Im Garten helfen, Arztbesuche begleiten oder zum wöchentlichen Einkauf fahren: Nachbarschaftshilfen bieten in verschiedenen Lebensbereichen Unterstützung. Während einige Kommunen darum kämpfen, eine solche zu etablieren, ist eine in der Region ein Paradebeispiel: die Nachbarschaftshilfe in Illesheim.
Begonnen hat alles im Jahr 2017 mit einer Umfrage in der Bevölkerung, aus der Ideen und Bedürfnisse der Bürger ermittelt wurden. Dabei wurde klar, dass viele Menschen in den Dörfern gern Hilfe in Anspruch nehmen würden, es aber an Koordination fehlte. Nach einem Informationsabend im Juli 2018 wurde die Nachbarschaftshilfe gegründet, offizieller Start war dann im September.
Ein Team aus dem damaligen Pfarrer Alexander Caesar, Anja Dehner (43), Gerhard Grau (74) und Bernd Arnold (74) machte den Anfang. Ansprechpartner sei man heute wie damals für die Menschen, die in einem der Orte leben, die zur evangelischen Kirchengemeinde gehören – also Urfersheim, Westheim, Illesheim, Sontheim und Schwebheim.
Schnell merkte man, dass es wichtig ist, überall vor Ort einen Ansprechpartner für die Menschen zu haben. So kamen Georg Schwarz (69) für Urfersheim, Matthias Walter (67) für Westheim und Gottfried Seemann (70) für Schwebheim dazu. Heute gehören außerdem das Pfarrer-Ehepaar Uwe (56) und Christine (54) Stradtner sowie Eva Meyer (38) zum Kern der Nachbarschaftshilfe.
„Luxus“ ist es, findet Anja Dehner, dass die Illesheimer auf die Unterstützung von insgesamt drei Pfarrersleuten vertrauen können, denn auch Vikarin Evelyn Beck-Pieler steht stets parat.
Rund 180 Personen hätten sich zu Beginn bereiterklärt mitzumachen, wenngleich bis heute nicht alle auch zum Einsatz kamen, sagt Bernd Arnold. Je nachdem, was anfällt, überlegt das Team, wer angefragt wird. Und das kann ganz verschieden sein: Von Fahrten zum Arzt oder Einkaufen bis hin zu Arbeiten im Garten oder Haus. Können die Ehrenamtlichen nicht selbst weiterhelfen, vermitteln sie an entsprechende Stellen. Auch Vereine helfen, wo sie können, sagt Anja Dehner.
Ihr nehmt den Handwerkern die Arbeit – gegen solche Vorwürfe stemmt sich Anja Dehner vehement. „Wir schauen, dass der Wasserhahn in der akuten Situation nicht mehr tropft. Beheben muss den Schaden ein Handwerker“, erklärt die 43-Jährige. Das Hauptanliegen der Nachbarschaftshilfe sei die Stärkung der Verbindung untereinander, damit der Zusammenhalt wächst, sagt Uwe Stradtner. Wichtig ist dem Team beispielsweise Senioren zu begleiten, damit diese sich austauschen können. Dafür wurde ein Mittagstisch gegründet, der regelmäßig im Wechsel im Gasthaus Stern in Illesheim und im Gasthaus Schmidt in Westheim stattfindet. „Das fing mit acht Senioren an“, sagt Matthias Walter, beim letzten Mal waren es über 30.
„Durch den persönlichen Kontakt kommen wir an die Senioren heran“, erklärt Anja Dehner. „Sie wissen, wer wir sind und trauen sich dann eher anzurufen, wenn sie Hilfe brauchen als bei einer fremden Nummer.“
Ob Bastelaktionen des Kindergottesdienst-Teams für die Senioren zu Ostern oder Wirtshaussingen, ob Rollatortraining mit Georg Schwarz, der sich dafür eigens hat ausbilden lassen, oder Fahrten in die Flur kurz vor der Ernte mit Siebener-Obmann Gerhard Grau. Die Illesheimer Ehrenamtlichen lassen sich immer wieder Neues einfallen. Wichtig ist dem Kern-Team, zu betonen: „Wir sind nur die vordersten Köpfe“, sagt Anja Dehner. Getragen wird es von vielen Menschen. Und auch die Kommune samt Bürgermeister sei stets da. Auf ein offenes Miteinander legen die Verantwortlichen Wert. „Jeder trägt seinen Teil bei – nach seinen Kräften und Möglichkeiten.“
Auch als im März des vergangenen Jahres erste Geflüchtete aus der Ukraine in Illesheim ankamen, war die Nachbarschaftshilfe zur Stelle und fungierte als Koordinator. „In ein bis zwei Wochen haben wir komplette Wohnungen gestemmt“, erzählt Anja Dehner. Deutschkurse wurden organisiert. Die Ehrenamtlichen halfen bei Amtsgängen, der Job- und Wohnungssuche inklusive Mobiliar und – da vor allem Frauen mit Kindern ankamen – bei allem rund um das Thema Schule.
Eine Familie habe stets eingekauft, erzählt Anja Dehner. Wenn Geflüchtete ankamen, hatten sie einen vollen Kühlschrank und waren mit Hygieneartikeln ausgestattet. Da halfen auch Leute mit, die mit der Nachbarschaftshilfe oder der Kirchengemeinde sonst nichts zu tun haben, spendeten Geld und Güter. Die Zahl der Geflüchteten in Illesheim habe immer wieder geschwankt, sagt Uwe Stradtner. In der Spitzenzeit waren es bis zu 30. Manche seien wieder zurück in ihre Heimat, andere nach Bad Windsheim gezogen und in einem festen, stabilen Umfeld angekommen. „Das haben wir komplett begleitet“, sagt Anja Dehner.
Einmal pro Monat trifft sich das Kernteam der Nachbarschaftshilfe, um zu schauen, was auf den Dörfern los ist. Kritisch sind besonders die Menschen, die weder gesehen noch gehört werden. Derzeit sei das Telefon recht still. Das heißt aber nicht, dass niemand Hilfe braucht. Mittlerweile seien die Einzelnen einfach gut untereinander vernetzt. „Das ist die Frucht unserer Arbeit“, sagt Dehner.
Was die Illesheimer anders machen als andere Kommunen? „Wir sind ein Dorf“, sagt Anja Dehner. In der Stadt sei vieles anonymer. „Wir können hier auf jeden Einzelnen schauen, wir kennen die Leute.“ Tipps zu geben fällt deshalb schwer, wenngleich das Team schon in manchen Orten von seinen Erfahrungen berichtete.
„Ich bin Illesheimer, ich bin hier geboren“, sagt Gerhard Grau auf die Frage, woher die Ehrenamtlichen ihre Motivation nehmen. Er finde es schön, wenn seine Hilfe ankommt. Matthias Walter lebt erst seit sieben Jahren in Westheim, das Ehrenamt „steckt aber einfach in mir drin“. Unterstützen mache Spaß und den Menschen „gibt es etwas“, sagt Anja Dehner. Ein gut funktionierendes Gemeindeleben möchte die 43-Jährige ihren Kindern übergeben. Damit sie sagen, „wir wollen das genauso machen, wie ihr uns das vorgelebt habt“. Miteinander, füreinander.