Sie sind das Öl im Getriebe des Gesundheitssystems, ohne sie würde in Praxen gar nichts laufen: Arzthelferinnen, heute medizinische Fachangestellte (MFA) genannt. Dabei würde der Begriff „Multitalent“ viel besser greifen, sind sie doch Seelsorger, Berater, Koordinatoren und Profi-Telefonierer in Personalunion. Eine von ihnen: Sabine Blindenhöfer aus Uffenheim.
„Es ist ein sehr schöner Beruf“, sagt Blindenhöfer. „Die meisten üben ihn aus, um Menschen zu helfen.“ Die 59-Jährige reiht sich da nahtlos ein, auch für sie war der persönliche Umgang mit Patientinnen und Patienten der Grund, medizinische Fachangestellte zu werden. „Gesundheit ist das höchste Gut des Menschen.“
„Viele Patienten vertrauen uns.“
Damit alle stets gut und gesund leben können, sind Hausarztpraxen unerlässlich. Den alltäglichen Wahnsinn zu managen, das ist gar keine so leichte Aufgabe, sagt Blindenhöfer. Multitasking sei dabei die Grundfähigkeit, um im Beruf durchstarten zu können. „Da stehen schon mal vier Personen vor dem Tresen, zeitgleich klingeln zwei Telefon und der Arzt ruft.“ Aus der Ruhe kommt die Uffenheimerin deshalb aber noch lange nicht.
„Viele Patienten vertrauen uns – wir müssen ihnen eine Lösung bieten, indem wir zuhören“, betont Blindenhöfer. „Aber dafür bleibt uns immer weniger Zeit, obwohl es so wichtig ist.“ Die „verfehlte Gesundheitspolitik“, Corona, Ärztemangel: „In den Hausarztpraxen ist sehr viel Stress.“ Hinzu kommen Sozialdienstaufgaben: „Wir helfen auch bei Anträgen. Das wird immer mehr, auch dafür hat man kaum noch Zeit.“
Sabine Blindenhöfer hat die Entwicklungen genau beobachten können, arbeitet sie doch schon seit 40 Jahren in diesem Beruf. Anfangs, sagt sie, habe der Arzt noch jeden Handgriff abrechnen können. Mittlerweile gibt es weitgehend Pauschalen, die den Medizinern nicht nur Freiheiten genommen haben, sondern finanzielle Nachteile mit sich gebracht haben. „Ärzte sollten für die Leistungen, die sie erbringen, auch bezahlt werden.“ Aus ihrer Sicht liegt hier ein Fehler im System vor, der behoben gehöre.
Und dann kam das Computerzeitalter. „Mittlerweile sind wir mehr mit Bürokratie beschäftigt als Zeit für Patienten bleibt“, bedauert die Uffenheimerin. Die Telematik geisterte wie ein Schreckgespenst durch die Praxen. Darunter versteht man die Datenautobahn des Gesundheitswesens, welche die Kommunikation zwischen Ärzten, Physiotherapeuten und Krankenhäusern erleichtern soll. Blindenhöfer spricht von einem langen Gewöhnungsprozess, schließlich sei sie keine IT-Fachfrau.
Das Gesundheitssystem sei „in der Krise“. Die Zahl der Hausärzte sinkt und sinkt, was derzeit auch in Uffenheim zu beobachten sei. Ihr bisheriger Chef Dr. Karlheinz Hüttel hatte keinen Nachfolger gefunden und musste seine Praxis nun aus Altersgründen schließen.
Blindenhöfer wünscht sich, dass die Politik die Zeichen der Zeit erkennt und endlich vernünftige Lösungen präsentiere. Am Hausarzt-Modell müsse man aber festhalten, „um Ärztetourismus zu verhindern“. Arzthelferinnen kennen ihre Patienten und so sei auch eine telefonische Krankschreibung bei Erkältungen jedweder Art absolut sinnvoll, um Praxen zu entlasten und andere Patienten vor einer Ansteckung zu schützen.
Mit Schrecken erinnert sich die 59-Jährige an die Corona-Zeit zurück: „Die Jahre waren sehr anstrengend. Ich hätte mir mehr Solidarität erwartet.“ Teilweise seien die Arztpraxen eine Art Auskunftsbüro gewesen, das Telefon klingelte praktisch pausenlos. Der Umgangston sei rauer gewesen, die Ängste teilweise enorm. Man habe viel Frust abbekommen. Eine Zeit, die Sabine Blindenhöfer sicher nicht vermissen wird.
Seit einiger Zeit treten außerdem verstärkt Sprachbarrieren auf – viele Patienten stammen nicht aus Deutschland. Eine Herausforderung. Mit Hand und Fuß oder einem Internet-Übersetzer habe es aber eigentlich immer geklappt. „Es kostet viel Zeit, aber wir versuchen alles, um Menschen zu helfen.“
Für sich selbst hat die Uffenheimerin einen pragmatischen Ansatz: „Ich sitze in der Praxis lieber hinter dem Tresen als davor zu stehen.“ Schließlich ist Gesundheit das wichtigste Gut. Als persönliche Bilanz sagt Blindenhöfer: „Ich würde den Beruf immer wieder wählen.“