Nach mehr als zwei Stunden Fußball-Drama lag Pathé Ciss vor dem Elfmeterpunkt und regte sich nicht. Womöglich versuchte Senegals Verteidiger, das Unvermeidbare zumindest noch ein bisschen hinauszuzögern. Doch dann setzte Belgiens Youri Tielemans dem wilden Auf und Ab im WM-Sechzehntelfinale von Seattle mit seinem Siegtor ein Ende.
Als Belgiens Kapitän den Strafstoß in der fünften Minute der Nachspielzeit in der zweiten Halbzeit der Verlängerung zum 3:2 (2:2, 0:1) verwandelte, war nicht nur das fulminante Comeback der Roten Teufel perfekt, sondern auch das späteste Tor in der Geschichte von Fußball-Weltmeisterschaften.
Und Senegal, das schon beim historischen Afrika-Cup-Finale gegen Marokko am Ende zum großen Verlierer wurde, war wieder mittendrin - und am Ende trotz starker Leistung und Zwei-Tore-Führung ausgeschieden. „Es ist ein grausamer Sport. Wir müssen es akzeptieren und weitermachen. Es ist nicht einfach für mich, nicht einfach für die Spieler“, sagte Trainer Pape Thiaw, der eine Stunde nach Abpfiff schon gefasster wirkte.
Dass letztlich sein Team um Sadio Mané und Ismaila Sarr der Verlierer war und nicht das über 85 Minuten komplett enttäuschende Belgien, fühlte sich komisch an. „In der Verlängerung ist es ehrlicherweise wie bei zwei Boxern. Die Teams haben gekämpft und gekämpft“, sagte Belgiens Trainer Rudi Garcia, der den Sieg letztendlich auch eingewechselt hatte. Neben Matchwinner Tielemans (zwei Tore) leitete Joker Romelu Lukaku mit seinem späten 1:2 die Wende ein.
Die Partie im Football-Stadion von Seattle hatte an Dramatik alles: einen strauchelnden Favoriten, einen starken Außenseiter, ein großes Comeback und zum Ende der Verlängerung schließlich den maximalen Spannungsbogen. Als Lamine Camara im Strafraum Belgiens Tielemans traf, ging Schiedsrichter Hector Said Martinez zum Videobildschirm und schaute lange, ob es sich um ein Foul handelte.
Als der Referee aus Honduras auf Strafstoß entschied, mussten sich Mané und Co. gefühlt haben wie im Januar in Rabat, als Marokko im Finale des Afrika Cups ebenfalls spät einen Elfmeter zugesprochen bekam. Damals verließ das Team geschlossen den Platz, um später zurückzukommen und die Partie sportlich zu gewinnen. Der Erfolg wurde ihnen im Nachhinein aberkannt.
„Ich denke, unser Team hätte es verdient gehabt. Ich bin extrem traurig - genau wie die Spieler. Sie hätten den Sieg verdient gehabt“, sagte Trainer Thiaw, der sich vor der Weltpresse als fairer Verlierer erwies.
Auf dem Rasen hatten seine Profis noch massiv mit ihrem Schicksal gehadert und beim Unparteiischen protestiert. „Wir müssen uns selbst die Schuld geben, keinem anderen“, gestand Torschütze Habib Diarra.
Während für den Afrika-Cup-Finalisten die WM mit einem unglaublich bitteren K.o. endet, darf Belgien darauf hoffen, wie 2014 und 2018 ins Viertelfinale vorzudringen. Im Achtelfinale geht es am Montag (Ortszeit) gegen Gastgeber USA, die Partie steigt erneut in Seattle. „Wir haben Charakter gezeigt“, sagte Lukaku, der Kapitän Tielemans den Ball beim Elfmeter überließ.
Tielemans selbst hatte zuvor auch das 2:2 erzielt und dabei vor dem Kopfballtor seinen Gegenspieler zu Boden gedrückt. Er selbst sah in der Aktion kein Foul, wie er später in der Interview-Zone erklärte. „Ich fühle mich großartig, gerade nach so einem Spiel“, sagte Tielemans. Rund eineinhalb Stunden vorher war er mit Teamkollege Leandro Trossard aneinandergeraten. Die beiden schrien sich an, Routinier Lukaku ging dazwischen.
Trainer Garcia wirkte erleichtert. Ein Aus im Sechzehntelfinale mit einem Team um Kevin De Bruyne und Jeremy Doku, die er beide früh auswechselte, hätte ihn wohl unweigerlich den Job gekostet. Stattdessen war er mit seinen Wechseln Teil des Comebacks.
„Wir kennen solche Mannschaften: Gegen Ende des Spiels verlieren sie ihre taktische Struktur“, sagte Garcia noch emotionalisiert am Spielfeldrand, ohne seine Aussage genauer zu präzisieren. Mit den beiden späten Toren von Lukaku und Tielemans kämpfte sich Belgien in die Verlängerung, die wiederum der Kapitän vom Punkt dann entschied.
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