Aufstieg in neue Sphären: Freiburger Finalisten in Ekstase | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 08.05.2026 06:15, aktualisiert am 08.05.2026 12:02

Aufstieg in neue Sphären: Freiburger Finalisten in Ekstase

Einer der Freiburger Helden: Abwehrchef Matthias Ginter. (Foto: Tom Weller/dpa)
Einer der Freiburger Helden: Abwehrchef Matthias Ginter. (Foto: Tom Weller/dpa)
Einer der Freiburger Helden: Abwehrchef Matthias Ginter. (Foto: Tom Weller/dpa)

Gefühlt lag sich ganz Freiburg in den Armen. „Surreal“ und „brutal“ fühle sich das alles an, sagte Routinier Nicolas Höfler. „Es bedeutet mir sehr, sehr viel, diese glücklichen Menschen zu sehen“, meinte Trainer Julian Schuster. Er wisse, dass sie „mit diesem Verein auch schon ganz andere Momente erlebt“ hätten. Mit Party und Platzsturm hat der SC Freiburg seinen historischen ersten Einzug in ein Europapokal-Finale gefeiert. Die Badener sind in neue Sphären vorgedrungen. Und Fußball-Deutschland freut sich mit.

Auch Kompany verneigt sich

Hätte ihm vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass er mit dem Sport-Club mal ein Europa-League-Finale bestreiten würde, hätte er sich das kaum vorstellen können, sagte Mittelfeldspieler Höfler. Der 36-Jährige hat die bemerkenswerte Entwicklung der Freiburger hautnah miterlebt. Das Endspiel gegen Aston Villa am 20. Mai in Istanbul ist nicht nur für ihn, sondern den ganzen Verein und die Stadt die größte Partie der Geschichte. Eines Märchens möchte man sagen.

Beispielhaft sei die Arbeit der Breisgauer, meinte Trainer Vincent Kompany vom FC Bayern München. „Jeder Verein in Deutschland wünscht sich, ein bisschen Freiburg zu sein“, sagte sein Kollege Daniel Thioune von Werder Bremen am Tag nach dem 3:1-Sieg des SC im Halbfinal-Rückspiel gegen Sporting Braga.

Die kleinen Freiburger auf der ganz großen Bühne. Nicht die Bayern, sondern sie vertreten den deutschen Clubfußball im Europapokal bis zum Schluss und kämpfen nun um einen Titel. Den fixen fünften Startplatz für die Champions League muss die Bundesliga nach dem Final-Einzug von Rayo Vallecano in der Conference League zwar den Spaniern überlassen. Zumindest die Freiburger selbst können mit einem Triumph in Istanbul aber noch erstmals die Königsklasse erreichen.

Schon immer ein bisschen anders

Ein Club in neuen Dimensionen. Vor 33 Jahren stiegen die Freiburger erstmals in die Bundesliga auf. Einst waren sie die mit dem ewigen Volker Finke auf der Trainerbank, dann die mit dem ewigen Christian Streich. Mal waren sie die mit dem schrägen Platz im alten Dreisamstadion, mal die mit den vielen „Wilis“ aus Georgien. Mal ging's runter in die zweite Liga, dann wieder rauf. Was die Freiburger aber immer waren: die mit der guten Jugendarbeit, sympathisch, demütig - und in gewisser Weise auch ein bisschen anders als alle anderen.

Wie Spieler, Trainer, Funktionäre und Fans nach dem Halbfinal-Coup gemeinsam auf dem Rasen feierten - diese Szenerie verdeutliche „die Besonderheit und Geschlossenheit des Vereins“, sagte Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein. Auf der Tribüne freuten sich zwei Club-Ikonen mit: neben Ex-Bundestrainer und Weltmeister-Coach Joachim Löw auch Schusters Vorgänger Streich.

Menschen, die den SC geprägt haben, wie der 41-jährige Schuster betonte. Er hoffe, dass sie „genau wissen, welchen Anteil sie an dem haben, was wir alle gemeinsam erreicht haben“, sagte er in der für ihn typischen Bescheidenheit.

Neues Stadion und Millionen-Transfers

Schuster, der Streich im Sommer 2024 als Cheftrainer abgelöst und dessen außergewöhnliche Arbeit nahtlos fortgesetzt hat, ist nur eines von vielen Gesichtern des Freiburger Erfolgs. Die Bosse Oliver Leki, Jochen Saier und Klemens Hartenbach gehören genauso dazu. Das neue Stadion und eine Reihe millionenschwerer Spielertransfers haben den SC in den vergangenen Jahren gewaltig vorangebracht. So klein sind die kleinen Freiburger gar nicht mehr.

Löw nannte sie einen „Vorbildverein in jeder Beziehung“. Dass nach Nico Schlotterbeck oder Ritsu Doan, deren Verkäufe jeweils mehr als 20 Millionen Euro eingebracht haben, auch künftig immer wieder Leistungsträger gehen werden, wird der SC kaum vermeiden können. Will er aber auch gar nicht. 

Ob Torhüter Noah Atubolu oder Mittelfeld-Juwel Johan Manzambi - auch diesen Sommer könnten wieder namhafte Abgänge dazukommen und reichlich Geld in die Kasse spülen. Für die Freiburger ist es längst ein Teil ihres Erfolgsmodells.

Krönung vor Prinz Williams Augen?

Daran, dass sie in dieser späten Phase einer Saison nicht etwa gegen den Abstieg, sondern um Titel und dazu auch noch im Drei-Tage-Rhythmus spielen, müssen sich die Badener indes noch gewöhnen. Dem dramatischen Halbfinal-Aus im DFB-Pokal beim VfB Stuttgart vor zwei Wochen folgten drei weitere sieglose Spiele. Ausgerechnet im Endspurt schienen die Körner auszugehen. 

Nach dem bitteren 1:2 im Hinspiel in Braga drohte auch noch der zweite Final-Traum zu platzen. Doch am Donnerstag schlug Freiburg zurück. Und wie. Mit Wucht. Auf und neben dem Platz. Ein Stadion als Festung. Sämtliche Europa-League-Heimspiele in dieser Saison hat der SC gewonnen. Doch dieser Sieg, sicher auch begünstigt von Bragas frühem Platzverweis, war der schönste.

„Wenn du im Finale stehst, willst du auch gewinnen“, sagte Doppeltorschütze Lukas Kübler mit Blick auf den Showdown in Istanbul. Dann wird sicher auch der britische Thronfolger Prinz William, bekennender Fan von Aston Villa, wieder auf der Tribüne sitzen. Und sich womöglich Freiburgs Krönung ansehen?

© dpa-infocom, dpa:260508-930-50851/2


Von dpa
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