Wie drei Bewohnerinnen von Oradour das Massaker vom 10. Juni 1944 erlebten, überlebten und wie es ihr Leben prägte – darüber sprach die Historikerin Dr. Andrea Erkenbrecher auf Einladung des Deutsch-Französischen Freundeskreises (DFF) in Wassertrüdingen.
Aline Perney, Renée Maneuf und Camille Senon lebten als junge Frauen in Oradour. Sie alle überlebten das Massaker nur knapp und verloren Familienangehörige und Freunde. Die Waffen-SS ermordete an diesem Tag 643 Menschen und brannte das Dorf im Département Haute-Vienne, das etwa 20 Kilometer nordwestlich von Limoges liegt, vollständig nieder.
Renée Maneuf sah die Soldaten kommen und floh mit ihrer Mutter und Geschwistern durch eine Hintertür ihres Bauernhofes. Sie versteckten sich im Gebüsch hinter dem Haus, das am Abend abgefackelt wurde.
Camille Senon, damals 19 Jahre alt, kam spät nachmittags mit der Trambahn von Limoges von der Arbeit, wurde gefangen genommen, aber wie durch ein Wunder wieder freigelassen. Aline Perney kam zwei Tage nach dem Morden zurück in den Ort und erfuhr, wie viele Verwandte sie verloren hatte, auch ihre Eltern und ihre Tochter.
Renée Maneuf suchte in den Ruinen der Kirche nach ihrem Vater und ihren Brüdern und entdeckte dort die Leichenberge, die die SS hinterlassen hatte. Sie war damals 14 Jahre alt. Da die Familie den Vater verloren hatte, musste sie sich als Dienstmagd verdingen. Aline Perney schaffte es acht Monate lang nicht, Oradour wieder zu betreten.
Beide taten sich ein Leben lang schwer, Deutschen der Kriegsgeneration zu begegnen. Je älter sie werde, desto öfter denke sie an das Massaker, bekannte Aline Perney.
„Das zeigt, dass ein Schlussstrich Menschen nicht möglich ist, die so etwas erlebt haben“, wird die Referentin Andrea Erkenbrecher in einer Pressemitteilung des Freundeskreises deutlich. Filmsequenzen mit Interviews der drei Frauen, die sie einspielte und den rund 60 im Bürgersaal Zuhörenden übersetzte, vertieften die Eindrücke ihres Vortrags.
Bürgermeister Stefan Ultsch gab eine Einführung. Die DFF-Vorsitzende Annegret Becker begrüßte die Zuhörer. Der Abend ging mit Gesprächen untereinander und mit der Referentin zu Ende. Maria Kaiml und Astrid Schwemin hatten ihn musikalisch begleitet.
Oradour liegt in der französischen Region Limousin, die seit langem eine Partnerschaft mit Mittelfranken hat. Vor kurzem würdigten die Staatspräsidenten von Frankreich und Deutschland in Oradour die historische Bedeutung dieser Verbindung.