Stille. Der Pfad streift Steinmäuerchen. Wurzeln und bemooste Steine buckeln sich auf. Eichen spenden Schatten. Das Blau der Adria schimmert durch die Zweige. Hinter einer Biegung taucht sie wie eine Erscheinung auf: die Kirche Sveti Krševan.
Ein archaisches Schichtwerk aus Bruchstein, mitten im Wald. Unkraut wuchert aus den Ritzen. Die Tafel neben dem Eingang verbürgt den Ursprung im Mittelalter. Wer aus welchem Grund das sakrale Kleinod erschuf, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Hinter der Holztür knirscht der kieselige Boden unter den Sohlen. Spärlich fällt das Licht durch längliche Fensterritzen auf ein schlichtes Kreuz.
Ankömmlinge haben Rosenkränze hinterlassen, Blumen, Zettel, Heiligenbildchen. Ein magischer, spiritueller Platz. Draußen schöpft man Kraft bei einer Pause auf Bänken. Dann stapft man weiter auf der Reise des Lebens. Immer den gelben Pfeilen nach.
Sveti Krševan liegt im Westen, auf der zweiten von sieben Etappen des „Camino Krk“. Dieser 152 Kilometer lange Jakobsweg verläuft seit 2019 über die Insel. Pate stand der klassische Jakobsweg „Camino de Santiago“, der sich von den Pyrenäen 800 Kilometer westwärts durch Nordspanien bis Santiago de Compostela zieht.
Ziel aller Pilger ist dort das Grab des Apostels Jakobus, das ein Bischof im 9. Jahrhundert auf wundersame Weise wiederentdeckte. Danach bildete sich im Laufe der Zeiten in ganz Europa ein Netzwerk verschiedenster Routen nach Santiago de Compostela heraus, auch auf dem Balkan.
Gewiss dürfte es vor Jahrhunderten Pilger aus Krk gegeben haben, doch ein „Camino Krk“ war unbekannt. Der heutige Verlauf folgt nicht einer historisch belegten Strecke, sondern verknüpft die Schönheiten der Insel miteinander.
Der Rahmen orientiert sich am echten Jakobsweg. Wanderer folgen den gelben Pfeilen und Jakobsmuschelsymbolen, haben einen Pilgerausweis dabei, drücken sich Stempel an Durchgangspunkten hinein und erhalten nach Abschluss ein Diplom.
Pilgerpass und Urkunde sind kostenlos im Fremdenverkehrsamt von Krk-Stadt erhältlich. Dort sucht Sanja Polonijo die neueste Statistik heraus: 1003 ausgestellte Diplome im Vorjahr. Zur selben Zeit verzeichnete Santiago de Compostela weit über eine halbe Million beurkundete Ankünfte von Pilgern, von denen die Mehrzahl den klassischen Weg gewählt hatte. Das wirft ein Licht auf den „Camino Krk“: Hier geht es ruhiger zu, sofern man die sommerliche Hauptsaison auf der Insel ausklammert.
Erste Pilgerstation in Krk-Stadt ist die Kathedrale, wo steinerne Engel an den Kanzeln ihre Augen weit aufreißen. Der Christenglaube auf Krk war von alters her ähnlich tief verwurzelt wie in Spanien.
„Wir wurden früh christianisiert, hatten eine römische Basilika und sind bis heute sehr gläubig“, sagt Führerin Danijela Martić. Den Anteil der Katholiken beziffert sie auf über 90 Prozent. Damit stellt die Insel heute das Jakobswegsland Spanien in den Schatten.
Der Weg in Krk-Stadt führt durch lauschige Gassen und am Hafen entlang, wo Boote schaukeln, Wellen plätschern, Möwen kreischen. Ein verheißungsvoller Auftakt, der vielerorts seine Fortsetzung findet: an den Kiesstränden der Orte Malinska und Baška, im felsigen Bergland, im Weinbaugebiet von Vrbnik.
