Mehr als 5.000 Krankheitsfälle und bald 2.500 Tote in knapp 100 Tagen - das ist die aktuelle Bilanz des Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo. Fragen und Antworten zur Epidemie:
Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus findet klare Worte: „Die Epidemie ist noch lange nicht unter Kontrolle. Dies ist nun der zweitgrößte jemals verzeichnete Ebola-Ausbruch, und er breitet sich schneller aus als jeder vorherige.“
Experten der Weltgesundheitsorganisation und der afrikanischen Gesundheitsbehörde Africa CDC befürchten schon jetzt, dass der Ebola-Ausbruch im Kongo sich zum größten des Kontinents entwickeln könnte. Beim bislang schwersten Ausbruch waren in den Jahren 2014 und 2015 in Westafrika mehr als 11.000 Menschen gestorben.
„Es gibt weiterhin eine große Dunkelziffer“, betont Maximilian Gertler, Tropenmediziner an der Berliner Charité, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen während des großen Ebola-Ausbruchs in Westafrika im Einsatz war und auch im Kongo für die Organisation arbeitete. „Man muss davon ausgehen, dass viele Fälle und auch Todesfälle gar nicht registriert werden.“
„Wir sehen allein seit Bekanntwerden des Ausbruchs weit über 2.000 Todesfälle“, sagt Gertler. „Im Vergleichszeitraum während der großen Epidemie in Westafrika waren es etwa 300 Todesfälle. Die allermeisten neuen Fälle waren vorher nicht als Kontaktfälle registriert, wir sehen also weiterhin nicht das ganze Geschehen.“
„Solange nicht jede Kette gefunden und unterbrochen ist, wird die Epidemie andauern“, betonte Tedros in einem Bericht zur Ebola-Lage.
Ebola-Fieber ist eine lebensbedrohliche Krankheit. Das Virus wird durch Körperkontakt und Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen und löst ein hochansteckendes Fieber mit Durchfall und Blutungen aus.
Der 17. Ebola-Ausbruch im Kongo wurde Mitte Mai offiziell bekanntgegeben. Angesichts der bereits damals hohen Fallzahlen gingen Experten aber schon zu dem Zeitpunkt davon aus, dass die hochansteckende Infektionskrankheit bereits seit längerer Zeit im Umlauf war. „Der Ausbruch wurde sicherlich sehr spät bemerkt und läuft wohl mindestens seit Anfang des Jahres“, schätzt Gertler.
„Das Perfide an Ebola ist, dass es in der frühen Phase keine besonders spezifischen Symptome gibt“, so Gertler. Die Patientinnen und Patienten haben Fieber, ein allgemeines Krankheitsgefühl, Ganzkörper- und Kopfschmerzen, ähnlich wie bei grippalen Infekten oder einer Malaria. Wenn medizinische Fachkräfte dann keinen Zugang zu adäquater Labordiagnostik haben und Erkrankte die ohnehin schwachen Gesundheitseinrichtungen aus Angst nicht aufsuchen, ist es schwer bis unmöglich, die Krankheit sofort zu erkennen.
Bei der Bekanntgabe des Ebola-Ausbruchs war zunächst nur die Provinz Ituri im Nordosten des Kongo betroffen - inzwischen ist das Fieber in sechs Provinzen des zentralafrikanischen Landes aufgetreten, das von der Fläche das zweitgrößte Land Afrikas ist.
„Die aktuelle Herausforderung ist, dass wir immer mehr Fälle und Todesfälle in entlegenen Regionen sehen“, sagt Gertler. Das seien Gebiete, die dünner besiedelt, schlecht zu erreichen und meist sehr unsicher sind. Die Hilfe kommt nur schwer vor Ort - das gilt für Tests, Isolierung, Behandlung und Aufklärungsarbeit.
In größeren Städten wie etwa Bunia, der Hauptstadt der Provinz Ituri, konnten recht schnell Behandlungs- und Laborkapazitäten ausgebaut werden. Allein Ärzte ohne Grenzen betreibt insgesamt sieben Behandlungszentren und zahlreiche Isolierstationen in Ituri, Nord-Kivu und Süd-Kivu sowie in der Provinz Tshopo, wo gerade ein neues Behandlungszentrum aufgebaut wird. Insgesamt sind das laut Gertler etwa 430 Betten sowie mehr als 1.400 Mitarbeitende in der Region. „Dort, wo wir Erkrankte behandeln können, das berichten mir die Kolleginnen und Kollegen von vor Ort immer wieder, wächst auch das Vertrauen der Bevölkerung“, sagt der Mediziner. „Patienten kommen dann früher und wir erkennen mehr Kontaktpersonen.“
In den ländlichen Regionen aber gebe es gravierende Lücken und kaum Zugang zu rascher Diagnostik. „Die ist natürlich essenziell, um Fälle tatsächlich zu erkennen, zu registrieren, adäquat zu behandeln und auch um die Nichtfälle sicher zu identifizieren“, sagt Gertler. Insbesondere in ländlichen Regionen müssten dringend mehr Isolierstationen eingerichtet werden.
Vor allem im Osten und Nordosten des Kongos gibt es zahlreiche bewaffnete Gruppen und bewaffnete Konflikte, die bereits seit Jahrzehnten andauern. Die Region ist von hoher Unsicherheit geprägt - das erschwert auch den Zugang für Helfende. Hinzu kommen Einschränkungen im Grenz- und Flugverkehr. „Sie verzögern die Ankunft von medizinischen Gütern, humanitärer Hilfe und spezialisiertem Personal in sehr dramatischer Weise“, sagt Gertler.
Jetzt steht zudem die nächste Regenzeit im Kongo bevor. In dieser Zeit kommt es üblicherweise zu einer erheblichen Zunahme von Infektionskrankheiten wie Malaria, Durchfallerkrankungen wie Cholera, aber auch Masern und Atemwegsinfektionen. Dies könnte die aktuelle Situation noch einmal massiv erschweren, weil allein durch Malaria massiv Fieberfälle dazukommen, die diagnostisch abgegrenzt werden müssen von den Ebola-Fällen.
Aber auch Angst in der Bevölkerung vor der Isolation von Ebola-Patienten erschwert die Bekämpfung der Epidemie, berichtet die Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger. Ebola-Behandlungszentren würden nach wie vor häufig mit einem Todesurteil gleichgesetzt. Aus Angst verbergen manche Familien erkrankte Angehörige, verzögern deren Verlegung in spezialisierte Einrichtungen oder suchen zunächst traditionelle Heiler auf, so Landesdirektorin Julie Drouet. Außerdem: „Für einen Motorradtaxifahrer, einen Marktverkäufer oder einen Goldschürfer bedeutet ein Tag in Isolation einen Tag ohne Nahrung für seine Kinder.“ Und Hunger werde als größere Bedrohung angesehen als das Virus, dessen Existenz viele leugnen.
In der vergangenen Woche wurden Ebola-Fälle in der Provinz Tshopo bekannt. Von der Provinzhauptstadt Kisangani fahren regelmäßig Schiffe auf dem Kongo-Fluss in die Hauptstadt Kinshasa, in der etwa 17 Millionen Menschen leben. Ein Ebola-Ausbruch dort könnte die Lage drastisch verschlechtern. In der Vergangenheit kam es bereits wiederholt zu Cholera-Ausbrüchen, die durch Schiffsreisende eingeschleppt wurden. Noch hoffen die Ärzte im Kongo und darüber hinaus, dass dies im Fall von Ebola nicht eintritt. Trainingsmaßnahmen sollen dennoch auf eine solche Möglichkeit vorbereiten.
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