Ernst Messner ist 82 Jahre alt und seine Leidenschaft fürs Segelfliegen ist ungebrochen. Viele Jahre lang war er ein Teil des Luftsportclubs (LSC) Schliersee in Geitau. Nun lebt er in der Seniorenresidenz Bad Windsheim und ist dem Flugsportverein Bad Windsheim beigetreten. Dort ist er das älteste aktive Mitglied.
Was ihn am Fliegen fasziniert? „Das Gefühl, frei in der Luft zu fliegen, allein, mit nichts als der Sonnenkraft“, sagt Messner. Er geht jedes Jahr zum Arzt, um sich seine Fliegertauglichkeit bescheinigen zu lassen. Sollte ihm diese aus gesundheitlichen Gründen irgendwann einmal nicht mehr zugestanden werden, will Messner daraus kein Drama machen. „Dann setze ich mich künftig eben hinten mit rein. Das geht ohne weiteres.“
Was ihm auf ewig bleiben wird, sind seine Erinnerungen an unvergessliche Flüge mit einzigartigen Weit- und Fernblicken. Gesammelt hat er diese Erinnerungen vor allem während der Zeit, in der er in Ottobrunn gewohnt hat und fast täglich nach Geitau in den Luftsportclub und zu seinem geliebten Segelflieger-Oldtimer, einem Zugvogel 3b aus dem Baujahr 1959, gefahren ist. „Das Fliegen in den Bergen ist schon schöner als hier im mittelfränkischen Flachland. Es ist auch anspruchsvoller“, sagt Messner.
Während er in und um Geitau herum nahezu jede Bergspitze kannte und ausschließlich auf Sicht geflogen war, musste er sich im neuen Wirkungskreis erst einmal neue Orientierungspunkte suchen: beispielsweise den Main oder die mittlerweile gesprengten Kühltürme des ehemaligen Atomkraftwerks Grafenrheinfeld, den Schwanberg oder die Kaserne in Illesheim.
Denn obwohl der 82-Jährige in der Region aufgewachsen ist, kennt er sie aus der Sicht des Fliegenden kaum. Aufgewachsen in Diespeck, hat Messner in Windsbach sein Abitur gemacht und hat dort auch im bekannten Windsbacher Knabenchor gesungen. Während dieser Zeit war er am Fliegen nur mäßig interessiert. Einzig ein Modellflugzeug ließ er steigen, lenkte es in die Thermik und es war fort, bis er es auf einer Wiese im Wald wiedergefunden hat.
Zum Segelfliegen kam er während seines Maschinenbau-Studiums mit Schwerpunkt Leichtbau und Flugzeugbau in München. Dort war er der „Akaflieg München“ beigetreten, einer Flugtechnischen Forschungsgruppe für Münchner Studierende. Gegründet im Jahr 1924 lautet das Motto der Gruppe bis heute: konstruieren, bauen, fliegen.
Ihr Ziel: Das in den Vorlesungen erworbene Wissen in der Praxis umzusetzen. Die Mitglieder werden fliegerisch ausgebildet, ihnen werden handwerkliche Kenntnisse vermittelt und sie werden vor die Herausforderung gestellt, Probleme eigenständig zu lösen. Ihr Ziel ist es, innovative Methoden und Entwicklungen im Flugzeugbau, insbesondere im Segelflugzeugbau, zu entwickeln und anzuwenden. Das soll sie für den Arbeitsmarkt fit machen. Motorsegler oder andere motorisierte Flugzeuge haben Messner nie gereizt. „Zu laut, es hat gestunken und nur brummbrumm gemacht“, sagt er. Mitgeflogen ist er aber hin und wieder schon. „Als Ballast.“
In den Flugsportverein Bad Windsheim hat sich der 82-Jährige eigenen Angaben zufolge gut integriert. Bis Anfang August war er in diesem Jahr schon 40 Stunden in der Luft. Mittlerweile bringt er es in seinem Fliegerleben insgesamt auf 4000 Stunden Flugzeit bei 2500 Starts. Mitunter hat ihn auch der Ehrgeiz gepackt, so dass er das eine oder andere Leistungsabzeichen im Segelflug ergattert hat. Wer seinen Namen auf der Internetseite der Bundeskommission Segelflug im Deutschen Aero Club eingibt und nach den an ihn verliehenen Leistungsabzeichen sucht, findet davon sieben.
Darunter befindet sich auch eine Auszeichnung, die er für einen 500 Kilometer umfassenden, angemeldeten Zielflug erhalten hat, bei dem er zeitweise zusätzlich auf 5000 Meter in die Höhe gegangen war. „Sowas kann man nicht überall machen, weil man dafür den nötigen Spielraum braucht“, erklärt Messner. Er selbst hat den Flug in Südfrankreich absolviert, ausgerüstet mit zusätzlichem Sauerstoff, weil die Luft in 5000 Metern Höhe knapp ist.
Doch am liebsten lässt sich Messner einfach treiben. Er liebt es, der Thermik nachzuspüren, sie immer wieder zu finden und auf ihr wie auf einer Welle dahin zu gleiten. Er könnte das ewig tun. Und wenn er erst einmal in der Luft ist, ist der 82-Jährige nur schwer wieder runter zu bekommen. „Am liebsten bin ich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang unterwegs.“ Dabei vertraut er weniger aufs technische Equipment als auf sein eigenes Gespür, auf die Wolkenbildungen und auf die Vögel, die mit ihm kreisen. Adler, Geier, Bussarde, Rote Milane, Störche oder Krähen – sie alle seien hervorragende Thermik-Experten. Denn Thermik an sich sei nicht sichtbar. „Dafür braucht man das richtige Gefühl.“
Seinen Segelflieger-Oldtimer hat Messner mittlerweile samt Anhänger verkauft. Er fliegt nun die vereinseigenen Maschinen des Flugsportvereins Bad Windsheim. Auch das war eine Umstellung. Denn sein Zugvogel hatte ein Stahlrohrgerüst, der Rumpf war aus Holz und die Rippen des Flügels waren mit Stoff gespannt. Bei den neueren Flugzeugen würden bessere Materialien genutzt, so der 82-Jährige. Sie seien leichter, fester und nicht so anfällig. Außerdem würde man in einem modernen Flieger bequemer sitzen. Seine unvergesslichen Flüge im Zugvogel möchte er trotzdem nicht missen.