Der scheidende Landrat auf Gemeindetour in Markt Erlbach | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 16.04.2024 19:00

Der scheidende Landrat auf Gemeindetour in Markt Erlbach

Marina, Ludwig und Andreas Förder: Schon drei Familienmitglieder tragen inzwischen stolz die Zimmererkluft ihrer Firma. (Foto: Ulli Ganter)
Marina, Ludwig und Andreas Förder: Schon drei Familienmitglieder tragen inzwischen stolz die Zimmererkluft ihrer Firma. (Foto: Ulli Ganter)
Marina, Ludwig und Andreas Förder: Schon drei Familienmitglieder tragen inzwischen stolz die Zimmererkluft ihrer Firma. (Foto: Ulli Ganter)

Drei Stunden sind zu wenig, um mitzubekommen, was sich alles an Spannendem, Neuem oder Konfliktträchtigem in einer Kommune abspielt. Aber es bietet doch einen kleinen Einblick – in Lokalpolitik und Wirtschaft.

Landrat Helmut Weiß (CSU) besichtigt zusammen mit seinen Abteilungsleitern Kommunen und ein oder zwei Betriebe. Am Montag sprach er aber wohl das erste Mal zuvor mit der Kommunalaufsicht: Denn Markt Erlbach, nach der alphabetischen Reihenfolge als nächstes an der Reihe, wird von einer der Kandidatinnen für seine Nachfolge regiert, der Freien Wählerin Dr. Birgit Kreß. Die Kommunalaufsicht habe aber keine Bedenken gehabt, so Weiß.

Im Rathaus stellte Kreß die fünftgrößte Gemeinde im Kreis mit 6000 Einwohnern kurz vor: Die Einwohnerzahl entwickle sich leicht nach oben („keinesfalls explosiv, wie manche Leserbriefschreiber behaupten“), die Gewerbesteuern hätten sich sehr positiv entwickelt, genau wie die Zahl der Arbeitsplätze.

Große Projekte wie das Rangaubad, die Hauptstraße, das Nahwärmenetz und aktuell die Tagespflege wurden vorgestellt. Letztere baut die Familie Wust/Paulus in der Hauptstraße. Für das ursprünglich geplante Mutter-Kind-Haus, für das es keine Fördermittel gegeben hätte, ist inzwischen eine Übergangspflege vorgesehen. Sie soll Menschen, die aus dem Krankenhaus entlassen werden, obwohl sie noch nicht fit genug für zu Hause sind, eine Zwischenlösung bieten.

Beim Verwaltungssitz in ähnlicher Situation

Kreß warb noch einmal für ihre favorisierte Lösung des Rückzugs des Rathauses in die Hauptstraße. 2014 bei einer Klausurtagung des Gemeinderats, als man sich entschlossen hatte, das benachbarte Gebäude zu erwerben, sei diese Lösung noch Konsens gewesen. „Das ist leider zum Politikum geworden.“ In diesem Punkt konnte sie sich des Verständnisses des Landrats sicher sein, der bei der Erweiterung des Landratsamts den Stimmungswandel ebenso wahrgenommen hatte.

230 Mitarbeiter im Produktionsbetrieb

Dann ging es zu „artec“ ins Gewerbegebiet. Armin Froschauer, zusammen mit Ralf Hentze Geschäftsführer, stellte sein Unternehmen im repräsentativen großen Empfangsraum vor: 230 Mitarbeiter und vor allem Mitarbeiterinnen, 25 Millionen Euro Umsatz, der Bau einer neuen großen Halle steht bevor. Zu den Kunden zählen große Firmen wie Porsche, Schaeffler und Siemens.

Für diese übernimmt das Unternehmen Aufgaben, die ausgelagert wurden. Sie konfektionieren Kabel, entwickeln Gehäusesysteme und kümmern sich um den Schaltschrankbau. Beispiele sind die Vorfeldbeleuchtung des Flughafens in Frankfurt und die Bandenwerbung im „Old Trafford“-Stadion in Manchester United. Vor allem sei man aber im Bereich der Leittechnik für Kraftwerke tätig, nuklear und fossil.

