Es war ein buntes Pasticcio, ein musikalisches Potpourri, das Jörg Halubek und das Ensemble il Gusto Barocco in der ausverkauften Orangerie am Sonntagmorgen gegeben haben.
Es geht um Geschmacksfragen im musikalischen Barock, genauer gesagt: Was unterscheidet Georg Friedrich Händel von Johann Sebastian Bach?
Manches ist in diesem Konzert ungewohnt, manches ungeschickt: Zwischen den vier Concerti von Bach und Händel sind jeweils einzelne Solosätze aus Bachs Suiten und Partiten eingesetzt. Diese harmonieren in den Tonarten meist nicht mit dem nachfolgenden Concerto-Teil, was sich durch den Attacca-Anschluss verstärkt.
Überraschend und schön sind die Flötentöne aus dem „Off“, dem hinteren Teil des Blauen Saals, mit der Allemande und Sarabande aus der Partita für Flöte solo, BWV 1013. Claire Genewein spielt das auf der Traversflöte klanglich weich, praktiziert hohe Verzierungskunst. Weshalb sie die Phrasen des Öfteren mit Atempausen unterbricht, bleibt ein unbefriedigendes Rätsel.
Eine Bearbeitung von Bachs bekanntem a-Moll-Violin-Concerto, BWV 1041, für Traversflöte zeigt deutliche Brüche in der Solopartie mit nötigen Oktavsprüngen, welche von der Flötistin mühelos gemeistert sind, aber Brüche in der Stimmführung zur Folge haben.
Einen Solo-Höhepunkt bildet Eva Saladins rhetorisch beredte, tänzerische und formal klare Interpretation von Bachs Gavotte en Rondeau aus der E-Dur-Partita, BWV 1006, für Violine.
Jonathan Pešek setzt mit der Gigue aus der zweiten Cello-Suite, BWV 1008, mit scheinbar freiem, historisierenden Duktus einen harmonischen Anschluss zum Finalsatz des a-Moll-Concertos von Bach.
Die vier Concerti von Bach und Händel laufen allesamt präzise ab. Auch Orgelpunkte und Kadenzen zieht Halubek zielgerichtet und tempofreudig durch. Motorisch läuft das durchgängig munter, geläufig, souverän. Orgelsolo und Orchester-Tutti lösen sich fließend ab. Die Aufstellung im Stehen fördert die Beweglichkeit und die klangliche Deutlichkeit.
Händels Concerto grosso in F-Dur, op. 6, Nr. 2, zeigt viel Frische in der Italianitá des Allegro-Satzes mit vergnügtem Tirilieren im Duett. Französische Punktierung mit Eleganz statt Drill, markante Fugenthematik im Schluss-Allegro rücken das Concerto immer wieder in die Nähe barocker Tanzmusik.
Das macht Laune ebenso wie das fabelhafte B-Dur-Orgelkonzert, op. 7, Nr. 1, in welchem Halubek und sein bewegliches Barockorchester die festliche Passacaglia im konzertierenden Gegeneinander von Orgelsolo und Tutti fröhlichst als scheinbares Perpetuum mobile variieren.
Das ist eine hohe und gleichzeitig charmante Kunst Händels mit dem volksliedartigen Duktus dieses Passacaglia-Themas so spielerisch umzugehen: 12 Mal erklingt dieses variationenreiche Ostinato! Der Moll-Gegensatz des „Largo e piano“ zeigt dann opernreife Affekte für Instrumente. Die Fugati des Allegro mit kontrapunktischen Stimmgegenbewegungen umspielen raffiniert Tonleitern.
Ja, da gibt es bei dem hierzulande oft reduzierten Händel viel zu entdecken, zu würdigen und ihn in seiner Gegensätzlichkeit, seiner Vielseitigkeit stolz neben Bach zu stellen. Die Frage nach Nationalität sollte in der Musik ohnehin kein Qualitätsmerkmal sein. Bravo Bach – bravo Händel!
Die Zugabe von Bachs Evergreen, der Badinerie aus der h-Moll-Suite, eint Virtuoses, Spielerisches und Strukturen und hebt die Unterschiede zwischen beiden großen Komponisten auf.