Es riecht nach Schaf. Sven Hödel greift in einen Messbecher mit Wollpellets und lässt sie durch seine Finger rieseln. 100 Prozent Wolle zu kleinen hellbraunen Zylindern gepresst. „Die Wolle an sich ist nichts mehr wert. Das ist schon traurig“, sagt der 26-Jährige aus Sommersdorf. Sie ist zum Abfallprodukt geworden.
Sven Hödel und sein Opa halten rund 350 Schafe und 15 Ziegen zur Landschaftspflege. Außerdem haben sie zehn Milchziegen. Die Milch verarbeitet Sven Hödel selbst. In einem Selbstbedienungshüttchen direkt auf dem Hof verkauft er Frischkäse, Feta, Joghurt und Grillkäse. Neben dem Kühlschrank stehen auch die Papiertüten mit den Wollpellets.
Während der Pandemie waren die Wollpreise an einem Tiefpunkt. Seitdem geht es nur sehr langsam bergauf. Deshalb wird die Schafwolle häufig unter ihrem Wert verwendet. Die Nachfrage ist allgemein gering. In der Textilindustrie wurde die Wolle größtenteils von synthetischen Fasern abgelöst. Der deutsche Wollmarkt hat jedoch zwei große Nachteile: Die Faser ist hierzulande gröber. Außerdem sind die Preise während des gesamten Prozesses, beispielsweise für Haltung, Schur und Wäsche, höher als andernorts. Die Länder Australien, China und Neuseeland sind die größten Wollproduzenten und setzen den Markt unter Druck. Der Markt in Deutschland ist sehr unübersichtlich. Viele Erzeuger haben sich ihre Vermarktung selbst über viele Jahre aufgebaut, große Netzwerke fehlen.
Schafe sind Meister der Landschaftspflege. Sie halten die Wiesen schonend kurz – auch in Westmittelfranken. Einmal im Jahr werden die Tiere geschoren. Zwei bis drei Kilogramm Wolle fallen von jedem Schaf ab. Doch die Naturfaser findet kaum noch Abnehmer. Deshalb setzen immer mehr Schäfer aus der Region auf die Vermarktung durch Pellets.
Die Tomaten werden so richtig dunkelrot.
Seit 2022 lässt Hödel einen Teil der Wolle – inzwischen rund 200 Kilogramm – auf diese Weise verarbeiten. Die Pellets dienen als natürlicher Dünger für Garten oder Balkon. „Meine Oma hat früher schon die Rohwolle für die Pflanzen verwendet“, schildert er. Die Pellets sind „klein und kompakt“ und lassen sich besser dosieren.
Schafwolle enthält neben Stickstoff, Phosphat und Kalium – allesamt wichtige Nährstoffe für Pflanzen – auch Magnesium, was Wurzelwachstum und Ertrag fördert. Diese Stoffe werden über fünf Monate hinweg abgegeben. Das wirkt, weiß Hödel aus dem eigenen Garten: „Die Tomaten werden so richtig dunkelrot“.
Die Wollpellets speichern Wasser langfristig – ein großer Vorteil in Zeiten der Klimaerhitzung, wenn der Regen ausbleibt und das Gießwasser rar ist. „Die gehen auf wie ein Schwamm“, beschreibt Monika Weinländer aus Leonrod bei Dietenhofen. Sie ist selbst begeisterte Hobbygärtnerin und schätzt die Vorteile der Wollpellets sehr.
Weinländer hat 40 Schafe und lässt seit rund vier Jahren Pellets herstellen. Der Grund: „Der Wollpreis ist im Keller“, beschreibt sie. Also machte auch sie sich auf die Suche nach neuen Vermarktungsmöglichkeiten.
Monika Weinländer gibt die nicht so schöne Wolle ihrer Schafe gemeinsam mit einer weiteren Schäferei zu einem Lohnpelletierer nach Wemding. Weinländer packt die Pellets selbst ab und vertreibt sie über regionale Geschäfte, Hofläden und die eigene Gastwirtschaft. „Es ist kein Selbstläufer“, betont Weinländer. Viele kennen das Produkt nicht, anderen – wie zum Beispiel Gärtnereien – ist es zu teuer.
Weinländers Preisempfehlung liegt bei rund zehn Euro für ein Kilogramm. Sven Hödel verkauft seine Zwei-Kilogramm-Säcke für 15 Euro. Genauso viel kosten sie bei den Landwirtschaftlichen Lehranstalten (LLA) Triesdorf, berichtet Anne Schiborra, Leiterin der Abteilung Tierhaltung. Die LLA haben eine Schafherde mit rund 300 Tieren und verkaufen seit einem Jahr Pellets.
