einen solchen Ort wollte Ursula Fetzer, nachdem sie mehrfach von Betroffenen angesprochen worden war, auch in Dinkelsbühl schaffen. Eine ihrer Mitstreiterinnen war Trauerbegleiterin Stefanie Leister. 2010 wurde erstmals ein Gottesdienst zum Gedenken an verstorbene Kinder gestaltet. Im Januar 2011 fand dann das erste Gruppentreffen statt.

Seitdem seien viele Eltern, die der Verlust ihrer Kinder eint, gemeinsam ein Stück auf dem Weg der Trauer gegangen, sagte Ursula Fetzer. Anfangs sei die Gruppe „ein Strohhalm, ein Rettungsanker”, später ein geschützter Raum, um über ihre Kinder sprechen zu können, die im Mutterleib, kurz nach der Geburt, im Kindergarten- oder Grundschulalter, als Jugendliche oder als Erwachsene durch Krankheit, bei einem Unfall oder durch Suizid gestorben sind.

Neben Ursula Fetzer und Stefanie Leister gehören auch Martina Eckhardt – sie ist betroffene Mutter und Trauerbegleiterin – und Trauerbegleiterin Sylvia Schübel zum Team der Verantwortlichen.

Getragen und ertragen werden

Für Stefanie Leister ist die Selbsthilfegruppe der verwaisten Eltern ein Ort des Dürfens. Sie dürfen erzählen vom Schmerz, vom Vermissen, von der Sehnsucht nach dem verstorbenen Kind, von ihrem Zweifel am Dasein und am Sinn des Lebens. Sie werden getragen und ertragen. Sie dürfen sich erinnern, weinen und lachen. Sie dürfen sich halten lassen und andere halten. Und sie dürfen hoffen auf ein Leben, das mehr bereithält als Verlust. Und sie dürfen den geschützten Raum auch wieder verlassen.

Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer nannte die Arbeit der Selbsthilfegruppe „beeindruckend”. Das Engagement der Verantwortlichen in Dinkelsbühl lobten auch Susanne Lorenz, Freya von Stülpnagel und Carola Gäde als Vertreterinnen des Vereins Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister München. Susanne Lorenz hob hervor, dass die Arbeit für die Verantwortlichen herausfordernd und anstrengend, aber alternativlos sei.

„Gelebte Solidarität”

Die Selbsthilfegruppe sei „gelebte Solidarität”, hob eine betroffene Mutter in ihrem Beitrag hervor. Man könne dort sein kann, wie man ist. Der Schmerz werde tragbar gemacht. Aus Ohnmacht wachse gegenseitige Stärkung.

Für die musikalische Umrahmung des offiziellen Teils sorgte ein Projektchor unter Leitung von Friedrich Wörrlein. Die Sängerinnen und Sänger hatten sich 2024 für den jährlichen Gedenkgottesdienst der Selbsthilfegruppe zusammengefunden und waren jetzt gleich dabei, als es um die Gestaltung der 15-Jahr-Feier ging, wie es hieß.

Mit dabei waren auch Christine Holzer und Simone Schmitt. Das Duo aus Aschaffenburg hat sich dem Improvisationstheater verschrieben und nennt sich Tabutanten. Bereits beim Fünfjährigen der Verwaisten Eltern hatten Holzer und Schmitt mit ihrem Auftritt begeistert – das taten sie auch dieses Mal. Das Motto lautete wieder: „Sie werden lachen – es geht um den Tod.“

Publikum als Inspirationsquelle

Das Publikum diente den beiden als Inspirationsquelle. Fleißig notierte Schmitt die Stichworte zu den Themenkomplexen „Leben, Liebe und Tod”. Zudem sollten Begriffe mit Bezug zu Dinkelsbühl genannt werden. Kinderzeche und Schneckennudel lauteten da Zurufe.

Nach und nach arbeiteten Holzer und Schmitt die Liste ab, griffen Wörter heraus und entwickelten daraus einzelne Szenen. Viel Requisite und Kostüm waren nicht nötig. Das Duo setzte auf Mimik, Gestik, Dialekte und appellierte an die Vorstellungskraft. Die Charaktere waren bisweilen etwas schräg, aber immer liebenswert:

So brachte Holzer etwa eine französische Schneckennudelbäckerin auf die Bühne, die im Auftrag einer Kundin (Schmitt) Schneckennudeln in Form eines Sargs und einer Urne backen soll, damit diese mit ihrem Partner über die Endlichkeit des Daseins ins Gespräch kommt. Wie bei einem Glückskeks-Prinzip sollte auch eine Botschaft enthalten sein: der Hinweis auf eine Patientenverfügung.

Die Tabutanten agierten mit einer gesunden Portion achtsamen Humors. Sie hielten immer die Balance, waren komisch, aber dennoch anrührend und respektvoll. Es konnte herzhaft gelacht werden.

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