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Veröffentlicht am 09.06.2023 17:57

Das Apothekensterben hat die Region erfasst

Das Apothekensterben ist mittlerweile auch in Westmittelfranken angekommen. Dies ist einer der Gründe, warum bald die meisten Apotheker in der Region einen Tag lang streiken. Doch ein Notdienst wird auf jeden Fall angeboten beim bundesweiten Protesttag am Mittwoch, 14. Juni.

„In Stadt und Landkreis Ansbach ist die Beteiligung sehr hoch. Ich schätze, dass circa 80 Prozent der Apotheken dabei sind.“ Dies teilte Tanja Franz, die für dieses Gebiet zuständige Apothekensprecherin, mit.

Bernhard Metzger, der Apothekensprecher im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, zeigte sich ähnlich zuversichtlich: „Im Landkreis nehmen so gut wie alle Apotheken an dem Protest teil und schließen ihre Apotheken für einen Tag. Der Protest ist dringend nötig, denn die Lage vieler Apotheken ist kritisch“, so Metzger.

Überbordende Bürokratie

Laut Tanja Franz werden die Apotheker von der Politik nicht gehört. „Lieferengpässe, Mangel an Fachpersonal, überbordende Bürokratie und ausbleibende Kostenerstattung durch die Kassen wegen geringfügiger Formfehler auf dem ärztlichen Rezept“ seien nur einige Beispiele für das, was die Apotheken belastet.

Und es komme zudem deshalb zu Apothekenschließungen, weil sich kein Apotheker mit einem abgeschlossenen Pharmaziestudium für deren Weiterbetrieb findet.

Die Gründe für die zurückgehende Apothekenzahl in der Stadt Ansbach und den beiden Landkreisen sind vielfältig. Zum Stichtag am 31. Mai gab es in diesem Gebiet 78 Apotheken. Am 31. Dezember 2020 waren es noch sechs mehr – nämlich 84 – gewesen, so die auf FLZ-Anfrage durch Marion Resch, Pressesprecherin der Bayerischen Landesapothekerkammer, übermittelten Daten.

Gerade auf dem Land, betont Metzger, fehlten den Apotheken „immer mehr Arbeitskräfte“. So seien es lange Arbeitszeiten und „auch die geringere Bezahlung gegenüber der Industrie sowie die ländliche Lage“, die viele junge Apotheker „davon abschrecken“, im Kreis zu arbeiten.

Beide Sprecher sehen auch in den Engpässen bei Medikamenten eine Belastung: „Geschätzt ist momentan bei jedem zweiten bis dritten Kunden etwas nicht lieferbar. Alleine in unserer Hauptapotheke stehen momentan über 400 Artikel auf der Defektliste, also Arzneimittel, die normalerweise auf Lager sind und im Moment nicht bestellt werden können. Wir brauchen sinnvolle Regelungen, damit wir die Patienten trotzdem gut und verlässlich versorgen können“, teilte Tanja Franz mit.

Die „Mehrarbeit, die durch das Lieferengpassmanagement entsteht“, werde momentan nicht honoriert, ergänzte sie.

„Es muss jetzt politisch gehandelt werden, wenn wir nicht wollen, dass im kommenden Winter Eltern von Apotheke zu Apotheke fahren, um die letzten Antibiotikasäfte für Ihr krankes Kind zu ergattern“, betonte Metzger. Nach seinen Angaben protestieren die Apothekenmitarbeiter aus seinem Landkreis am 14. Juni von 9 bis 12 Uhr am Marktplatz in Neustadt.

Notdienst sichert die Versorgung

Am Protesttag bleibe die Versorgung durch die Notdienstapotheken aufrechterhalten, erläuterten Bernhard Metzger und Tanja Franz. Franz hob zudem den Personalmangel als „großes Problem“ hervor. Für viele Apotheker, pharmazeutisch-technische Assistenten und pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte sei die öffentliche Apotheke nicht mehr attraktiv. So sei die Vergütung für die Apotheken seit 2013 nicht mehr angepasst worden.

Dies, so Franz, schade „der wohnortnahen Arzneimittelversorgung. Ohne Personal und ohne entsprechende Anpassung der Vergütung werden immer mehr Apotheken schließen“. Die flächendeckende Versorgung sei dann gefährdet und die Belastung etwa durch Notdienste infolge von Schließungen für die noch bestehenden Apotheken immer höher. Derzeit funktioniere das System Apotheke „oft nur noch durch die Selbstausbeutung der Inhaber“.

Mit Stellungnahmen wandten sich zwei weitere Apotheker an die Redaktion. Der Neustädter Apotheker Tobias Bogner teilte mit: „Wir protestieren für unsere Patienten, die wir, politisch verschuldet, immer schwieriger mit Medikamenten beliefern können.“

Und der Dinkelsbühler Apotheker Dr. Florian Scheuerlein betonte: „Den Krankenkassen soll es untersagt werden, externe Dienstleister zu beschäftigen, die nach Rezeptfehlern suchen – auf Basis einer Erfolgsbeteiligung.“

Auch die Apotheken der Apothekensprecherin für die Stadt Ansbach und den Kreis Ansbach, Tanja Franz (links), bleiben am bundesweiten Protesttag geschlossen. Zusammen mit der pharmazeutisch-technischen Assistentin Sandra Scheer präsentiert sie eines der Streikplakate. (Foto: Jim Albright)
Auch die Apotheken der Apothekensprecherin für die Stadt Ansbach und den Kreis Ansbach, Tanja Franz (links), bleiben am bundesweiten Protesttag geschlossen. Zusammen mit der pharmazeutisch-technischen Assistentin Sandra Scheer präsentiert sie eines der Streikplakate. (Foto: Jim Albright)
Auch die Apotheken der Apothekensprecherin für die Stadt Ansbach und den Kreis Ansbach, Tanja Franz (links), bleiben am bundesweiten Protesttag geschlossen. Zusammen mit der pharmazeutisch-technischen Assistentin Sandra Scheer präsentiert sie eines der Streikplakate. (Foto: Jim Albright)
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