Bevor wir sie wegschmeißen ...
Schiborra ist überzeugt von dem Produkt: Es ist biologisch, hat keine unerwünschten Inhaltsstoffe und einen „Langzeiteffekt“. Die erste Wahl ist diese Art der Verarbeitung trotzdem nicht. „Wir versuchen immer, die Wolle besser zu verwerten. Aber bevor wir sie wegschmeißen ...“, sagt Schiborra.
Im Landschaftspflegeverband Mittelfranken haben sich inzwischen 20 Betriebe aus der Region zusammengeschlossen, um Pellets herstellen zu lassen. Andreas Schurz, selbst Schäfer, hat diese Initiative vor drei Jahren mit Lukas Raab gestartet. „Wir wollen eine gemeinsame Vermarktungsschiene aufbauen.“ Viele Schäfer kämpfen noch für sich allein, sagt Schurz. Doch eigentlich haben alle dasselbe Ziel: Die Wolle vernünftig loszubekommen.
Das grundlegende Problem: Wolle ist nicht mehr gefragt. Eigentlich ist sie aber ein sehr vielfältiger und nützlicher Rohstoff. Sie hält lange warm, ist atmungsaktiv und geruchsresistent. Deshalb war sie lange auch sehr beliebt. Doch seit Jahren findet die Wolle aus Deutschland kaum noch Abnehmer. Damit sie überhaupt verwendet wird, werden viele Abstriche gemacht. So findet die eigentlich hochwertige Naturfaser Einzug in Wärmedämmungen von Häusern oder eben in Wollpellets.
Die Pellets werden am besten direkt in das Pflanzloch gegeben. Sie können aber auch rund um die Pflanze, mindestens vier Zentimeter tief, in die Erde eingearbeitet werden. Die Dosierung hängt von der Pflanzenart ab.
Für Bohnen, Erbsen oder Radieschen genügen beispielsweise zehn Gramm. Salat oder Karotten benötigen in etwa die doppelte Menge. Starkzehrer wie Tomaten oder die für Balkonkästen beliebten Geranien vertragen eine Handvoll.
Wichtig: Nach dem Pflanzen muss besonders kräftig gegossen werden, da die Pellets vor allem am Anfang viel Wasser aufsaugen. Die Ursprungsgröße verdreifacht sich etwa. Dadurch wird die Bodenstruktur aufgelockert. Einmal eingearbeitet, sind die Pflanzen für die Saison versorgt.
Für die Schäfer ist das oft frustrierend. Monika Weinländer erklärt, wie viel Geld in dem gesamten Prozess steckt: Die Scherer und Mitarbeiter zum Sortieren müssen bezahlt werden. Transport und Abpacken sind mühsam, Abnehmer finden ebenfalls. Selbst wenn man viele Schritte in Eigenleistung oder mit Familienunterstützung stemmen kann: Zeit und Geld sind gefragt – egal wie hochwertig das Endprodukt ist.
Ein bisschen Gewinn fällt ab.
Bei Sven Hödel sind drei Scherer einen Tag lang zu Gange, um alle Schafe zu scheren. Mit Blick auf die Wollpellets sagt er: „Ein bisschen Gewinn fällt ab.“ Der Konkurrenzdruck ist jedoch da. Bau- oder Gartenmärkte bieten Wollpellets zu günstigeren Preisen. Oft sind diese aus nicht-regionaler Wolle oder gemischt mit anderen Materialien.
Der 26-Jährige arbeitet aktuell noch mehre Tage in der Woche bei einem Lohnunternehmer. Trotz der Schwierigkeiten beim Thema Wollvermarktung: Hödel möchte die Schäferei einmal weiterführen. Er hofft, dass sich die Situation in Zukunft verbessert: „Es wäre schön, wenn man die Wolle wieder so losbekommen würde wie früher.“
Themen entstehen oft aus der Neugierde im Alltag. So auch dieses. Die Erde in den Balkonkästen musste im Frühjahr aufbereitet werden. Wer beim Südbalkon nicht täglich literweise Wasser schleppen möchte, muss sich ein paar Gedanken machen. Also landeten regionale Wollpellets in den Töpfen und Kästen. Doch wieso entscheiden sich Schäfer für diesen Weg? Ist die Wolle nicht zu schade?