„Es ist so, als würde man fünf Inseln gleichzeitig kennenlernen“, bekräftigt Führerin Martić, die den „Camino Krk“ mehrmals gegangen ist. Das Vorhaben erfordert gute Kondition. Es sind 7.651 Höhenmeter hinauf und hinunter, anspruchsvoll die beiden letzten Etappen von Vrbnik nach Kornić. Unterwegs reihen sich, wie beim Klassiker durch Nordspanien, die Zeugnisse monumentaler Pracht wie an einer Perlenschnur auf.
Da sind es im Norden die Kirchenruine von Mirine und eine winzige Steinkapelle, deren Vorläufer ein Küstenwächterhaus aus der Römerzeit war. Da sind es im Süden die alten Kirchen Sveti Lucija und Sveti Dunata und das Marienheiligtum Gorička (Majke Božje Goričke). Die Vegetation ist mit Salbei, Fenchel, Stechwacholder, Strohblumen üppig. Esel und Schafe haben viel Auslauf auf Wiesen.
Trotz aller Vorzüge hat der „Camino Krk“ nichts mit dem klassischen Jakobsweg zu tun. Der gravierendste Unterschied besteht darin, dass es keine Pilgerherbergen gibt, die als Treffpunkte und Infobörsen fungieren.
So verwundert es nicht, wenn Guide Nikola Radovčić, der alle Abschnitte mit Markierungen versehen hat, das verbreitete Wandermodell skizziert: „Die meisten Gäste übernachten in festen Quartieren, also Apartments oder Hotels, und nehmen dann am jeweiligen Tag einen Transfer zum Anfangs- und ab dem Endpunkt.“ Das hat nichts mit authentischem Pilgerfeeling zu tun.
Zudem entbehrt die Streckenführung der Logik. Der „Camino Krk“ ist ein Rundwanderweg im Uhrzeigersinn, der im Inland an der gottverlassenen Jakobskirche von Kornić endet. Die Anbindung weiter nach Santiago de Compostela fehlt. Eine Tafel neben der Kirche zeigt, wie man die acht Kilometer zurück nach Krk-Stadt kommt, die aber nicht mehr zum „Camino Krk“ zählen.
Fazit: Der „Camino Krk“ ist ein Kunstprodukt, eine touristische Fernwanderroute, die sich mit dem Modelabel Jakobsweg schmückt. Echte Jakobspilger gehen nicht im Kreis - auch wenn Guide Nikola sagt, man sei von Kirche zu Kirche unterwegs „wie auf dem Jakobsweg“. Aber der „Camino Krk“ ist ein lohnenswerter Weg, die Insel auf eine ganz besondere Art zu entdecken: Buchten mit glasklarem Wasser, Olivenhaine und versteckte Schätze wie die Kirche Sveti Krševan in einem Zauberwald.
Reiseziel: Die kroatische Insel Krk liegt in der Kvarner-Bucht südöstlich der Stadt Rijeka. Sie ist knapp 410 Quadratkilometer groß und mit dem Festland über eine gebührenfreie Fahrzeugbrücke verbunden.
Anreise: Alternativen zum eigenen Fahrzeug sind Flüge nach Zagreb oder Rijeka (der dortige Flughafen liegt auf der Insel Krk); ab dort weiter mit dem Mietwagen.
Beste Reisezeit für den „Camino Krk“: März bis Juni und September bis November. Im Sommer ist es heiß und voll. Über den Winter schließen viele Unterkünfte, außerdem ist es klimatisch unbeständig.
Der Wanderweg: Der „Camino Krk“ folgt sieben Etappen, die zwischen 19 und gut 23 Kilometer lang sind. Es gibt 27 offizielle Stempelstationen. Allerdings sind manche Stempel defekt oder verschwunden (caminocroatia.com/camino-krk).
Weitere Informationen: krk.hr/de
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