Hat die „Generation Corona“ ein Aggressionsproblem? In der Frage, ob sich in der Stadt Vorfälle von Sachbeschädigungen und Rowdytum signifikant häufen, hat die Jugendamtsleiterin deutlich Stellung bezogen: Für Sandra Kilian stellt Vandalismus nicht das größte Problem dar.
Als die Chefin des Jugendamts kurz nach Weihnachten die Zeitung aufschlägt und dort über eine Spur der Verwüstung liest, die eine Gruppe inzwischen überführter Jugendlicher in der Stadt hinterlassen hat, wundert sie sich nicht. „Geschockt war ich nicht“, sagt Kilian bestimmt, „nach beinahe jedem Wochenende gibt es so etwas. Vandalismus gehört ja fast schon zum Alltag.“
Derartige Vorfälle wie die in Ansbach sind in ganz Deutschland zu beobachten, ordnet sie das Geschehen ein. Aktuell lägen ihr aber keine Rückmeldungen der Polizei oder der Jugendgerichtshilfe diesbezüglich für Ansbach vor, führt Kilian aus.
Mit Ruhe und Beschaulichkeit hat die Situation der Heranwachsenden in Ansbach dennoch nichts zu tun. Zumindest nicht, wenn man die aktuellen Statistiken zur Beurteilung heranzieht. Die Zwischenfälle häufen sich, Kilian berichtet von Vorkommnissen aller Art, „Querbeet“: Körperverletzungen, Diebstähle, Hausfriedensbruch, Drogenbesitz, Beleidigungen. Für 2022 sind beim Jugendamt 360 und damit 91 Fälle mehr als im Vorjahr verzeichnet, die nicht mehr nur mit guten Worten alleine zu beheben waren.
„Wir haben schlimmere Probleme als Vandalismus“, stellt Kilian klar und spricht in diesem Zusammenhang von Einzelerscheinungen. Eine Häufung für Ansbach sieht die Leiterin des Amtes für Familie und Jugend dagegen nicht. Eskalationen, häusliche Gewalt, gefährdetes Kindeswohl – das dagegen „ist seit Corona stark angestiegen“, berichtet sie aus der Praxis.
„Wir stellen in allen Bereichen eine größere Aggressivität der Jugendlichen fest“, berichtet Kilian von „Vorfällen und Übergriffen auf Mitarbeiterinnen“ im Jugendzentrum (JUZ). „Zu bestimmten Zeiten ist es unmöglich, eine Person alleinzulassen.“ Weil erst ab dem 1. April wieder zwei Mitarbeiterinnen zur Verfügung stehen, sind die Öffnungszeiten des Jugendzentrums derzeit eingeschränkt.
Das sind die kurzfristigen Folgen, grundsätzlich aber ist Kilian „eine große Verfechterin der Prävention“. Eine Streetworkerin ist an vier Tagen in der Woche unterwegs, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. So sollen Probleme frühzeitig erkannt und im besten Fall gelöst werden, ehe etwas passiert. „Wir als Jugendamt werden oft erst informiert, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist.“
Dabei wäre gerade eine starke Basis so wichtig für die Heranwachsenden. „Nur starke Eltern können starke Kinder hervorbringen. Niemand wird als Vandale oder Schläger geboren.“ Doch wer frühzeitig selbst Gewalt erfährt und nicht lernt, mit Aggression umzugehen, wird nicht selten selbst zum Täter. Das sind Kilians Erfahrungen. Die Gruppendynamik wie bei den jüngsten Vandalismus-Vorfällen kommt noch dazu. „Sie suchen Anerkennung in der Gruppe, weil sie sonst keine Anerkennung bekommen.“
Mit niedrigschwelligen Angeboten wie dem geplanten Familienzentrum mit Bildungsangeboten für Eltern soll schon im Vorfeld Abhilfe geschaffen werden. Konkret hat die Stadt bereits reagiert und mit einem „aufsuchenden Sozialarbeiter“, so der Fachterminus, eine Stelle geschaffen, die Jugendliche wie Erwachsene betreut.
Zudem bietet das Jugendamt verschiedene Kurse an, daneben gibt es auch einen Familien-Coach, der bei Schwierigkeiten moderierend eingreifen kann. Noch näher dran sind die Jugendsozialarbeiter, die inzwischen „an fast jeder Grund- und Mittelschule in Ansbach“ tätig sind, wie Kilian berichtet.
Selbst die Polizei setzt darauf, nicht jedes Vergehen gleich zur Anzeige bringen zu müssen. Geriet der Schlossplatz zuletzt durch Verunstaltungen der WC-Anlage am Theater in Verruf, konnte er über verstärkte Präsenz der Sicherheitswacht und ziviler Streifen befriedet werden. „Da stehen Gespräche im Vordergrund, nicht die Repression“, erklärt Stefan Schuster, stellvertretender Polizei-Chef in Ansbach.
„Ich fühle mich sicher, aber jeder hat ein anderes Empfinden“, relativiert Sandra Kilian. Sie hat angeregt, einen Platz der Zusammenkunft für Jugendliche außerhalb des JUZ zu schaffen. Doch die Suche nach einer geeigneten Örtlichkeit gestaltet sich schwierig, sagt Kilian: „Man hat so den Eindruck, Jugendliche stören grundsätzlich überall.“
Daher könnte der Ausbau einer geeigneten Unterkunft über ein gemeinschaftliches Projekt in die Tat umgesetzt werden. Sich einbringen in den Entstehungsprozess und aktiv gestalten – das wäre dann auch ein Rezept, Jugendliche einzubinden.