„Ich bin das, was passiert ist“, erkennt Hans allmählich. Die Erinnerung wäre er gerne los. Aber was ist passiert? Dies erzählt das neue Klassenzimmerstück des Landestheaters Dinkelsbühl. „Mit gefesselten Fäusten” heißt es.
Der Monolog von Rike Reiniger basiert weitgehend auf der Biografie des sinto-deutschen Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann. Premiere hatte das Erzähltheater-Solo nicht in Dinkelsbühl, sondern am Reichsstadt-Gymnasium in Rothenburg. Regie führte Dirk Waanders.
„Wollt ihr meine Erinnerung haben?“, fragt Hans, gespielt von Andreas Peteratzinger, die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse. Kopfschütteln – eine Erinnerung, von der man nichts weiß? Also erzählt Hans weiter, es fällt ihm sichtlich schwer. Wie ein Dämon sitzt die Vergangenheit ihm im Nacken. Hans hat seinen Freund aus Kindertagen, den „Zigeuner-Boxer“, während der NS-Zeit im Stich gelassen. So etwas sitzt tief. Das kann man nicht einfach wie Gerümpel entsorgen. Gebannt lauschen die jungen Leute dem Rückblick – betroffen, berührt. Es ist mucksmäuschenstill im Klassenzimmer.
Hans will sich die Last von der Seele reden, los wird er sie dennoch nicht. Das macht Peteratzinger mit seinem intensiven, ausdrucksstarken Spiel sehr deutlich. Er erzählt vom ersten Kennenlernen, dem Beginn der Freundschaft, den ärmlichen Lebensverhältnissen, dem zwölften Geburtstag, als ihm der Sinto-Junge Ruki spontan einen Apfel schenkte, von der gemeinsamen Zeit im Box-Club.
Rukis Karriere ging zunächst voran, bis er immer öfter diskriminiert und ausgegrenzt wurde. Hans schwieg dazu. Was hätte er denn schon erreichen können? Der Titel „Deutscher Meister“ wurde Ruki aberkannt, da sein Kampferfolg nach der NS-Ideologie mehr und mehr als „undeutsch“ eingestuft wurde. Ein „Zigeuner-Boxer“ kann doch kein Deutscher Meister sein. Auch jetzt schwieg Hans. Auch als die Zeitungsberichte zur Karriere Rukis im Box-Club verschwanden. Die Wege trennten sich. Erst im Arbeitslager der Nationalsozialisten trafen sie sich als Inhaftierte wieder. Zur Freundschaft bekannte sich Hans auch dort nicht.
Andreas Peteratzinger macht Hans' Bedrängnis, damals wie heute, zum Greifen nah, bezieht die jungen Leute immer wieder mit ein. Man spürt richtig, wie Hans das Erzählen schwerfällt, wie ihn die Erinnerung im Griff hat. Nur nicht auffallen, war die Devise, auch als Ruki bei Showkämpfen im Lager verhöhnt, gedemütigt und verprügelt wurde. Am Ende musste Hans selbst auf Befehl des Lagerkommandanten den Todesschuss abgeben. „Wollt ihr diese Erinnerung nun haben?“ Die jungen Leute, die dem Solo mit großer Aufmerksamkeit folgten, schwiegen betroffen, bevor sie klatschten.
Im Nachgespräch konnten die Schülerinnen und Schüler dem Schauspieler sowie Jasmin Meindl, der Intendantin des Landestheaters, Fragen stellen: zum Inhalt des Stückes, zum zeitgeschichtlichen Kontext oder auch zur Frage, was Hans hätte tun können. Zur Sprache kam unter anderem die Bedeutung von Menschenrechten und Zivilcourage. Auch über die Arbeit von Schauspielerinnen und Schauspielern wurde diskutiert.