„Werdet euch bewusst und verinnerlicht, dass wir keinerlei Schuld am Erlebten tragen“, sagt die Pfadfinderin Miriam Glas. Ihre Stimme bricht dabei, sie hat Tränen in den Augen. „Wir haben nicht zu leise oder zu wenig Nein gesagt. Diese Menschen wollten unser Nein nicht hören – egal wie laut.“
Glas ist eine von mindestens 344 Betroffenen sexueller Gewalt im Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) in Deutschland. Diese Zahl ist das zentrale Ergebnis in einer Studie zweier Forschungsinstitute über Missbrauchsfälle im Verband, die in Kassel vorgestellt wurde. Es geht um hunderte Übergriffe gegen Kinder und Jugendliche, um Vergewaltigungen im Pfadfinderlager. Zwischen 1973 und 2024 listet die Aufarbeitungsstudie 161 mutmaßliche Täter auf.
Marlene Kowalski aus dem Beirat zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im VCP spricht von einem der „dunkelsten Kapitel“ in der Geschichte des Verbandes. Laut Johanna Hess vom Bildungs- und Forschungsinstitut Dissens waren zwei Drittel der Betroffenen zwischen 13 und 17 Jahren alt, 60 Prozent weiblich.
Rund die Hälfte der Taten habe sich bei Pfadfinder-Fahrten oder -Lagern ereignet, und etwa jeder zweite Täter war den Angaben zufolge mit zwischen 18 und 24 Jahren selbst noch relativ jung - und der überwiegende Großteil männlich. Unter den mutmaßlichen Tätern, die die Untersuchung auflistet, sind nur drei weiblich. Oft waren es den Angaben zufolge Gruppenleiter, die sich an ihren Schützlingen vergingen, oder ältere Jugendliche, die jüngere missbrauchten. In mehr als einem Drittel der Fälle gehen die Forscher von Vergewaltigungen aus.
Peter Caspari vom Münchner Forschungsinstitut IPP spricht von einem erheblichen Ausmaß des Missbrauchs im Verband des VCP. Das liege auch an den Strukturen wie einem idealisierten Gemeinschaftsgefühl, die es Tätern vergleichsweise leicht machten.
Die beiden Forschungsinstitute hatten seit 2023 rund 1.300 Seiten Akten gesichtet und 79 Interviews mit ehemaligen und aktiven Pfadfindern geführt und kamen dabei auch zu dem Schluss, dass der Verband Betroffene - vor allem aus den 1980er und 1990er Jahren - teils allein gelassen habe: „Solche Betroffenen wurden vom Verband in doppelter Weise im Stich gelassen: Als Kind wurden sie nicht geschützt und als Erwachsene wurde ihnen Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Erfahrungen vorenthalten.“
Bereits im Jahr 2024 hatte der Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) eine ähnliche Studie vorgestellt, bei der ebenfalls das IPP federführend war. Die Untersuchung geht von mindestens 50 Beschuldigten und 123 Betroffenen aus.
Der BdP hat in Deutschland nach eigenen Angaben rund 30.000 Mitglieder, der VCP ist mit rund 47.000 Mitgliedern größer und vor allem durch die evangelische Kirche geprägt.
„Wir haben auch keine Schuld, weil wir uns zu wenig gewehrt haben. Wir haben nichts, wofür wir uns schämen müssen.Seid wütend, traurig, angeekelt. Was auch immer – aber schämt euch nicht“, sagt die Betroffene Miriam Glas. Sie appelliert an alle im Verband, hinzuschauen und der eigenen Verantwortung gerecht zu werden - auch wenn „wir dieses Problem nicht gänzlich bekämpfen können“. Denn: „Das Verhalten der Täter fußt aber auf gesellschaftlichen Strukturen, die größer sind als unser Verein.“
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