„Die Wirtschaft läuft in Sieben-Jahres-Zyklen”

Wegen der Konjunktur mache man sich keine großen Sorgen. „Die Wirtschaft läuft in Sieben-Jahres-Zyklen, das ist ganz normal“, sagte Hentze. Den Anstieg der Umsatzkurve in den vergangenen beiden Jahren bezeichnete Froschauer sogar als „ungesund“, weil zu steil. Was er als Mittelständler den großen Konzernen ankreidet, ist, dass sie in einer Boomphase nicht Gelder für schlechtere Zeiten zurücklegen. „Die Zulieferer machen alle Kurzarbeit – mit Geldern vom Staat.“ Obwohl Froschauer just an diesem Tag Geburtstag hatte, war seine Hoffnung auf die Erfüllung seines Wunsches an die Politik begrenzt: eine jeweils größere Lücke zwischen Facharbeiter-, Mindestlohn und Bürgergeld.

Motivierte und leistungsbereite Mitarbeiter zu bekommen, sei mittlerweile ein großes Problem. Eigentlich sei man mit dem Bedarf an ungelernten Kräften prädestiniert für die Beschäftigung von Geflüchteten, die Erfahrungen sind aber gemischt. Fleißige und zuverlässige Mitarbeiter wurden inzwischen abgeschoben. Für solche ohne Sprachkenntnisse wünschte sich Hentze einen niedrigeren Mindestlohn, damit der Frieden in der Belegschaft gesichert ist. Die Personalrekrutierung sei ausschlaggebend dafür, dass der Betrieb mit dem Gedanken spiele, einen Standort in Polen zu eröffnen. In der Vergangenheit gab es schon ein Werk in Ungarn. Auch die Bürokratie sei für Mittelständler fast nicht zu bewältigen.

Gute Stimmung im Familienbetrieb

Kontrastprogramm war dann der Empfang bei der Zimmerei Förder im Ortsteil Linden: In Zimmermannskluft begrüßten Andreas, Marina und der älteste Sohn Ludwig Förder die Gäste vor ihrer im vergangenen Jahr erweiterten Halle. Andreas Förder, der schon mit 24 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt hatte, hat mittlerweile aus der eigenen Familie Zuwachs bekommen: Seine Frau Marina wechselte von ihrem Erzieherinnenjob zum Holzbau, der älteste Sohn ist ebenfalls schon im Betrieb. Dachstühle, Holzrahmenbau, Gauben, Überdachungen, Planungen für ein Einfamilienhaus oder „betreutes Bauen“ (Förder erstellt den Dachstuhl und begleitet die Bauherren beim Eigenausbau) bietet die Zimmerei an.

Den Einbruch beim Neubau spürt der Handwerksbetrieb nach eigenen Angaben nicht. „Wir bauen dieses Jahr 15 bis 20 Dachstühle – so wie sonst auch“, so Andreas Förder. Wenn er auf ein Anwesen komme und mit einem Neubau beauftragt wird, plädiert er häufig auch für die Umnutzung eines bereits vorhandenen Nebengebäudes. Das kam bei den Gästen, die davor schon über die Innenverdichtung gesprochen hatten, sehr gut an.

Vorfreude auf Glasfaser

Mit Hilfe des NeaMobils (wenn es denn schon ein wenig vor 7 Uhr auf die Fahrt ginge) könnten möglicherweise Azubis künftig den Lehrbetrieb in Linden erreichen, der von der Infrastruktur her auch sonst noch Verbesserungsbedarf sieht. So freut man sich, wenn spätestens in vier Jahren Glasfaser kommt, denn neben der Pflege alter Handwerkskunst verschließt man sich auch moderner Technik nicht. Sie wird für das Aufmaß bestehender Gebäude bereits eingesetzt.

Viel Wert werde auf das Betriebsklima mit den momentan fünf Mitarbeitern gelegt, darunter ein Mann aus der Ukraine, „ein Glücksgriff“. Als Projekt habe man sich vorgenommen, bezahlbaren Wohnraum für die Mitarbeiter zu erstellen. Persönliches Hobby sei die benachbarte Streuobstwiese.

Was den Handwerksbetrieb mit dem großen produzierenden Gewerbebetrieb in Markt Erlbach verbindet, ist die Befriedigung, die das Unternehmertum anscheinend bietet: „Wir jammern schon auf hohem Niveau“, hatten bereits Froschauer und Hentze geäußert. „wir sind dankbar und stolz“, sagten danach Marina und Andreas Förder.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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