Bammel vor erster Klassenfahrt: Wenn das Heimweh zuschlägt | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 16.04.2026 00:07

Bammel vor erster Klassenfahrt: Wenn das Heimweh zuschlägt

Eine warme Umarmung und ermutigende Worte zum Abschied: So startet das Kind mit einem guten Gefühl auf die Klassenfahrt. (Foto: Maria Diachenko/Westend61/dpa-tmn)
Eine warme Umarmung und ermutigende Worte zum Abschied: So startet das Kind mit einem guten Gefühl auf die Klassenfahrt. (Foto: Maria Diachenko/Westend61/dpa-tmn)
Eine warme Umarmung und ermutigende Worte zum Abschied: So startet das Kind mit einem guten Gefühl auf die Klassenfahrt. (Foto: Maria Diachenko/Westend61/dpa-tmn)

Gleich mehrere Tage und Nächte von zu Hause weg – die erste Klassenfahrt in der Grundschulzeit ist eine spannende Sache: miteinander spielen, Abenteuer erleben, vielleicht auch mal Konflikte klären und alles ganz ohne Mama und Papa hinkriegen.

Für Kinder ist das herausfordernd, aber auch eine große Chance, mutiger und selbstständiger zu werden. Dass mit so einer Klassenfahrt auch Sorgen und Ängste verbunden sind, ist normal. Zwei Expertinnen geben Rat, wie Eltern ihre Kinder bestärken können.

Wann ist ein Kind fit für die erste Klassenfahrt?

Im Grundschulalter haben Kinder entwicklungspsychologisch gesehen in der Regel bereits gelernt, woanders ohne die Eltern zu übernachten, sagt Inés Brock-Harder. Die Psychotherapeutin ist Vorsitzende des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und sagt: „Kinder sollten spätestens ab fünf Jahren lernen dürfen, dass man ohne Eltern in einer anderen Umgebung als zu Hause gut schlafen kann.“

Das lässt sich anfangs noch im familiären Umfeld einüben, später auf Freunde erweitern. Auch manche Kitas veranstalten Übernachtungen oder fahren sogar wenige Tage als Gruppe weg, sodass einige Kinder solche Reisen kennen. Dennoch: „Jedes Kind ist unterschiedlich“, betont die Psychotherapeutin. Kann das eine Kind die Klassenfahrt kaum erwarten, kann sie einem anderen Bauchweh bereiten.

Wie können Eltern ihrem Kind die Sorgen nehmen?

Wichtig ist zum einen, dass die Eltern keine eigenen Ängste auf ihr Kind übertragen. Denn auch für Eltern will das Loslassen gelernt sein – nicht jedem Vater und jeder Mutter fällt diese Trennung leicht. „Ermöglichen Sie Ihrem Kind diese Erfahrung, die das Gemeinschaftsgefühl und die Selbstständigkeit stärkt“, ermutigt Inés Brock-Harder. Spüren Kinder, dass den Eltern unwohl beim Gedanken an die Fahrt ist, können sie diese Haltung übernehmen.

Besser ist ein Mutmachen, ohne Sorgen abzutun. Eltern können im Vorfeld mit ihrem Kind über die Klassenfahrt in einer positiven Weise sprechen. „Vielleicht erzählen Sie davon, wie toll Ihre eigenen Klassenfahrten früher waren“, schlägt Svenja Telle vor. Sie ist Grundschullehrerin in Wolfsburg und im Vorstand des Grundschulverbandes. Helfen kann auch, zu wissen, was einen erwartet. „Schauen Sie sich im Internet Fotos von der Unterkunft und Umgebung an“, rät die Lehrerin. Gemeinsam die Packliste durchzugehen, gibt das Gefühl, gut vorbereitet zu sein.

Merken Eltern, dass ihrem Kind beim Gedanken an die Reise unbehaglich zumute ist, sollten sie nachfragen, woran das liegt, und Ängste ernst nehmen. Vielleicht ist da die Sorge, manches nicht allein zu schaffen. Svenja Telle, die jahrgangsübergreifend die ersten vier Klassen unterrichtet, übt mit den Kindern zum Beispiel in der Schule das Bettenbeziehen. Das und anderes kann man auch zu Hause tun und dem Kind vermitteln: Du schaffst das!

Was kann ein Kind gegen Heimweh mitnehmen?

Das Lieblingskuscheltier oder ein kleines Kissen von zu Hause sollten Kinder auf jeden Fall einpacken – ein „Übergangsobjekt“ nennt man das in der Psychologie, sagt Therapeutin Brock-Harder. Dieser Gegenstand schafft eine Verbindung zum Zuhause und kann über Heimweh hinweghelfen. „Kinder, die nichts mitgenommen haben, vermissen diesen „Gefährten von zu Hause” dann manchmal“, sagt Svenja Telle.

