Für den Abschied ist es noch zu früh. Aber eine Abschiedsinszenierung ist es dann doch: die letzte im eigenen Haus. Bevor Intendant Peter Cahn mit seinem Ensemble auf der Dinkelsbühler Freilichtbühne die Showknaller krachen lässt, wird es im Theaterhaus mit dem „Perfekten Geheimnis“ noch einmal bitterkomisch ernst.
Das Stück ist auf Erfolg abonniert. Paolo Genovese hat vor acht Jahren mit seinem Kinodrama „Perfetti Sconosciuti“ den Nerv der Zeit getroffen. Gut zwei Dutzend Remakes gibt es inzwischen rund um den Globus. Was für einen Eintrag in das Guinness-Buch der Rekorde reichte.
Da war es nur folgerichtig, dass Genovese sein Drehbuch für das Theater bearbeitet hat. Diese Version ist jetzt am Landestheater zu sehen – sie ist subtiler, ausbalancierter als die deutsche Kinokomödie. Peter Cahn arbeitet das mit seinem Ensemble sehr schön heraus.
Das Thema ist nicht neu: Jeder Mensch ist ein Abgrund. Genovese schaut gleich in sieben und leuchtet in die hintersten Winkel, dorthin, wo harmlose und üble Geheimnisse, wo Lebenslügen und Sehnsüchte gut verborgen liegen. Man kennt das.
Neu, gewitzt und heutig ist der dramaturgische Dreh, um all die dunklen Dinge ans Licht zu bringen. Genovese tut das nicht mit vertauschten Briefen und heimlichen Mitlesern, sondern mit Handys bei einem Abendessen unter Freunden. Die lassen sich auf ein vermeintlich lustiges Spiel ein: Sie legen ihre Smartphones auf den Tisch und versprechen, alles vorzulesen und herumzuzeigen, was dort eintrudelt. Telefonate, versteht sich, werden öffentlich geführt.
So was kann gut gehen. Hier läuft es auf eine Katastrophe zu. Ehepartner fühlen sich getäuscht, Freunde verraten. Misstrauen macht sich breit. Affären fliegen auf. Ein Outing lässt die gutbürgerliche Toleranzfassade bröckeln. Kurzum, was da in die Brüche geht, wird sich schwer kitten lassen.
Peter Cahn, der oft gezeigt hat, wie gut er die Eskalationsmechanik solcher Stücke bedienen kann, tut hier souverän das Gegenteil. In aller Ruhe lässt er wie mit einem hintergründigen Lächeln die Freunde-Komödie zu einem desillusionierten Drama mutieren.
Er gibt dem Stück und dem Ensemble genug Zeit, damit sich die Figuren entwickeln können, kultiviert den Konversationston, setzt Mini-Pausen wie Kälteschocks, arbeitet den Kammerspielcharakter heraus. Auf Duo-Szenen zoomt er zu, indem er die anderen Akteure im Halbdunkeln erstarren lässt – eine kleine artifizielle Brechung.
Sein Bühnenbild – drei Zweisitzer, Nierentischchen, beiger Teppich, eine Bar mit Hockern, weiße Seitenwände für Schattenszenen und ein Sternenhimmel als Hintergrund – strahlt die diskrete Eleganz des gehobenen Mittelstands aus. Gesa Gröning verstärkt den mit ihren typgenauen Kostümen.
„Das perfekte Geheimnis“ glückt als eine runde Ensembleleistung. Andreas Peteratzinger, Maike Frank, Jan Fritz Meier, Janina Lisa Dötterl, Yannik Dirksen, Claudia Roth und Marcel Kaiser legen nach und nach bloß, was ihre Figuren umtreibt. Man sieht ihre inneren Nöte: Peter Cahn führt sein Ensemble zielsicher zu diesen Punkten hin. Wieder einmal. Eine würdige Abschiedsinszenierung.