LesArt Ansbach: Mit „Hundert Wörtern für Schnee” zum Nordpol | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 10.11.2025 20:50

LesArt Ansbach: Mit „Hundert Wörtern für Schnee” zum Nordpol

Nach einer solchen Lesung liest man Franzobels Romane anders, man liest sie besser, also mit dem echten Franzobel-Sound im Ohr. Der österreichische Tonfall, natürlich, ist das eine, was haften bleibt. Das andere ist eine entspannte Haltung, eine Mischung aus Ernst und Ironie, die noch das Grauslichste goutierbar macht.

Mit Franzobel begann die bereits ausverkaufte 29. Ansbacher LesArt. Mitgebracht hatte der österreichische Schriftsteller seinen historischen Roman, „Hundert Wörter für Schnee”. Es geht darin, akribisch recherchiert, um den amerikanischen Nordpol-Eroberer Robert Peary, seine Frau, seinen Konkurrenten und um das Volk der Inughuit, allen voran um Minik, einen Jungen, der zu jenen sechs Inughuit gehörte, die Peary nach New York verbrachte, als seien sie Forschungsobjekte.

Überbordende Fabulierphantasie

Franzobel hat die wahre Geschichte mit der ihm eigenen Fabulierphantasie aufgeschäumt. Ein Abenteuerroman für das postheroische, postkolonialistische Zeitalter ist daraus geworden, 520 Seiten stark, sprachgewaltig, packend, poetisch, erschreckend, magisch-realistisch, irritierend und humorvoll bis zum Schluss. Franzobel reizt es, die Grenzen des Menschseins zu erkunden. Der arktische Stoff ist wie gemacht dafür.

Peary will den Ruhm, als erster den Nordpol erreicht zu haben, koste es, was es wolle. Die Inughuit interessieren ihn nur so weit, wie sie seinem Zweck dienlich sein können. Die wiederum interessieren Franzobel.

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Der Versuchung, aus den Inughuit die Guten zu machen, hat er widerstanden. Für ihn sind Figuren immer zwiespältig. „Ich will auch die Bösen verstehen und ich will bei den Guten in die Abgründe sehen.” Bei den Inughuit – „ein wahnsinnig freundliches, unglaublich nettes, aufgeschlossenes Volk” – ist das die „arge Brutalität”, die notwendig ist, um auf Grönland zu überleben. Was für Waisen und Alte ein Todesurteil bedeutet. Franzobel: „Wer nicht mehr konnte, der ist mehr oder weniger entsorgt worden.”

Der Roman bezieht seine Spannung aus dem Zusammenprall zweier Kulturen. Weil jeweils die eine die andere nicht recht versteht, steckt darin Potenzial für Humor und Komik. Es darf gelacht werden. Und wird es auch in der Lesung. Es ist kein herabwürdigendes Lachen, sondern im Idealfall, so wie im Buch, eines, in dem die Einsicht in die eigenen Beschränktheiten mitschwingt. Man versteht, dass rohes Robbenfleisch, ein Jahr im Boden vergraben, eine kulinarische Köstlichkeit sein kann. Franzobel ist trotzdem froh, dass er sie nie kosten musste, und sagt warum: „Geschmacklich irgendwo zwischen Blauschimmelkäse und Babywindel.“

Lange Entstehungsgeschichte

13 Jahre hat er den Stoff für den Roman mit sich herumgetragen. Ein Foto von Minik, dem er einen magischen Blick zuschreibt, hat ihn dermaßen fasziniert, dass er angefangen hat zu recherchieren. Fast wäre aber nichts daraus geworden, weil er Miniks Grab in New Hampshire nicht gefunden hat. Die Schneedecke war zu dick. Ob Minik vielleicht nicht wollte, dass ein österreichischer Autor über ihn schreibt? „An solche kosmologischen Zusammenhänge glaube ich schon: Das Universum ist dagegen”, gesteht Franzobel schmunzelnd. „Also habe ich das ganze Projekt wieder auf die Seite geräumt.”

Kurz darauf, ein anderes Vorzeichen, lernte Franzobel eine österreichische Ethnologin kennen, die eine Expertin für die Kultur der Inughuit ist. Das Eis war gebrochen. Die Zweifel blieben: „Gleichzeitig habe ich gedacht, Grönland, das ist so ein Thema, das würde keinen Menschen interessieren.”

Er hat den Roman trotzdem geschrieben. Und pünktlich meldete sich zwar nicht das Universum persönlich, aber der amerikanische Präsident: Er hätte gern ganz Grönland. „Das war”, merkt Franzobel süffisant an, „natürlich schon eine ganz gute Promotion.”

Eröffnete die 29. LesArt in Ansbach: Franzobel. (Foto: Thomas Wirth)
Eröffnete die 29. LesArt in Ansbach: Franzobel. (Foto: Thomas Wirth)
Eröffnete die 29. LesArt in Ansbach: Franzobel. (Foto: Thomas Wirth)

Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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