Dagegen rät die Lehrerin von Fotos von der Familie eher ab, womöglich noch mit einem „Wir denken an dich“ darauf. „Kindern, die anfällig für Heimweh sind, hilft das meist nicht“, sagt sie. Denn: „Solche Bilder schüren den Schmerz eher noch.“

Was hilft, wenn das Heimweh zuschlägt?

Manchmal passiert das schon beim Abschied, Eltern kennen es zum Teil aus der Eingewöhnungszeit im Kindergarten. „Auch wenn es schwerfällt: Eltern sollten in so einem Moment versuchen, ihre eigenen Sorgen zurückstellen“, sagt Svenja Telle. „Ermutigen Sie lieber mit einem „Los geht’s!”, dass das Kind auch wirklich mitfährt.“ Denn in der Regel seien Kinder bald nach dem Abschied auch wieder fröhlich.

Vor Ort bemerken Lehrerinnen und Lehrer vielleicht, dass ein Kind auffallend ruhig ist, oder Kinder kommen auch auf sie zu und sagen, dass sie Heimweh haben. Am besten hilft dann eine Kombination aus Zuspruch, Ablenkung und Trost. Svenja Telle achtet auf Klassenfahrten schon vorbeugend auf zwei wichtige Punkte. „Ich versuche bei allen im Blick zu haben, dass sie vernünftig essen und halbwegs vernünftig schlafen.“

Das ist ihrer Erfahrung nach die halbe Miete. Ist ein Kind hungrig oder müde, hat das Heimweh leichtes Spiel. Damit abends Ruhe einkehrt, können Rituale wie ein Vorlesen im Zimmer sinnvoll sein. „Manchen Kindern tut auch ein kleines Körnerkissen gut, die wohlige Wärme vermittelt Geborgenheit“, sagt die Pädagogin.

Wie sinnvoll ist ein Handyverbot?

Svenja Telle ist ganz klar für ein Verbot von Handys und Smartwatches – und setzt das auch auf den eigenen Klassenfahrten um. Habe ein Kind Heimweh, sei es meist wenig förderlich, wenn es die Eltern direkt anrufe. Zuerst sollten die Betreuenden vor Ort versuchen, die Situation zu regeln. „Ein Kontakt ist über uns Lehrkräfte ja immer möglich“, sagt sie. Diese können dann aber zuerst den Eltern die Situation erklären, bevor das Kind ans Telefon kommt.

„Und wozu ist ein Handy sonst nötig, als anzurufen?“, fragt Telle. „Mit einem Handy könnten sich auch Kinder auf einem Zimmer verstecken und dort zocken, was man auf einer Klassenfahrt in der Grundschule ja auf keinen Fall möchte.“ Zudem sorge es bereits für Aufruhr, wenn eins der Kinder auf der Reise seine Trinkflasche nicht mehr finde. „Was wäre dann erst los, wenn ein Handy oder eine Smartwatch verloren oder nur verlegt worden wäre?“, sagt sie.

Ihre Erfahrung: „Je länger die Kinder fern vom Medienkonsum sind, desto positiver verändert sich das Miteinander.“ Am ersten Tag sei das Bedürfnis noch da, dann sei es in der Regel vergessen. Und die Lehrerin erinnert sich an ein schönes Feedback eines Schülers: „Ich fand richtig toll, dass wir die ganze Woche zusammen gespielt haben und keiner auf sein Tablet gestarrt hat!“

Wenn das Kind nach Hause möchte: Nachgeben oder hart bleiben?

Nach Ansicht von Inés Brock-Harder sollte man ein Abholen des Kindes möglichst vermeiden. „Lehrer sollten sich gut überlegen, ob sie das überhaupt als Option in den Raum stellen“, sagt die Psychotherapeutin. „Das hat so eine Beliebigkeit im Sinne von: „Ich kann mich ja auch noch mal umentscheiden”.“ Sie glaubt, dass ein Aushalten und Überwinden von Heimwehanflügen Kinder reifer machen kann. Jedes Kind sei aber individuell und der Grat zur einen oder anderen Entscheidung oft schmal.

Lässt sich ein Kind langfristig nicht beruhigen, sollten Lehrer sich bei den Eltern melden und das Kind mit ihnen sprechen lassen, sagt Svenja Telle. Eltern können dann versuchen, ihr Kind zu ermutigen und zum Beispiel fragen: „Was hast du denn schon alles Tolles erlebt?“ Allerdings gibt die Pädagogin zu: „Wenn das Kind mit den Eltern telefoniert, kriegt man die Situation selten wieder eingefangen und meist wird das Kind dann abgeholt.“

Letztlich kennen Eltern ihr Kind am besten und wissen auch, ob vielleicht tiefersitzende Ängste hinter dem Heimweh stecken. „Wenn richtige Trennungsängste vorliegen, ist es nicht damit getan, eine Klassenfahrt durchzuziehen“, sagt Inés Brock-Harder. Solche Ängste können etwa in einer Therapie angegangen werden.

© dpa-infocom, dpa:260415-930-950592/1


Von dpa
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