Erwin Taube vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) beringt rund 50 Jungstörche jährlich. Das darf er, weil er eine Beringungserlaubnis für den oberen Aischgrund hat. Am Donnerstag war er in Bad Windsheim, Külsheim und Ipsheim unterwegs und hat insgesamt 16 Tiere mit Kunststoff-Markierungen ausgestattet. Alles für die Wissenschaft.
Denn die ist neugierig und möchte gerne wissen: Wie alt werden die Tiere? Welche Regionen fliegen sie an? Wo überwintern sie? Die Zentrale für Tiermarkierung in Radolfzell, die seit 2019 den Beinamen „Vogelwarte Radolfzell” trägt, forscht dazu. Das Ziel der Beringung ist es, möglichst viele Daten über die Tiere zusammenzutragen. Erwin Taube bekommt von dem Institut denn auch die benötigten Markierungen zugeschickt. Es sind zwei beschriftete Halbschalen, die um das Bein des Jungvogels herumgelegt und geschlossen werden.
Es waren ideale Wetterbedingungen am Donnerstag, 9 Uhr, am Ochsenhof in Bad Windsheim: Sonnenschein, kein Wind, 20 Grad. „Ohne die Feuerwehr geht gar nichts”, sagt Erwin Taube, als auch schon das Feuerwehrfahrzeug mit der Drehleiter um die Ecke bog, besetzt mit kleiner Mannschaft: dem stellvertretenden Kommandanten Heiko Schneller und Bernd De Candido. Wie bei Taube haben auch sie jedes Jahr aufs Neue Ende Mai die Beringung der Störche im Terminkalender stehen.
Dann nämlich sind die Tiere im richtigen Alter dafür. Das liegt bei dreieinhalb bis sechs Wochen. Wenn sie älter sind, wäre die Gefahr zu groß, dass sie aus dem Nest hüpfen. So aber stellen sie sich einfach tot und lassen den Menschen machen. Damit die Elterntiere die Aktion nicht stören, nähert sich der Korb der Drehleiter langsam von oben. „Der Storch haut dann einfach ab, bleibt aber meist in Sichtweite und passt auf. Oder er kreist über dem Geschehen”, erzählt De Candido.
Zwei Jungstörche hatte Taube im Nest auf dem Ochsenhof in Bad Windsheim vermutet. „Oft wird man überrascht und es sind mehr”, erzählt er. So auch diesmal. Drei Tiere hat er angetroffen. Damit die Halbschalen der Markierungen nicht durcheinandergeraten und später nicht ein Vogel mit zwei verschiedenen Nummern gekennzeichnet ist, trägt Taube bei der Aktion eine Jacke mit vier Taschen. In jede steckt er zwei Teile einer Beringung. Sobald er die Tiere vor sich hat, kann er loslegen und muss nicht erst Zahlen sortieren.
In einem karierten Notizbuch dokumentiert Taube, was er tut. Diesmal muss er das aber nicht selbst tun. Er hat seinen Enkel David mitgenommen. Der 16-Jährige vermerkt handschriftlich: den Standort des Nestes, das Datum und die angebrachten Nummern. Er war schon häufig mit seinem Opa unterwegs, um Vögel zu beobachten. Doch es war das erste Mal, dass er bei der Beringung von Jungstörchen live dabei war.
Neu ist in diesem Jahr, dass Taube zusätzlich zu der gewöhnlichen Markierung auch digitale Sender an einigen Tieren anbringt. Die seien ihm ebenfalls von der Vogelwarte Radolfzell geschickt worden. Sie seien ein Versuch, noch weitaus mehr Daten zu den Aufenthaltsorten der Vögel erfassen zu können. Zwei Sender hat Taube nun bereits angebracht, einen bei einem Tier in Külsheim, den anderen bei einem in Ipsheim. Er ist gespannt auf die Ergebnisse.
Ipsheim zählt heuer 34 Storchennester. In fünf dieser Exemplare hat Taube die Jungtiere gekennzeichnet. Das waren insgesamt zwölf Kleine. „Man beringt nicht flächendeckend jedes Tier. Es geht vielmehr darum, einen Überblick zu bekommen.” In Ipsheim weiß Taube zudem bereits von vier Nestern, in denen es keinen Nachwuchs geben wird. Das sei aber kein Problem und nicht alarmierend. Es gebe mittlerweile wieder eine hohe Weißstorch-Population, worüber man sich nur freuen könne. Schließlich habe man vor nicht allzu langer Zeit noch um jedes einzelne Tier gerungen. „Es ist gut, zu sehen, dass sich eine Vogelart auch wieder erholen kann.”
Dass Elterntiere immer mal wieder einen Jungvogel aus dem Nest stoßen sei durchaus normal, betont Taube. Meist sei es das Tier, das als letztes geschlüpft und dementsprechend klein und schwach sei. Taube würde sich mitunter wünschen, dass es nur so viel Nachwuchs geben würde, wie die Natur an Nahrung hergibt. Denn die Störche suchten vermehrt Mülldeponien auf, wo sie im Hausmüll nach Fressen suchen. Dabei würden sie dann auch Plastik, Netze und anderes Zeugs verschlucken oder sich um die Beine wickeln, was schnell lebensbedrohlich werden kann.
Manuela Berberich hat die Beringungsaktion in Bad Windsheim von ihrer Dachterrasse an der Sandhüttengasse aus beobachtet. Sie hatte Urlaub und freute sich wahnsinnig darüber, die Aktion endlich einmal miterleben zu können. Nur allzu gerne wäre sie selbst mit der Drehleiter zum tierischen Nachbarn emporgefahren.
Und sie wollte unbedingt wissen, ob es jetzt zwei oder drei Jungtiere sind. Denn Berberich hatte bereits aus der Ferne gerätselt und war sich nicht ganz sicher. Seit 2014 wohnt sie an der Sandhüttengasse und beobachtet gerne, wie die Vögel ihre ersten Flugversuche absolvieren. Dabei würden sie mitunter auch etwas planlos auf ihrer Dachterrasse landen.