Klappliegen dienten als Behandlungsstühle, Stirnlampen sorgten für besseres Licht und Wasser floss, wenn eben grade welches da war. Was es bedeutet, unter erschwerten Bedingungen zu arbeiten, erfuhr ein Team der Zahnärzte am Bad Windsheimer Neumühlenweg am eigenen Leib.
Und zwar bei seinem ehrenamtlichen Auslandseinsatz auf der kapverdischen Insel Santiago. Die Zahnärzte Dr. Stefan Eckardt (58 Jahre) und Dr. Ernst Käpplinger (69) reisten mit den zahnmedizinischen Assistentinnen Sabine Böhm (52) und Dorothee Fischer (37) in die Hauptstadt Praia und arbeiteten dort zwei Wochen lang. Finanziert wurde das komplett von der Praxis, sagt Inhaber Stefan Eckardt.
Der Einsatz fand in Zusammenarbeit mit „Zahnärzte ohne Grenzen“ (Dentists without Limits Federation) mit Sitz in Nürnberg statt. Ehrenamtliche unterstützen in diesem Zuge in bedürftigen Gebieten wie Sambia, Namibia, Togo und auf den Kapverden. Manche Länder würden rausfallen, weil sie politisch kritisch sind oder die Regionen Hilfseinsätze nicht zulassen, erklärt Eckardt.
Der Ablauf vor Ort ist stets gleich: Zwei Zahnärzte und zwei Helfer arbeiten zwei Wochen lang an zwei Behandlungsliegen und mit mobilen Behandlungseinheiten. Danach übernimmt ein anderes Team für weitere zwei Wochen. Anschließend werden Stühle und Utensilien in einen anderen Stadtteil von Praia gebracht und der Kreislauf beginnt von vorne.
Das Besondere bei der Bad Windsheimer Einheit: Meist würden Ehrenamtliche, die sich nicht kennen, zu einem Team zusammengefügt. „Wir haben eines komplett selbst gestellt“, so Eckardt, was selten vorkomme. Der Vorteil: „Wir kennen die Ärzte, wissen, wie sie arbeiten und wie wir sie am besten unterstützen können“, sagt Sabine Böhm.
Und das war viel wert, denn die Zeit dort war abenteuerlich. Schon der Hinflug hatte es in sich. Den Anschlussflug von Lissabon nach Praia verpasste das Quartett um wenige Minuten. Also: Neun Stunden warten in Lissabon. Vor Ort galt es ein wenig Schlaf nachzuholen, ehe es wenige Stunden später ans Werk ging.
Jeden Tag wurde von 9 bis 14 Uhr gearbeitet, erzählt Stefan Eckardt – und zwar bei 34 Grad Celsius aufwärts und extremer Luftfeuchtigkeit. Aushaltbar machte das eine Klimaanlage. Eine kapveridianische Zahnärztin, Elisabeth Rodrigues, war stets dabei und diente als Übersetzerin.
Umstellen musste sich das Team in Sachen Ausstattung: Ein Mülleimer als Spuckbecken, Röntgenbilder gab es nicht. Als Zahnarzt ist man auf funktionierendes Handwerkszeug angewiesen. „Selbst, wenn man nur mit Zangen arbeitet, braucht man Licht und eine Absaugung.“ Stirnlampen wurden deshalb alle paar Stunden geladen. Wasser war knapp und manchmal gar nicht vorhanden.
Auch die Therapie-Möglichkeiten waren beschränkt: Neben Füllungen – sofern die Zähne nicht zu stark kaputt waren – war es möglich, Zähne zu ziehen. Letzteres machte 70 bis 80 Prozent der Behandlungen aus, schätzt Stefan Eckardt. „Sobald einer fertig war, saß quasi schon der Nächste da“, sagt Dorothee Fischer. Am Ende des Tages landeten alle Behandlungsgeräte in einem großen Topf, im 20 Kilometer entfernten Krankenhaus wurden sie sterilisiert.
Viele junge Menschen seien zur Behandlung gekommen. Selbst ihnen mussten viele Zähne gezogen werden. Kronen, Brücken oder Zahnersatz hat das deutsche Team bei keinem Patienten gesehen. Lediglich provisorische Prothesen kamen hin und wieder zutage. Letztere werden hierzulande meist für zwei, drei Wochen eingesetzt, dort bleiben sie für teils zehn Jahre im Mund.
Manche Fälle haben sich besonders ins Gedächtnis des Teams eingebrannt: Ein autistisches Kind hat Sabine Böhm in ihr Herz geschlossen. Seine Mutter wollte, dass auch sein Gebiss begutachtet wird. „Er konnte sich aber nicht überwinden, den Mund aufzumachen“, sagt die 52-Jährige. Ein bisschen gut zureden, dann suchte er doch die Nähe. Ein kurzer Blick auf das Gebiss war zwar möglich, richtig viel sehen konnten die Fachleute aber nicht.
Zwillinge, zwölf Jahre alt, kamen ebenso vorbei. „Bei allen beiden waren links unten die Sechser sowas von kaputt“, erklärt Stefan Eckardt. Drei Millimeter unter dem Zahnfleisch waren sie abgefault. „Das kennt man bei uns gar nicht so.“ Die Folge: Sie mussten raus, um den dauerhaften Schmerzen ein Ende zu bereiten. „Die waren so glücklich danach. Da interessiert die Lücke nicht, weil der Körper erstmal gesunden muss.“ Die Dankbarkeit überwog bei allen.
Täglich konnte nur eine gewisse Anzahl an Menschen zur Behandlung kommen. Erst schauten sich die Verantwortlichen vor Ort um: „Wie schnell ist das Team, wie viel können wir denen pro Tag geben“, sagt Sabine Böhm. „Ein erst wenige Jahre ausgelernter Zahnarzt schafft in der Regel nicht so viel wie einer, der schon 30 Jahre Berufserfahrung hat.“ Im Fall der Bad Windsheimer waren es etwa 25 Menschen pro Tag. Zum Zug kommt, wer eine Behandlung am nötigsten braucht, sagt Eckardt.
„Wenn wir nichts machen, haben die meisten eigentlich keine Chance, weil sie sich eine Behandlung sonst nicht leisten könnten“, erzählt der 58-Jährige. Zahnziehen koste zwischen zehn und 15 Euro, was bei einem Monatseinkommen von rund 250 Euro für eine vierköpfige Familie viel Geld ist. Das Leben dort ist einfach, sagt Sabine Böhm. Fünf Versorgungszentren und ein großes Krankenhaus stehen 140.000 Einwohnern gegenüber. Nur ein, zwei Zahnärzte stehen für die breite Masse der Bevölkerung zur Verfügung. „Aber: Die Leute sind zufrieden.“
Ja, die Zeit auf den Kapverden war für die Bad Windsheimer prägend, war die Erfahrung doch für alle neu. Auf die Frage, ob ein weiterer ehrenamtlicher Auslandseinsatz folgen könnte, kommt die Antwort prompt. „Sofort“ – da sind sich alle einig. „Das Team war perfekt, aber ich würde auch anderen die Chance geben, das mal mitzuerleben“, sagt Sabine Böhm. Viel Lebenserfahrung habe sie sammeln können, „auch, wenn es nur zwei Wochen waren. Das ist eine ganz andere Welt“.
„Man wird geerdet und sieht, dass anderswo trotz schlechter Verhältnisse Lebensfreude da ist“, sagt Stefan Eckardt. „Du tust Gutes, erlebst wahnsinnig viel und merkst, wie gut es dir eigentlich geht. Es war einfach eine tolle Erfahrung. Und wann kannst du sowas schon mal machen?“