„Es braucht Leute, denen es egal ist, dass sie mit Vollgas gegen eine Wand laufen“. Das sagt Trainer Matthias Schimmelpfennig über Stabhochspringer. Und meint damit Leute wie Leo Trumpp aus Feuchtwangen, einer der furchtlosen Burschen in seiner Trainingsgruppe.
Interessant wird es dann, um im Bild zu bleiben, wenn sie die Wand erreichen und nicht etwa abprallen, sondern die ersprintete Energie dazu nutzen, oben drüber zu springen. Trumpp, und damit soll es dann – vorerst – gut sein mit diesem Bild, überwindet Wände, die bis zu 4,60 Meter hoch sind.
Nicht schlecht für sein erstes Jahr im Leistungszentrum des TSV Gräfelfing unter den Fittichen von Schimmelpfennig, der dort rund ein Dutzend Stabhochspringer trainiert. Und die großen Wettkämpfe des Sommers kommen ja erst noch. Am Wochenende steigt die Süddeutsche Meisterschaft in St. Wendel, Mitte Juli ist die Deutsche Meisterschaft in Wattenscheid.
Material, Betreuung, das ist alles sehr gut.
„Die Wege sind viel kürzer, Material, Betreuung, das ist alles sehr gut hier. Der Wechsel nach Gräfelfing hat sich für mich wirklich gelohnt“, sagt Trumpp.
Schimmelpfennig ist der Landestrainer Sprung und in der Lage, aus dem Stand ein etwa einstündiges Referat über Stabhochsprung und Leo Trumpp und die ganze Welt dazwischen zu halten. Wer das genossen hat, fühlt sich umgehend vom staunenden Laien zum Halbexperten dieser faszinierenden Disziplin befördert.
Auch wenn man damals bei den Bundesjugendspielen weder den Speed einer Gina Lückenkemper noch die Grazie einer Malaika Mihambo erreichte, wie Sprint, Weitsprung oder auch Kugelstoßen vor sich gehen, erfuhr man am eigenen Leib. Komplizierte Rotationsbewegungen kopfüber in viereinhalb Metern Höhe dagegen sind das exklusive Vergnügen von Spezialisten.
Der „Kontrollwechsel von unteren zu oberen Extremitäten“ macht den Stabhochsprung für Schimmelpfennig zu einer ziemlich einzigartigen Herausforderung, entsprechend viel gibt es zu trainieren.
Das tut Trumpp zur vollsten Zufriedenheit des Trainers, der außerdem das „Mindset“ seines Schützlings lobt, also eine gewisse Unerschrockenheit (von wegen Vollgas und Wand), ohne dabei in gefährlichen Übermut abzudriften. Dann lässt Schimmelpfennig noch fallen, dass die Norm für die Olympischen Spiele in Los Angeles bei 5,82 Metern liege. Olympia – echt jetzt?
„Daran denke ich im Moment nicht“, sagt Trumpp.
„Was ich damit sagen will ist, dass ich keinen Grund sehe, warum es bei Leo nicht irgendwann in diesen Bereich gehen könnte“, sagt Schimmelpfennig.
Vergangenen Herbst ist Trumpp mit 15 von daheim aus und ins Haus der Athleten im Münchner Norden eingezogen. Das erste Jahr dient laut Schimmelpfennig hauptsächlich zur Eingewöhnung. Neue Schule, neues Umfeld, neue Leute in der Trainingsgruppe, muss man sich erst mal dran gewöhnen, Routinen finden. Hat geklappt und auch im Sport, der wichtigste Grund für den Umzug, geht es im Wortsinn wie erhofft weiter nach oben. „Wir sind mit seiner Leistungsentwicklung sehr zufrieden“, sagt Schimmelpfennig.
Im Juni hat Trumpp, der zuvor beim LAC Quelle in Fürth trainierte, mit 4,60 Metern eine neue Bestleistung aufgestellt. Beim Heimspiel, dem namhaften Stabhochsprungfestival Touch the Clouds. Damit zählt er zu den drei besten U18-Springern in Deutschland, ganz oben auf der Rangliste steht mit 4,92 Metern Jonathan Hummel (LG Leinfelden-Echterdingen).
Der eine oder andere Zentimeter mehr wäre wohl noch drin gewesen für Trumpp, allerdings liegt der Schwerpunkt momentan gar nicht unbedingt auf neuen Bestleistungen, sondern auf einer umfassenden Ausbildung. Das höchste Leistungsvermögen erreichen die Springer üblicherweise erst mit Anfang 20.
Bei Trumpp geht es in den wöchentlich sieben, acht Trainingseinheiten unter anderem darum, die Bewegungsenergie möglichst vollständig auf den Stab zu übertragen. Da und bei der Anlaufgeschwindigkeit ist noch Verbesserungspotential.
Der Realschüler trainiert außerdem weiterhin Mehrkampf und daheim immer mal wie früher mit Papa Martin Trumpp Turnen. Auch das hilft, Wände zu überwinden, auf die man zuvor furchtlos zugerannt ist.