Der Weg vom mittelalterlichen Artusroman zum neuzeitlichen Outing ist nicht weit, nicht bei Teresa Reichl. Die baut ihr zweites Kabarettsolo zum Heldinnen-Epos aus, erzählt vom Wahnsinn eines bayerischen Staatsexamens, von missglückten Dates mit Männern, schwärmt von ihrer Freundin und übersetzt ein Büchner-Drama in die Polit-Gegenwart.
„Obacht, i kann wos“ hieß das erste Programm von Teresa Reichl. Das war eine Ansage: weibliche Selbstermächtigung auf der Kleinkunstbühne. Das zweite Solo, „Bis jetzt” heißt es, ist die Fortsetzung. Teresa Reichl erzählt wieder aus ihrem Leben. Die Art, wie sie das tut, macht die 29-Jährige zu einem der großen Kabarett-Talente ihrer Generation.
Teresa Reichl hat nicht nur Lehramt für Deutsch und Englisch studiert, sondern ist auch eine leidenschaftliche Leserin und eine meinungsstarke Literatur-Influencerin auf den gängigen Kanälen. Den alten Werke-Kanon, da hat sie natürlich recht, muss man ständig überprüfen und zeitgemäß fortschreiben. Sie tut es mit großem Spaß an der Provokation, auch in ihrem zweiten Programm. Goethes „Faust” muss dran glauben und über Thomas Mann weiß sie, dass er „die schlimmsten Fans nach Jesus und Fußball” hat. Man muss nicht jede ihrer Einschätzungen teilen. Etwas Wahres ist aber immer dran.
Für ihre Programm-Dramaturgie hat sie sich von Hartmann von Aues Versroma „Erec” anregen lassen. Die ritterlichen Âventiuren spiegelt sie samt Fanfaren in die Gegenwart. „Ich habe eine Schlacht geschlagen, die man nicht gewinnen kann. Gegen einen Gegner, der unbesiegbar ist: das Bayerische Staatsexamen.” In Literaturwissenschaft erschreibt sie sich mit schlechtem Gewissen einen Zweier: Büchners „Dantons Tod” hat sie nicht gelesen, also keinen Dunst. Sie beantwortet die Fragen nicht. Sie fabuliert. Das reicht. Ihr Fazit: „Dieses Staatsexamen prüft, ob wir gute Kabarettisten sind.”
Nach der Prüfung hat sie das Drama doch gelesen und verblüffende Parallelen ausgemacht: „Danton ist der Christian Lindner der Französischen Revolution.” In Robespierre entdeckt sie Björn Höcke. Es hätte sie darum nicht gewundert, wenn noch Markus Söder aufgetaucht wäre. Tut er nicht. Den Aiwanger parodiert sie kurz, um ihre Mission klarzumachen: „Ich bin hier, um nach Franken zu fahren. Um euch zu beweisen, dass wir sehr wohl wissen, was ein A ist.”
Teresa Reichl hat enorme Präsenz, ist pointiert, reflektiert und selbstironisch. Ihr großes Thema ist nach wie vor sie selbst. Aber so, dass immer etwas Allgemeines sichtbar wird. Noch etwas kommt dazu: ihre herzliche Lust, mit einem Lächeln ein paar Knaller rauszuhauen.
Die niederbayerische Wahl-Regensburgerin aus Haunersdorf schont sich selbst nicht. Sie spricht über Selbstzweifel, ihre Depressionen als Kind und Jugendliche, über den langen Weg zum Outing und die Unbeholfenheit beim ersten Mal mit einer Frau. Es gibt da Momente, wo es still wird im Saal, wo Betroffenheit zu spüren ist. Das ist der dunkle Hintergrund, vor dem Teresa Reichls Glück strahlt, wenn sie über ihre Partnerin und ihren künstlerischen Erfolg spricht.
Sie wird am Ende dann auch gefeiert. Als Zugabe singt sie einen Song über einen schlecht sitzenden Tampon, ein „Ohrwurm aus der Hölle”, sagt sie und feixt.