Volker Gerling hat einen wunderlichen Beruf. Er hat ihn vor über 20 Jahren für sich erfunden. Gerling ist Daumenkinograf. Er fotografiert Menschen und Orte, meist auf langer Wanderschaft, um die Aufnahmen zu Daumenkinos binden zu lassen und sie anderen Menschen zu zeigen. Nicht selten weinen sie dabei, erzählt er. Man glaubt es ihm gern.
Zu Gast war Volker Gerling am Freitag bei den Ansbacher Puppenspielen, die ihr 20-jähriges Bestehen feierten. Im Kleinen Haus des Ansbacher Theaters, dem ehemaligen Studio-Kino, blätterte er seine Daumenkinos auf. Zwischendurch erzählte er ohne zu werten, ohne zu deuten, aber mit feinem Humor von seiner Kunst und von den Menschen, die er in Schwarzweiß fotografiert hat, immer in exakt 36 Bildern, so viele Aufnahmen hat ein Kleinbildfilm.
Zum Abblättern seiner Büchlein nimmt er sich etwa genauso viel Zeit, wie beim Fotografieren: zwölf Sekunden. Er überträgt die Bilder per Videokamera auf eine Leinwand; ein Mikrofon verstärkt dezent das rhythmische Geräusch des Abblätterns: Ba-ba-ba-ba-ba … Bei Gerlings Daumenkino steht jedes Bild die Dauer von zwei Wimpernschlägen lang. Bei einem Kinofilm wären 36 Bilder nach eineinhalb Sekunden durchgerauscht.
In ihrer ruckeligen Gemächlichkeit liegt eines der Geheimnisse der Daumenkinos. Sie überrollen ihr Publikum nicht, sie geben ihm Zeit zum Mitdenken, zum Mitfühlen. Das andere, größere Geheimnis steht in den Gesichtern der Menschen geschrieben, die Volker Gerling portraitiert hat. Man scheint dank seiner außerordentlichen Kunst wenigstens ein paar Wörter davon zu entziffern, denn zwölf Sekunden sind lang.
Man sieht zunächst Posen, Ernst und Konzentration; kaum jemand hält dies zwölf Sekunden durch. Eine kleine Kopfbewegung, ein Schlucken, ein Blinzeln, ein Lächeln schleicht sich ins Bild. Die Züge werden weicher. Ein Gefühl blitzt auf, eine Verlegenheit huscht vorbei. Die Augen strahlen. Die junge Frau, der alte Mann im Büchlein schaut einen an, lacht einem zu. Es sind intime, wahrhafte Augenblicke.
In der Regel zeigt Volker Gerling jeden seiner Kürzestfilme dreimal, das erste Mal zum Gewöhnen, das zweite Mal zum Genießen, das dritte Mal zum Verabschieden – es gibt in den zwölf Sekunden so viel zu entdecken, dass dreimal keinmal zu viel ist. Danach legt er behutsam das jeweilige Daumenkino vor sich auf dem Tisch ab. Er tut das auf eine stille und zugewandte Art. Beim Umgang mit wirklichen Menschen würde sie Höflichkeit oder Respekt heißen. Diese Haltung überträgt sich beim Zuschauen.
Die Portraits von Kindern und Alten, von jung Verliebten, Suchenden und Irrenden, von Hoffenden, Enttäuschten, Helfenden und Geflüchteten, von Menschen, die erwachsen werden, und solchen, die dem Tod entgegengehen, ergeben aneinandergelegt beim Zuschauen Lebensstationen, die Eigenes berühren – das mag die Ursache sein, die Menschen beim Anblick der Gesichter zu Tränen rührt. Das sei aber erst in den letzten Jahren so, erzählt Volker Gerling. Als einen Grund sieht er die Überforderung durch die vielen Krisen der Zeit. Vielleicht ist es auch dies: Dass seine bewegten Portraits ein Gegenbild sichtbar werden lassen. Man sieht Vertrauen, Nähe, gebannte Glücksmomente: Menschlichkeit.