Wenn Tony Iommi ins Studio geht, kommt die Dunkelheit automatisch. „Sobald ich anfange zu spielen, kommt mir immer ein düsteres Riff in den Sinn“, sagt der Gitarrist und Gründer der Heavy-Metal-Band Black Sabbath im Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Das steckt einfach in mir. Ich weiß nicht, was es ist, aber es kommt raus, und es gefällt mir.“
Gut ein Jahr nach dem Tod von Black-Sabbath-Frontmann Ozzy Osbourne meldet sich Iommi musikalisch zurück. „From The Dark“ ist das erste Soloalbum des 78-Jährigen seit mehr als 20 Jahren.
Der Gitarrist hat sich mit dem Album viel Zeit gelassen. Ursprünglich hatte Iommi eine Instrumental-Platte geplant. „Dann habe ich es mir anders überlegt“, erzählt er. „Ich wollte ein Album mit Gesang machen, und zwar mit einer richtigen Band statt mit lauter verschiedenen Musikern und Sängern.“
Frontmann dieser Band ist der Norweger Jørn Lande, eine der markantesten Stimmen der skandinavischen Hardrock-Szene. Er sang in der Band Masterplan und veröffentlichte als Jorn unter anderem das Tribut-Album „Dio“ für den 2010 gestorbenen, ehemaligen Black-Sabbath-Sänger Ronnie James Dio. Zusammen mit Iommi hatte er damals auch ein Gedenkkonzert für Dio in London gespielt.
„Ich mochte Jørns Stimme schon immer“, sagt Iommi, der die Musik schrieb. Die Texte stammen von Lande. „Ich mag es, wenn Sänger ihre eigenen Texte schreiben. Sie können bestimmte Wörter dann besser betonen“, erklärt er. Bei Ozzy sei das anders gewesen, für ihn habe Sabbath-Bassist Geezer Butler getextet. „Als Dio in die Band kam, war Geezer froh, dass er die Texte nicht mehr schreiben musste.“
„Over The Violent Sun“ leitet das Album mit einem wuchtigen Riff in typischem Iommi-Stil ein. „Black Times“ ist ein düsterer, gewollt schwerfälliger Song. Hingegen ist „World Alone“, die erste Single aus dem Album, das schnellste und geradlinigste Stück der Platte. Die Texte handeln von existenziellen Fragen und Vergänglichkeit - und zeichnen dystopische Bilder.
Ein Highlight ist „Death Wake“, bei dem Queen-Gitarrist Brian May mitspielt. Der 79-Jährige ist seit Jahrzehnten mit Iommi befreundet und spielte auch schon 1989 auf dem Black-Sabbath-Juwel „When Death Calls“. Die Paarung aus Iommis Heavy-Metal-Sound und dem markanten Gitarrenklang des Queen-Musikers funktioniert hervorragend.
Landes kraftvolle, ausdrucksstarke Stimme ist perfekt für die schweren Songs von Tony Iommi. Der Stil erinnert unweigerlich an „Dehumanizer“ (1992), Black Sabbaths drittes Album mit Dio, und „The Devil You Know“ (2009), das dieselbe Besetzung unter dem Bandnamen Heaven & Hell veröffentlichte. Absicht sei das nicht gewesen, betont Iommi. „Das ist einfach das, was ich mache.“
Mit seinem Produzenten Mike Exeter, der seit 30 Jahren mit ihm arbeitet, ging Iommi für das neue Album immer dann ins Studio, wenn beide Zeit hatten. „Es gab keine Eile und keinen Druck“, sagt er. Exeter steuerte auch Keyboards bei. Neben Bassistin Becky Baldwin komplettiert Schlagzeuger Karl Brazil die Band. Beide leben wie Iommi im Raum Birmingham.
Eigentlich sollte Geezer Butler auf dem Album Bass spielen. Doch Iommis Sabbath-Kollege konnte dafür nicht nach England kommen, und Aufnahmen hin- und herzuschicken kam für Iommi nicht infrage. „Ich wollte nicht etwas verschicken und es dann fertig zurückbekommen“, sagt er. „Ich wollte ein Teil davon sein, mit allen zusammen im Studio.“ Baldwin spiele wie Butler mit den Fingern und sei ein großer Fan von ihm. „Sie ist sehr gut.“
Brazil ist vor allem als Drummer von James Blunt und Robbie Williams bekannt. Iommi lernte ihn zufällig bei einem Strandspaziergang kennen. „Er kam auf mich zu, und ich dachte, er sei ein Fan“, erzählt Iommi. Doch Brazil sprach ihn an, weil die beiden in Exeter einen gemeinsamen Bekannten hatten.
Über Brazil kam laut Iommi auch sein Gastauftritt in Robbie Williams' Song „Rocket“ im vergangenen Jahr zustande. Der frühere Take-That-Sänger überredete ihn auch, im Musikvideo mitzuwirken. „Eigentlich mag ich keine Videos“, sagt Iommi. „Aber weil Robbie gefragt hat, habe ich zugesagt.“
Tony Iommi gilt als einer der Wegbereiter des Heavy Metal, seine tief gestimmten Riffs prägen das Genre bis heute. Einst waren er und seine Bandkollegen mit ihrem düsteren Sound der Schrecken braver Eltern. Mittlerweile ist Iommi zum Member of the Order of the British Empire (MBE) ernannt worden - für seine Verdienste um die Musik und sein Engagement für Wohltätigkeitsorganisationen. „Ich fühle mich sehr geehrt“, sagt er.
Musikalisch ist er sich dabei immer treu geblieben. „From The Dark“ knüpft nahtlos an sein bisheriges Werk an - ganz gleich, ob der Mann am Mikrofon Ozzy Osbourne, Ronnie James Dio oder nun Jørn Lande heißt.
Ob Iommi mit seiner neuen Band auch auf die Bühne geht, ist noch offen. „Pläne gibt es noch keine, aber möglich ist es“, sagt er. Bassistin Baldwin habe ihn neulich schon gefragt, ob sie Konzerte spielen würden.
Und was treibt ihn nach mehr als sechs Jahrzehnten noch an? „Es tut meinem Kopf gut, ins Studio zu gehen und mir Ideen auszudenken“, sagt Iommi. „Wenn mir ein Riff gefällt, denke ich: Das ist toll. Das baut einen richtig auf.“
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