Vielleicht wird Joshua Kimmich daheim in München den Rasen mähen. Zeit hat er dafür. Vielleicht dreht er auch mit seinen Kindern auf dem Oktoberfest ein paar flotte Runden im Kettenkarussell. Die Achterbahn kommt eher nicht infrage. Rasant bergab ging es für den DFB-Kapitän gerade bei der Fußball-Nationalmannschaft - schon wieder.
Der 31-Jährige reiste nach dem 0:1 gegen Griechenland mit einem saublöden Gefühl vom DFB-Team ab - und das auch noch früher, als ihm lieb war. „Schwierig. Ich wäre gerne geblieben, aber ich verstehe auch, dass der Trainer noch andere Jungs kennenlernen möchte“, sagte der Bayern-Profi. „Dementsprechend werde ich von zu Hause aus die Daumen drücken.“
Dass ihm die große Personalrochade von Klopp mit zwei Kadern in zwei Wochen nicht so recht passt, konnte Kimmich nur schwer verbergen. „Ich hatte bis zum Ende so ein bissel gehofft, zu bleiben“, sagte der Bayern-Profi noch am Spielort Augsburg. Doch der Bundestrainer blieb bei seinem Plan, dass auch der Kapitän für die zweite Länderspiel-Woche von Bord geht.
Natürlich war die Enttäuschung nicht vergleichbar mit dem Schmerz nach seinem persönlich schon dritten WM-Debakel in diesem Sommer. Aber es passte zur traurigen Dramaturgie im nächsten Kapitel seiner DFB-Karriere, dass er sich nach anfangs enorm engagierter Leistung gegen die Griechen zuerst einen krassen, noch unbestraften Fehlpass im Spielaufbau leistete und danach beim Gegentor von Dimitrios Kourbelis den Ball entscheidend abfälschte.
Ausgerechnet in seinem Heimstadion in München gegen Serbien am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) nicht zum Aufgebot zu gehören, ist besonders nervig für den immer auf Einsätze hungrigen Kimmich. Er will ja auch noch Rekordnationalspieler werden. 34 Partien fehlen bis zu den 150 von Lothar Matthäus. Zwei gehen ihm jetzt in dieser Woche flöten.
Und ein Ersatzprogramm für die nächsten Tage hat er auch noch nicht. „Ich fahre nach Hause, und dann werden wir schauen. Es wird jetzt nicht weit weg gehen, weil die Kinder in die Schule gehen. Dementsprechend werde ich zu Hause sein und am Donnerstag vielleicht zum Spiel kommen“, sagte Kimmich. Vielleicht. Vielleicht bleibt er auch zu Hause vor dem Fernseher.
Ein durch und durch fitter Kimmich, der in einer Länderspiel-Woche nicht beim DFB-Team ist, das hat es seit zehn Jahren - seit seinem Debüt ebenfalls in Augsburg beim 1:3 im EM-Test 2016 gegen die Slowakei - nicht mehr gegeben. Unter Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann verpasste er nur drei von 37 Spielen.
Ein Ex-Kollege und Ex-Weltmeister kann sich die DFB-Elf ohne Kimmich nicht vorstellen. „Wenn wir von hinten herausspielen müssen, ist der Einzige, der kreative Pässe spielen kann, Kimmich. Das ist der Einzige“, sagte Bastian Schweinsteiger als ARD-Experte. „Wenn der nicht da ist, wird es schwierig.“
Die Gesamtsituation ist für Kimmich unbefriedigend. Endlich darf er unter Klopp wieder im Mittelfeld-Zentrum ran. Und im 4-3-3-System ist er der Solist zwischen Defensive und Offensive. Man spiele halt ein anderes System als beim FC Bayern, merkte Kimmich an und versuchte, diese Aussage ohne Wertung vorzutragen. Sein Münchner Nebenmann Aleksandar Pavlovic darf nun in der zweiten Woche bei Klopp als Sechser vorspielen.
Einen Konflikt zwischen Kimmich und dem Bundestrainer zu konstruieren, wäre unseriös. Gemeinsam marschierten sie nach dem Flop gegen die Griechen voran Richtung Fankurve. Dennoch blieb schon bei der Kaderpräsentation vor knapp zwei Wochen der Eindruck, dass Klopps Statement keine bedingungslose Liebeserklärung war. Es war eher eine Aufforderung.
„Stabilität kommt nur von der Defensive, wie man defensiv arbeitet. Und da brauche ich jeden Einzelnen. Und da geht es jetzt einfach darum, dass er sich darauf einlässt. Das gilt für Jo wie eben für jeden anderen auch, natürlich. Ich habe da gar keine Zweifel“, sagte der DFB-Chefcoach. „Ich erwarte einfach, dass er sein Potenzial, das ja unbestritten ist, und die daraus resultierende Qualität bei uns eben auch jedes Mal voll einbringt“, sagte Klopp über Kimmich vor dem nun missglückten Neustart.
Trotz aller Enttäuschung will Kimmich den Neubeginn unter Klopp nicht zu negativ bewerten. „Es ist offensichtlich, dass wir Dinge ausprobieren, dass wir zueinanderfinden müssen, dass es ein neuer Ansatz ist und wir uns darauf einlassen müssen. Das werden wir auch. Wir werden auch besser werden.“ Die Stimmung in Klopps erster Trainingswoche „war sehr positiv“, wie Kimmich sagte.
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