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Veröffentlicht am 30.05.2023 17:08

Der TSV Burgbernheim wendet sich gegen sexualisierte Gewalt

Sind zufrieden mit dem neuen Konzept (von links): Volker Prehmus, Sabine Stadelmann, Helga Herrmann, Pascal Horst und Annette Sauerhammer. (Foto: Anna Franck)
Sind zufrieden mit dem neuen Konzept (von links): Volker Prehmus, Sabine Stadelmann, Helga Herrmann, Pascal Horst und Annette Sauerhammer. (Foto: Anna Franck)
Sind zufrieden mit dem neuen Konzept (von links): Volker Prehmus, Sabine Stadelmann, Helga Herrmann, Pascal Horst und Annette Sauerhammer. (Foto: Anna Franck)

Ein stolzer Trainer, der seinen Schützling ungefragt umarmt und ihm dadurch unangenehm nahe kommt. Ein Fall von sexualisierter Gewalt. Um vorzubeugen und Kinder, Jugendliche, Betreuer und Trainer zu schützen, greift beim TSV 1877 Burgbernheim nun ein Schutzkonzept.

„Wir wollen signalisieren, dass wir uns nicht wegducken, sondern uns aktiv mit dem Thema auseinandersetzen wollen“, erklärt die zweite Vorsitzende Annette Sauerhammer. Bislang habe es im Verein keinen Vorfall gegeben, betonen sie und Vorsitzender Volker Prehmus ausdrücklich. Das Konzept diene der Prävention, um nicht auf die schiefe Bahn zu kommen oder aber für den Ernstfall gewappnet zu sein.

Ausgearbeitet haben es Helga Herrmann (Vorsitzende) und Pascal Horst (Opferschutzbeauftragter) vom Bad Windsheimer Verein „Prävention und Hilfe bei Mobbing“. Freilich hätte man sich seitens des rund 1100 Mitglieder führenden Sportvereins auch selbst in die Materie einlesen können. „Aber das würde immer ein Gerüchle haben“, sagt Annette Sauerhammer. Deshalb entschied man sich, fachkundige, externe Ansprechpartner mit ins Boot zu holen.

Helga Herrmann als zertifizierte Konflikt- und Mobbingberaterin brachte bei der Ausarbeitung des Konzepts, das sich aus fünf Bausteinen zusammensetzt, ihre jahrelange praktische Erfahrung im pädagogischen Bereich und der Kinder- und Jugendarbeit ein. Dazu kam das Fachwissen von Pascal Horst, der Jura mit Schwerpunkt Kriminalwissenschaften studiert. Neben dem Hauptwerk haben die beiden den TSV-Verantwortlichen auch Leitlinien zum Vorgehen im Verdachtsfall oder auch einen Verhaltenskodex erstellt. Zu ihm gehören beispielsweise Aspekte wie die Achtung der Persönlichkeitsrechte und auch aktiv einzuschreiten, um eine Kultur des Wegschauens zu unterbinden.

Aha-Effekt bei den Geschulten

Dabei gehe es nicht nur um den Schutz der Kinder und Jugendlichen, sondern auch um den der Trainer und Betreuer, „damit sie sich korrekt verhalten und nicht versehentlich in eine Grauzone geraten“, erklärt Helga Herrmann.

In einer Schulung wurden nun Trainer, Betreuer und Abteilungsleiter des TSV Burgbernheim an das Thema herangeführt. Ihre Teilnahme bestätigten sie mit ihrer Unterschrift. Rollenspiele dienten zur Veranschaulichung. Sabine Stadelmann vom Anti-Mobbing-Verein verkörperte dabei eine Betroffene. Bei so manchem konnte man im Verlauf einen „Aha-Effekt“ erkennen, sagt Volker Prehmus.

Ein klassisches Beispiel: Ein Trainer gibt beim Turnen Hilfestellung, fängt einen Jugendlichen auf und erwischt seinen Schützling in einer intimen Zone. Wichtig sei es, den Vorfall nicht einfach wegzuwischen, sondern ihm Raum zu geben. „Man muss den Betroffenen ernst nehmen“, sagt Helga Herrmann, „auch wenn es für Außenstehende nicht so dramatisch aussieht.“ Man entschuldige sich also sofort, nicht erst im Nachgang, um Kreisdenken zu unterbinden, ergänzt Annette Sauerhammer. „Man muss sich seiner Verantwortung bewusst sein.“

Ganz unterschiedliche Reaktionen auf die Schulung

Die TSV-Vertreter hätten auf die Schulung ganz unterschiedlich reagiert. Bei manchen sei schon eine Sensibilisierung erkennbar gewesen – teils wohl auch aufgrund eigener Erfahrungen. Andere zeigten sich skeptischer, hinterfragten, ob man das Thema nicht zu hoch hänge. Schließlich habe es das früher ja auch schon gegeben.

Ein Argument, das Annette Sauerhammer nicht zählen lässt. „Auch früher war das schon nicht okay.“ Heutzutage fange man endlich an, es als das zu begreifen, was es ist, ergänzt Pascal Horst. Nämlich sexualisierte Gewalt.

Ob ein Vorfall ein Kind belastet oder nicht, das sei individuell, sagt Sauerhammer. „Das eine kommt besser damit zurecht, für ein anderes kann es traumatisch werden, wenn man es nicht aufarbeitet.“ Und ja: Es sei ein Balanceakt „kein Riesending“ daraus zu machen, aber dennoch Bewusstsein zu schaffen.

Den richtigen Zeitpunkt erkennen

Letztlich gehe es nicht darum, keine Umarmung mehr zuzulassen, sondern den Zeitpunkt abzupassen, ab dem es dem gegenüber zu viel wird und man in seine Privatsphäre eindringt, so Sauerhammer: „Eine heikle Gratwanderung.“

Übrigens: Teils habe man in der Schulung durchaus schockiert, sagt Pascal Horst. Beispielsweise, als er darauf hinwies, dass Kinder und Jugendliche nicht nur besonders geschützt werden müssen, sondern auch selbst Täter sein können. Vom Hoseherunterziehen in der Umkleidekabine bis zum Hinternklaps auf dem Sportplatz.

Egal ob Gleichaltriger oder Trainer – sexuelle Befriedigung stehen dabei laut Herrmann übrigens nicht im Vordergrund, sondern vielmehr Macht und Kontrolle. Für den TSV Burgbernheim ist das Konzept ein zusätzliches Qualitätsmerkmal. Es lasse sich auf jeden anderen Verein, auf Schulen oder auch auf Unternehmen individuell anpassen, erklärt Herrmann. Die Anfrage des TSV Burgbernheim sei für sie die erste gewesen, weitere hätten sich aber schon angeschlossen.

„Jeder Bereich ist gefährdet, in dem etwas hinter geschlossenen Türen passieren kann“, sagt Horst. Deshalb sei die Devise klar: „Nicht wegschauen, sondern etwas tun.“


Anna Franck
Anna Franck
Redakteurin im Online-Team
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