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Veröffentlicht am 01.04.2026 06:16, aktualisiert am 01.04.2026 12:35

Bericht zu Cannabis-Freigabe: Deutschland jetzt XL-Markt

Forscher legen einen Zwischenbericht nach zwei Jahren Teillegalisierung vor. (Symbolbild) (Foto: Annette Riedl/dpa)
Forscher legen einen Zwischenbericht nach zwei Jahren Teillegalisierung vor. (Symbolbild) (Foto: Annette Riedl/dpa)
Forscher legen einen Zwischenbericht nach zwei Jahren Teillegalisierung vor. (Symbolbild) (Foto: Annette Riedl/dpa)

Zwei Jahre nach der umstrittenen Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland sieht eine wissenschaftliche Zwischenbilanz auch Fehlentwicklungen an einigen Stellen. Ein leicht wachsender Konsumanteil komme nun aus legalen Quellen, heißt es in dem Bericht von Expertinnen und Experten der Universitäten Düsseldorf, Hamburg und Tübingen. Und es gebe Anzeichen, dass der Schwarzmarkt „langsam durch legale Angebote verdrängt wird“. Aus dem Unionsteil der Bundesregierung kamen Rufe nach Korrekturen. 

Für eine abschließende Bewertung sei es verfrüht, heißt es im Bericht. Aus Daten lasse sich bislang nicht ablesen, ob die Organisierte Kriminalität in diesem Bereich geschwächt sei, sagt Suchtforscher Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf der Deutschen Presse-Agentur. 

Kritisch sieht die Analyse: Für therapeutische Zwecke werde viel zu oft Medizinalcannabis mit zu hohem Wirkstoffgehalt verschrieben, was ein erhöhtes Gesundheitsrisiko berge. Frühe Interventionen zur Suchtvorbeugung bei Kindern und Jugendlichen seien zurückgegangen. Die Polizei beklage Probleme bei der Verfolgung des fortbestehenden illegalen Cannabis-Handels. 

„Größter legal-kommerzieller Cannabismarkt Europas“ 

In der Evaluation zu Folgen des Cannabisgesetzes lässt auch aufhorchen: Der Gesetzgeber habe in Deutschland „den größten prinzipiell legal-kommerziellen Markt“ für medizinisches Cannabis in Europa geschaffen. 2025 seien 200 Tonnen medizinisches Cannabis legal-kommerziell eingeführt worden, berichtet Manthey, Koordinator des Forschungsprojekts. „Es gibt in keinem anderen europäischen Land einen legalen Cannabismarkt in dieser Größenordnung.“ 

Im Vergleich zu 2024 sei das ein Einfuhrplus von 198 Prozent. Der Import – vor allem aus Kanada – sei privatwirtschaftlich organisiert, erläutert der Forscher. Ob und in welchem Umfang illegale Gruppen in die Herstellung des Cannabis aus medizinischem Anbau involviert seien und was genau dann hierzulande mit den gestiegenen Mengen passiere, sei unklar. Es fehle an Transparenz, und es gebe Hinweise darauf, dass Deutschland auch Verteilzentrum sei. 

Strengere gesetzliche Regeln für den Zugang zu medizinischem Cannabis hat das Bundeskabinett bereits auf den Weg gebracht. Aus dem Unionsteil der Regierung kamen nun anlässlich des Berichts Kritik und Rufe nach Korrekturen der generellen Legalisierung. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) nannte sie einen Fehler. Die „verschwommene Grenze zwischen Konsumcannabis und Cannabis zu rein medizinischen Zwecken“ sei ein zunehmendes Problem.

Dobrindt: Gesetz „vollkommener Rohrkrepierer“

Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte, das Legalisierungsgesetz sei ein „vollkommener Rohrkrepierer“, und kritisierte: „Der Schwarzmarkt boomt, die Kriminalität steigt.“ Aus Sicht von Familienministerin Karin Prien (CDU) sind Nachsteuerungen bei der Suchtprävention für Kinder und Jugendlichen nötig. 

Die noch von der Ampel-Koalition durchgesetzte Legalisierung lässt seit 1. April 2024 Kiffen und den Anbau von Cannabis für Volljährige zu. Erlaubt ist der Anbau von bis zu drei Pflanzen in Wohnungen. Aufbewahren darf man bis zu 50 Gramm Cannabis, unterwegs dabei haben 25 Gramm. Vorgeschrieben sind Abstände etwa zu Spielplätzen und Schulen, Konsum vor Minderjährigen ist verboten. Zulässig sind auch nicht-kommerzielle Anbauvereinigungen mit bis zu 500 Mitgliedern. Für Jugendliche unter 18 ist Cannabis weiterhin verboten.

CDU und CSU waren mit der Forderung nach Abschaffung des Gesetzes in den Wahlkampf gezogen. Im Koalitionsvertrag mit der SPD vereinbart wurde aber eine „ergebnisoffene Evaluierung“. Ein erster Zwischenbericht wurde im Herbst veröffentlicht, der Abschlussbericht soll im April 2028 vorgelegt werden.

Anbauvereinigungen spielen kaum eine Rolle

Mit Blick auf den Verbrauch insgesamt in Deutschland heißt es: „Ein Anstieg des Konsums, der auf die Reform zurückgeführt werden könnte, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht erkennbar.“ Der Gesamtbedarf pro Jahr wird von den Experten auf 670 bis 823 Tonnen geschätzt. Die Anbauvereinigungen spielten „bei der partiellen Verdrängung des Schwarzmarktes“ dabei noch eine untergeordnete Rolle. Anbau und Weitergabe aus diesen Vereinigungen sollten gestärkt werden. Eine Genehmigung sei derzeit aber sehr komplex. 

Auswirkungen auf Jugendschutz rufen nach rechtlichen Korrekturen 

Der Kinder- und Jugendschutz sollte gestärkt werden. Doch Frühinterventionen und Beratungsangebote für Jugendliche, die Cannabis konsumieren, würden nun deutlich seltener in Anspruch genommen. Ein Grund dürfte sein, dass bei Cannabis-Auffälligkeit nun in der Regel keine Strafanzeige mehr erstattet werde – es sei denn, der junge Mensch mache sich strafbar oder gefährde andere, erläutert Suchtforscher Daniel Kotz aus Düsseldorf. Es gebe durch die Justiz kaum noch verpflichtende Zuweisungen in Frühinterventionskurse. 

Strafverfolgung sieht weniger Möglichkeiten 

Die Evaluation sieht Anhaltspunkte dafür, dass der Bezug von Cannabis auf dem Schwarzmarkt gesunken sei. Eine Befragung von mehr als 2.000 Personen aus Reihen der Kriminalpolizei ergab zugleich, dass es schwieriger geworden sei, Schwarzmarkt-Akteure zur Rechenschaft zu ziehen. Strafverfolgungsbehörden beklagten, dass Kriminalität mit Bezug zu Cannabis schwerer bekämpft werden könne, sagte Kriminologe Jörg Kinzig von der Uni Tübingen.

© dpa-infocom, dpa:260401-930-893460/2


Von dpa
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