Filmherbst in Rothenburg: Auch in Afrika Menschen bewegt | FLZ.de | Stage

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 06.12.2024 18:00

Filmherbst in Rothenburg: Auch in Afrika Menschen bewegt

Temperamentvoll berichtete Thilo Pohle von Filmvorführungen in anderen Ländern. So war 2007 eine Produktion öffentlich im Senegal gezeigt worden. Als Bildschirm diente ein einfaches Fernsehgerät. (Foto: Margit Schwandt)
Temperamentvoll berichtete Thilo Pohle von Filmvorführungen in anderen Ländern. So war 2007 eine Produktion öffentlich im Senegal gezeigt worden. Als Bildschirm diente ein einfaches Fernsehgerät. (Foto: Margit Schwandt)
Temperamentvoll berichtete Thilo Pohle von Filmvorführungen in anderen Ländern. So war 2007 eine Produktion öffentlich im Senegal gezeigt worden. Als Bildschirm diente ein einfaches Fernsehgerät. (Foto: Margit Schwandt)

Seit 40 Jahren gibt es die Dokumentarfilmgruppe der Oskar-von-Miller-Realschule – Anlass genug für eine Dokumentation in eigener Sache. Diese wurde am Campus zum Abschluss des Filmherbstes geboten.

Initiator Thilo Pohle hat über die Jahrzehnte mit den diversen Filmteams verschiedene Länder in Europa und Afrika sowie auch Indien besucht, Filme gedreht und präsentiert. Günther Etter berichtete von den Anfängen: Der Großvater eines Schülers der Rothenburger Realschule war 1945 im nahen Brettheim an einer Linde erhängt worden, mit ihm zwei weitere Brettheimer. Der Grund: Sie hatten vier Hitlerjungen kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges im April 1945 entwaffnet.

Auch eine Vorführung in Moskau

Dem Filmteam gelang es, Zeitzeugen zu finden und deren Erinnerungen festzuhalten. Der Brettheim-Film wurde in Moskau und San Francisco vorgestellt. Parallel dazu wurde eine Ausstellung gestaltet und in sechs Sprachen übersetzt.

Kerstin Schmidt, rechte Hand Pohles, berichtete über die Filmarbeit ab 1990, als der Fokus auf Menschen in Afrika und Asien lag. Da es dem Filmteam nicht möglich war, mehrwöchige Reisen nach Afrika und Indien zu unternehmen, drehten einheimische Schüler in diesen Ländern die Filme selbst in ihren Landes- oder Stammessprachen. Im deutschen Studio wurden die Texte ins Deutsche übersetzt und in den verschiedenen Sprachen geschnitten. Hier entstanden über 100 Filme in 15 verschiedenen Sprachen.

Die Tansania-Verbindung des evangelischen Dekanats dokumentierte die Filmgruppe ebenfalls. Fritz Uhl, Besitzer eines Nähmaschinengeschäftes in Rothenburg, engagierte sich vor Ort in Tansania für die Ausbildung von Mädchen und jungen Frauen zur Schneiderin, organisierte mehr als 1700 mechanische Tretnähmaschinen. Und Thilo Pohle traf auf einen Schulrat in Tansania, genauer in Moshi. Dort erzählte er von den Dokumentarfilmen, in denen die NS-Zeit aufgearbeitet wurde.

Die Männer von Brettheim

Der Schulrat führte ihn hinter das Schulgebäude, zeigt auf einen Baum. Dort sei vor mehr als 100 Jahren der letzte König der Chaggas aufgehängt und enthauptet worden. Der Kopf sei nach Deutschland geschickt worden. Er bat Pohle, diesen Kopf ausfindig zu machen und den Kopf des Königs den Menschen zurückzugeben.

Pohle reiste 2002 nach Abidjan an die Elfenbeinküste, um im dortigen Goethe-Institut den Brettheim-Film zu zeigen. Dort war gerade ein Bürgerkrieg ausgebrochen, und eigentlich wollte er die Vorführung absagen. Doch das wollte das Goethe-Institut unter keinen Umständen. Die Geschichte von Brettheim habe die Menschen dort sehr berührt und bewegt, so Pohle.

Später, 2005, wurde Pohle zu einem Wasser- und Gartenprojekt im Senegal eingeladen. Der dabei entstandene Film wurde in Rothenburg bearbeitet und 2007 im Senegal gezeigt. Leider fiel der Strom aus. Mithilfe eines Generators gelang es, einen kleinen Fernseher anzuwerfen und über diesen den Film auszustrahlen. Die Premiere wurde zur unvergesslichen Begebenheit.

In Indien mit Jugendlichen gefilmt

2010 reiste Pohle durch Vermittlung von Jesuiten nach Vettavalam in Indien. Dort bildete er ein Kamerateam mit fünf 16-jährigen Mädchen, die die Lebensumstände dokumentierten, die Wünsche und Hoffnungen junger Menschen mit der Kamera einfingen. Tamilische Jugendliche interviewten tamilische Jugendliche ohne jede europäische Beeinflussung. Im Film ist nicht erkennbar, aus welcher Gesellschaftsschicht die einzelnen Jugendlichen kommen. Das Fazit: Bei gleichen Bildungschancen könnten Millionen von kastenlosen Menschen mit ihrer Intelligenz und ihrer Kreativität die gleichen Leistungen erbringen, wie alle anderen Gesellschaftsschichten.

Zum Irakkrieg 2002 fand an der Oskar-von-Miller-Realschule ein filmisch dokumentiertes Schulprojekt statt. Schülerinnen und Schüler kamen zu Wort. Sie schrieben Briefe an die Machthaber und erklärten, Krieg sei keine Lösung und eine Niederlage der Politik. Die Kinder wünschten sich Frieden auf Erden.

Pohle erinnert an den prämierten Dokumentarfilm „Wenn lang die Bilder schon verblassen“, der die Nazi-Propaganda-Inszenierungen zu entlarven sucht und das im Mai 2021 dazu veröffentlichte Buch. „Filme machen etwas mit den Filmemachern“, so Pohle. Und er denkt intensiv über Schule und Unterricht nach: „Denn Schule kann so viel mehr. Wir müssen nur dran bleiben.“

Thilo Pohle wurde für sein unermüdliches Wirken in diesem Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch er betont immer wieder: „Ohne meine wunderbaren Filmschülerinnen und Filmschüler gäbe es heute keinen einzigen Film.“


Von Margit Schwandt
north